Und am Ausgang des Hades erstrahlt die Gelbe Wand

Champions League, Borussia Dortmund – Olympiakos Piräus 1:0

Es gibt ja so Tage, die braucht kein Mensch. Und es gibt Tage, an denen ist die Geschichte der Anreise zu einem Fußballspiel interessanter als das Spiel selbst. Wobei ich das Spiel nicht so schlecht fand, wie nachher alle sagten. Man kann ja auch mal scheiße ergebnisorientiert nicht Zauberfußball spielen und trotzdem gewinnen. Schön gespielt und verloren haben wir oft genug.

Als Kevin Großkreutz Piräus den Ball unhaltbar ins Netz donnerte und ich Arme und Augen dem Dortmunder Nachthimmel zuwandte, bejubelte ich damit nicht nur das Tor, sondern auch die Tatsache, dass ich bei diesem Spiel überhaupt auf dem Platz der Tribüne stand. Aber von vorn.

Schon vor der Abfahrt stellten sich mir Widrigkeiten in den Weg. Zunächst kam ich 1,5 Stunden zu spät los, weil der Postbote die falsche Benachrichtigungskarte erwischt hatte und mich zu einer Postfiliale in Posemuckel schickte anstatt in die bei mir um die Ecke, wo das Päckchen wirklich lag.

Somit kam ich auch 1,5 Stunden später in dem Riesenstau nach einem Horrorunfall auf der A 7 an. Blöderweise schenkte ich dann der Umleitungsempfehlung des freundlichen Radiomannes Glauben, die mich ab Schwarmstedt über die U 30 schicken wollte. Ich kenne den Radiomann nämlich persönlich. In Schwarmstedt kam ich aber erst vier Stunden später an. Zum Glück bei typisch novemberlichen 19 Grad und Sonnenschein. Mit der Dauer des Staus wuchs meine Verzweiflung. Und der Wunsch, dem Typen aus Bielefeld hinter mir die Sinnhaftigkeit einer Rettungsgasse anhand des Schaubildes „Meine Faust in Deine Fresse“ beizubringen, aber das nur am Rande.

Im Gegensatz zum Verkehr auf der Autobahn lief der SMS-Verkehr ab jetzt ziemlich flüssig. Um 12.54 Uhr klang das noch so: „Yeah. Megastau bei Westenholz. Bin gar nicht erst bis zur Umleitungsempfehlung gekommen. Hmpf“.
Mutter um 12.56 Uhr: „Dann wünsch ich Dir, dass es bald weitergeht.“
Ich um 12.57 Uhr: „Das glaube ich kaum, weil die A 7 seit Stunden in beiden Richtungen dicht ist.“
Mutter um 12.59 Uhr: „Das ist ja echt scheiße.“
Man sieht, woher ich meine gute Ausdrucksweise hab.

Während der ersten zwei Stunden hatte ich noch relativ gute Laune – die Sonne schien, ich konnte Studien „all der dummen Leute auf engstem Raum“ (so beschreibt meine Mutter einen Stau) machen, hatte eine neue CD dabei und ein Stadionmagazin, das ich noch nicht gelesen hatte. Und eine „Instyle“ mit Simon Baker drauf. *hust*

Aber irgendwann hatte ich die CD zweimal gehört, das Magazin durch, die „Instyle“ sowieso. Irgendwann musste ich nur noch dringend aufs Klo, und nur von den Muffins, die eigentlich für meine Eltern waren, kommt man auch nicht weit. Irgendwann braucht man dann auch mal eine Bifiroll von der Tanke. Ich machte mich also irgendwann mit dem Gedanken vertraut, dass ich beim Spiel nicht nur nicht auf dem Platz, sondern vielleicht nicht mal auf der Tribüne sitzen würde. Und das nicht nur, weil auf der Südtribüne traditionell nie gesessen wird.

15.02 Uhr also SMS an den Trainer, äh den besten Freund, mit dem ich mich eigentlich im Stadion hatte treffen wollen: „Ich glaub, das Spiel kann ich abhaken. Steh seit 2,5 Stunden 100 km hinter Hamburg im Stau.“
Es folgten ein kurzes Telefonat, das dann irgendwie abgewürgt wurde, und die aufmunternden Worte des besten Freundes um 15:17 Uhr: „Das klappt noch! Ruhig Blut…“
SMS zurück um 15.21 Uhr: „Nie im Leben klappt das noch“.

Denn dummerweise lag meine Dauerkarte noch in Lippstadt, weil damit ja sonst meine Mutter ins Stadion geht. Und noch 180 km bis Lippstadt, dort kurz unter den Armen herwaschen, das Trikot anziehen, Karte einstecken, wieder los, auf die A 44 (auf der ja auch immer Stau ist), parken im Dortmunder Norden, die Stadionbahn in der Münsterstraße erwischen, zum Stadion fahren, Wurst am Schwimmbad essen, ins Stadion kommen,  noch mal kurz aufs Klo, auf die Tribüne, „Heja BVB“ singen in fünf Stunden schien mir ziemlich unmöglich. Vor allem, weil ich ja immer noch im Stau stand.

Dass doch noch alles gut wurde, verdanke ich einem konspirativen Treffen zwischen dem besten Freund, der in Paderborn in den Zug gestiegen war und meiner Mutter, die dem besten Freund während des Zughaltes in Lippstadt meine Dauerkarte und meinen Stadiondeckel durchs Fenster reichte, woraufhin mich um 18.46 Uhr die Nachricht erreichte: „Karte + Stadiondeckel hätte ich schon mal“.

Zu dieser Zeit war ich mittlerweile auf der A 2 angekommen und mit schlanken 730 km/h im Schnitt auf dem Weg direkt nach Dortmund. Mademoiselle Schollis Nachricht mit den besten Wünschen für eine baldige Ankunft tat also ihre Wirkung. Um 19.30 Uhr konnte ich vermelden: „U-Bahn DO-Münsterstraße. Stadionbahn kommt in 1 Minute. Alles wird gut.“
Bester Freund um 19.32 Uhr: „Top. Das freut mich. Bin 19.45 h am Stadionbahnhof. Treffen am Schwimmbad.“
19.36 Uhr: „Jawoll. Ich bin die Frau mit den Augenringen und den wirren grauen Haaren.“

Als ich auf die Tribüne kam, war es mir, als hätte ich den Hades durchquert und sei anschließend im schwarz-gelben Paradies gelandet.

Spiel? Welches Spiel? Ach ja, Spiel war auch noch. Ein richtiger Spielbericht hier, ich weiß nichts mehr davon. Siehe:
Mutter um 22.41 Uhr: „Ich bin mit den Nerven fast am Ende.“
Ich um 22.43 Uhr: „Frach mich ma. Als hätte ich selber gespielt.“
Mutter um 22.45 Uhr: „Fahr schön vorsichtig. Wir stellen Bier kalt.“

Diese internationale Belastung ist echt nichts mehr für mich. Als Moritz Leitner kurz vor Schluss mit Krämpfen am Boden lag, wusste ich genau, wie sich das anfühlt.

Foto: Herr t.
(Und wenn ich sage „Kannste mal für mich den Schmelzer fotografieren?“, dann meine ich nicht in Dreiviertelrückansicht!)


9 responses to “Und am Ausgang des Hades erstrahlt die Gelbe Wand

  • Nick

    Das Spiel habe ich auch relativ schnell abgehakt. Obwohl ich fand, dass das ja auch eine Qualität ist – mal so glanzlos, um nicht zu sagen dreckig, zu gewinnen. Jedenfalls hatte ich damit überhaupt kein Problem.
    Aber schön, dass du die Geschichte noch aufgeschrieben hast, die war es wert! Und ich glaube, jeder Fußballfan kann sie nachvollziehen. Besonders das Gefühl, dann auf der Tribüne zu stehen. Ich ärgere mich ja schon schwarz, wenn ich knapper als gewöhnlich vor den Toren stehe (wie neulich in Stuttgart) und da wartet auch noch eine Riesentraube von Leuten. Zum Glück fing das Stuttgart-Spiel dann 15 Minuten später an. ;-)

    • Kirsten

      Ich war nur froh, dass die Jungs das Ding dann gewonnen hatten. Wenn ich diese 8 Stunden Autofahrt und das ganze Tüdelüt drumherum nun auch noch für eine Niederlage durchgemacht hätte – ich wäre auf den Platz gestürmt. ;-)

      Aber echt – sowas ist doch immer die Hölle. Und wenn der beste Kumpel nicht mit dem Zug durch Lippstadt gefahren wäre, hätte das auch nie geklappt … Als ich am Stadion ankam, sagte noch ein anderer Kumpel, meine Anfahrt hätte aus Kanada direkt auch nicht länger gedauert, da ist was dran.

      Ach, wegen DIR haben sie in Stuttgart später angefiffen? Cool! ;-)

  • Muschelsucherin

    Mhhh… ich grübel jetzt aber echt was denn ein Stadiondeckel ist :o( („Herr Ober ein Bier, schreiben Sie’s ruhig auf meinen Stadiondeckel!?!“)
    Bei uns gibbet sowas nicht, andere Sportart – andere Sitten. Machst Du Dich denn am 20.12. auf die weite Reise nach Düsseldorf? Aber Achtung, hier gibt es jeeede Menge Stau!

    • Kirsten

      Hihi, ein Stadiondeckel ist das Bezahlsystem im Dortmunder Stadion. Kleine Chipkarte sozusagen, aber aufgemacht wie ein Bierdeckel. :-)

      Nee, nach Düsseldorf fahr ich nicht, ich hab Spätdienst an dem Tag und geh anschließend noch auf ’ne Party. Aber ich hoffe, ich kann nebenher mal reinlinsen …

      • Muschelsucherin

        Hey, coole Sache! Aber hoffentlich sind die Maße etwas geldbörsenfreundlicher ;o)
        Wir wollen mal versuchen ein paar Karten zu ergattern, große Hoffnungen hab ich nicht grade.

        • Kirsten

          Ja, ist so groß wie die EC-Karte, passt überall rein. :-) Inzwischen gibt es sogar kleine, runde, die noch eher aussehen wie ein Deckel. Aber die wäre mir wiederum zu klein, die würde ich vermutlich verlieren.

          Ich drück die Daumen! Zumindest in der letzten Saison war es so, dass unsere Fans wie die Geisteskranken sämtliche Tickets – auch auswärts – aufgekauft haben. Weswegen ich zum Beispiel das Spiel gegen den HSV, das für mich ja quasi ein Heimspiel gewesen wäre, in der Kneipe gucken musste. Hmpf. ;-)

  • Volker

    Und daran erkennt man die echten Fans… ;)

  • Nachtzug-Nightmare | Kirstens Weblog

    […] um 12 Uhr wieder in der Redaktion zu stehen hatte. Und da wir alle wissen, wie es ausgeht, wenn ich mit dem Auto zu einem Champions-League-Spiel fahre, schien mir der Schienenverein diesmal die entspanntere […]

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