Träum weiter!

Uh oh.

Ich bin bis obenhin voll mit Labskaus und den Erzeugnissen edler hanseatischer Braukunst und fühle neben zu viel Luft das Bedürfnis in mir aufsteigen, mich genau jetzt, mitten in der Nacht, mit den ganz großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Es sollte mich vielleicht jemand davon abhalten, betrunken zu bloggen.

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Tja. Zu spät.

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin über Lebensträume und wie scheiße es ist, wenn einer zerpölatzt. (Das „ö“ gehört da selbstverständlich nicht hin, aber ich treffe erstens die Tasten nicht mehr und finde zweitens, dass das Wort so viel hübscher aussieht.) Der Traum, von dem meine Freundin meinte, dass er meiner sei, war aber sowas von überhaupt nicht meiner, so dass ich unweigerlich darüber nachdenken musste, was denn nun eigentlich mein Lebenstraum ist.

Womit wir bei den großen Fragen des Lebens wären, die mir meistens dann durch den Kopf gehen, wenn dieser leicht benebelt ist: Warum hat jedes blonde Dummchen, das keine Ahnung vom Gebrauch des korrekten Genitivs hat, eine eigene TV-Show, ich aber nicht? Wann ruft mich endlich Florian David Fitz an? Oder Max von Thun (ich bin nicht wählerisch)? Warum stürzen sich meine Pflanzen regelmäßig in suizidaler Absicht aus dem Topf? Wann repariert die %&§#*+~-Hausverwaltung endlich die kaputte Steckdose in meinem Wohnzimmer? Wieso freut man sich, wenn Babys rülpsen, findet das bei erwachsenen Menschen (mir) aber abstoßend? Wird meine Mastercard je genehmigt? Warum kann ich das „Dschungelcamp“ ertragen, „Die Alm“ aber nicht? Habe ich eigentlich einen Lebenstraum? Wenn nein, brauche ich einen? Oder wenn ja, welcher ist das? Fragen über Fragen und nicht genug Alkohol auf der ganzen Welt, um sie jemals abschließend zu klären. Tragisch, das.

Erst dachte ich ja nach dem Gespräch mit meiner Freundin, ich hätte keinen Lebenstraum, sondern lebte nur still, leise, heimlich und zufrieden einfach so vor mich hin. Bis mir klar wurde, dass ich nicht nur den einen, großen Traum habe, sondern viele kleine. (Was vermutlich auch ganz gut ist, denn wie stünde ich da, wenn ich nur einen Traum hätte und der dann zerpölatzte?)

Meine Träume im Einzelnen:

Ich wollte als Kind unbedingt Englisch lernen. – Well, I did it.

Ich wollte Abi machen und studieren. – Hab ich gemacht.

Ich wollte Redakteurin werden. – Bin ich. (Eine besondere Genugtuung, nachdem meine Deutschlehrerin mal meinte, ich könne das nicht.)

Ich wollte mal weiter als 10 m stoßen. – Geschafft.

Ich wollte ein Buch schreiben. – Jawoll.

Ich wollte nach Irland reisen. – Erledigt. (Und das, ohne auch nur einen Pfennig dafür zu bezahlen.)

Ich möchte abends strunkelig nach Hause kommen, mich im Schlafanzug bloggenderweise vor den Rechner setzen, dabei Journey hören und noch ein Bier trinken können, ohne dass jemand rumnölt, dass sich das nicht gehöre. – Hey ho.

Ich würde gern mal bei Deutschen Meisterschaften starten. – Krieg ich noch hin. Und wenn nicht, hab ich einen anderen Plan in der Hinterhand.

Ein weiterer großer Traum wird sich in etwa drei Wochen erfüllen, und vermutlich werde ich heulen wie ein kleines Kind, wenn es endlich soweit ist.

Ich würde also sagen, ich stehe ganz gut da mit meinen Träumen. Vermutlich liegt das daran, dass all dies Träume waren/sind, an deren Erfüllung ich selbst den allergrößten Anteil hatte. Ich will nicht sagen, dass man komplett im Arsch ist, wenn man die Erfüllung seiner Träume komplett an einen anderen Menschen hängt, aber es fühlt sich einfach um so vieles besser an, wenn man mit seinem eigenen Einsatz und in eigener Verantwortung etwas erreicht. Die Krise, die ich vergangenes Jahr durchzustehen hatte, lag vor allem darin begründet, dass ich mein Glück von jemandem abhängig gemacht hatte, der nicht das Schwarze unter meinen Fingernägeln wert war. Ein Fehler, der mir hoffentlich nicht noch einmal unterläuft. Aber diese Krise, wenn sie überhaupt zu was gut war, hat mir gezeigt, dass es neben meiner Familie und einer Handvoll guter Freunde nur einen Menschen gibt, auf den ich mich verlassen sollte. Mich. Darauf ein weiteres Erzeugnis edler hanseatischer Braukunst.

Die wichtigste Frage von allen aber harrt (haart?) weiter einer Antwort: Warum liegen meine Haare eigentlich immer nur dann perfekt, wenn ich alleine zu Hause bin?


18 responses to “Träum weiter!

  • Ralph

    Zunächst möchte ich anregen, dass Du bitte zukünftig immer leicht angeschickert blogst :-) Das Resultat ist es wert!

    Ansonsten erinnert mich Dein Text ein wenig an die Ansichten eines lonesome Cowboys, far away from home. Und daraus ziehe ich den Rückschluss, dass Du nicht ALLE Deine Träume hier verblogst … was nur zu verständlich ist. Und ich die folgende Unterscheidung nahelegen möchte: Seine Träume von jemandem abhängig zu machen ist nicht sinnvoll; sie allerdings mit jemandem gemeinsam zu verwirklichen, ist eine schöne Sache ;-)

    Und auch, wenn die wichtigste Frage eine haarige Angelegenheit bleibt: Eines Morgens wirst Du neben jemandem aufwachen und er wird Dich mit dem Satz begrüßen: Du hast die Haare schön :-) In diesem Sinne,

    herzliche Grüße,
    Ralph

    • Kirsten

      Zunächst mal: vielen Dank. :-)

      Hm, bin ich ein lonesome cowboy? Nö, eigentlich nicht. Ich bin halt allein, ich bin nicht einsam. Und ich weiß, dass ich ohne Freunde und Familie aufgeschmissen wäre. Aber ich suche eben nicht die berühmte bessere Hälfte – wenn ich sie noch eines Tages finde, gut. Wenn nicht, macht mir der Gedanke, für den Rest meines Lebens allein im Sinne von partnerlos zu sein, überhaupt keine Angst. Sollte sich das irgendwann ändern, kann ich mich immer noch bei Elitepartner anmelden. ;-)
      Und ich muss hier auch noch mal unterscheiden – wenn ich meine Träume mit jemandem gemeinsam verwirkliche, sind es nicht mehr „meine“, sondern „unsere“ Träume. Und um die ging es hier ja gar nicht.
      Die Erfüllung meiner Träume mit jemandem zu teilen, ist wiederum auch sehr schön – gestern war ich zum Beispiel mit einer Freundin aus, die sehr großen Anteil an der Erfüllung dieses einen Traums nimmt.
      Was Partner angeht, hatte ich oft das Gefühl, wenn es mir scheiße geht, bin ich eh alleine – da verliert man dann auch irgendwann die Lust, die schönen Momente mit jemandem zu teilen. :-)
      Und im Augenblick möge der Herrgott verhindern, dass ich neben jemandem aufwache. :-D

      • DarkJohann

        Du hast nicht unrecht, denn allein sein und einsam sein sind natürlich zwei Paar Schuhe (nebenbei: für eine Frau viel zu wenig ;-) und jeder zieht sich das Paar an, welches ihm passt. Ich denke, nach einer gewissen Zeit allein würde ich einsam; zumindest mental. Das halte ich für die größte Gefahr des Singlelebens; bei allen Vorzügen, die bei Dir ja der liebe Gott verhindern möge :-) Aber doch sicher nicht wegen der Haare?

        P.S.: Der Schulrekord im Kugelstossen an der KGS-Hemmingen lag (liegt?) über viele Jahre bei 12,3x Meter! Aufgestellt in einer Stunde des Sportleistungskurses. Rate mal, wer den hält? 10 Meter, pah … Und meine Kugel ist noch dicke 2,5 KG schwerer :-P

        • Kirsten

          Ich bin ja die meiste Zeit meines Lebens Single gewesen – 30 Jahre etwa – und hab nach wie vor kein Problem damit. Inzwischen bin ich *rechnerechnerechne* auch schon wieder fast sechs Jahre allein. Ich kann aber nicht nur gut alleine sein, ich MUSS sogar gelegentlich alleine sein, weil ich sonst bekloppt werde. Nichts ist schlimmer für mich, als wenn dauernd einer um mich rum ist und an mir rumzerrt, dann hab ich irgendwann das Gefühl, ich ersticke. Aber das ist wie gesagt eine Typfrage. Ich kann auch verstehen, wenn jemand das nicht so gut kann. Und ich habe ja Freunde, mit denen ich viel unternehme, das passt also schon.

          Der Schulrekord sei Dir gegönnt. :-) Aber ich kann im Sport nicht von meinem Talent profitieren, sondern muss mir das alles sehr hart erarbeiten. Und bin im übrigens vermutlich 20 Jahre älter als Du damals bei Deinem Rekord, aber das nur nebenbei. :-) Für diese 10 m hab ich einiges getan und vieles geopfert, da lass ich mir den Stolz nicht ausreden. :-)

          • DarkJohann

            Ja, die Sache mir der Kugel – wieder hast Du nicht unrecht ;-) Inzwischen könnte ich dieses Ding keine acht Meter mehr durch die Luft befördern. (Das stimmt auch, wenn ich nur fünf Meter schaffe :-) Keine Ahnung, ich will ja immer mal das Sportabzeichen … aber sollte ich mir das, mit 49 Jahren (als alter Sack also) noch antun?
            Stoßen, Werfen etc. liegt mir, bzw. lag mir, immer schon. Ich durfte nie mit den 80 g Bällen werfen – der Zaun war zu nah :-) Aber ich bin eine Flasche im Laufen; und diese verfl***** Disziplin ist für das Sportabzeichen leider nötig :-(

            • Kirsten

              Sportabzeichen mach ich auch schon seit Jahren und mit relativ wenigen Unterbrechungen. Letztes Jahr nach dem Bänderriss ging es zum Beispiel nicht. Aber auch, wenn ich fit bin – das Laufen ist jedes Jahr wieder eine einzige Quälerei. Ich kann es nicht, und ich hasse es.
              Das Alter allerdings lass ich nicht gelten – mein Vater ist 70 und macht immer noch jedes Jahr das Sportabzeichen. :-)

              • DarkJohann

                Was mir noch aufgefallen ist: Ich möchte abends strunkelig nach Hause kommen, mich im Schlafanzug bloggenderweise vor den Rechner setzen, dabei Journey hören und noch ein Bier trinken können, ohne dass jemand rumnölt, dass sich das nicht gehöre.
                „Ihn“ hat bestimmt der Schlafanzug gestört :-)

                Sportabzeichen: Nicht mal in der Ü60-Klasse würde ich das Laufen schaffen, fürchte ich. Ich hasse es nicht nur, ich verachte es *jawoll*

                • Kirsten

                  Wer ist „ihn“? :-)
                  Laufen kann man nur verachten, das braucht doch kein Mensch. Sieht man doch bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Wer bringt die Medaillen, wer sind die coolen Säue? Die Werfer!

  • kieliscalling (@kieliscalling)

    Ich wollte unbedingt kommentieren … aber mir fällt nichts besseres ein als: KLASSE!

  • Frieder

    Hallo Kirsten,
    wenn die „edle hanseatische Braukunst“ mit bloggt, werden deine Beiträge besonders gut. :-)
    Zu deiner letzten Frage.
    Wenn du allein zu Hause bist, ist vermutlich keiner da, der dir deine Frisur durcheinander bringt. Vielleicht wäre es gut, wenn jemand da wäre. Aber dann bist du ja nicht mehr allein.
    Ein Teufelskreis. Da müssen weitere Erzeugnisse der „edlen hanseatischen Braukunst“ her.

    Viele Grüße
    Frieder

    • Kirsten

      Vielen Dank! Es ist bloß eine feine Linie zwischen gerade betrunken genug zum Bloggen und zu betrunken, um noch halbwegs Sinnvolles zu schreiben. :-)

      Tja, das mit den Haaren. Ich muss da noch mal weiter drüber nachdenken …

  • Kerstin

    Hallo Kirsten,
    ich habe gelacht und genickt und wieder gelacht und noch mehr genickt. Vor allem aber hab ich mich gefreut, weil ich wohl doch keine so einsame Spezies bin, wie ich dachte. Danke dafür ;)

    LG
    Kerstin

  • Scholli

    Ach Kirsten, herrlich. Wie außerordentlich schön, dass Du diesen Beitrag geschrieben hast, Du hast so recht! Und danke für die Verwendung von strunkelig! :-)

    • Kirsten

      Danke! Und sehr gern, die Dame. Also alles jetzt. :-)
      Strunkelig steht für mich in einer Reihe mit Humbug, Mumpitz und Bratskartoffeln. Wat gippt dat schöne Wörta bei uns, wa.

  • Christiane

    Kann ich voll und ganz unterschreiben. Sehr schöner Blogeintrag. Und ich musste grinsen als ich das mit dem Berufswunsch Redakteurin las und dass Deine Deutschlehrerin das für unmöglich hielt.
    Meine Englischlehrerin sagte mal zu mir, ich würde Englisch nie lernen. Als ich meinen Arbeitsvertrag mit BBC unterschrieb, war ich mir sicher, sie hatte unrecht. Lehrer können so bescheuert sein.

    • Kirsten

      Danke! :-)

      Meine Lehrerin meinte, ich sei ja immer so still gewesen, deswegen sei ja Journalistin nicht das Richtig für mich. Ich solle doch lieber auf Lehramt studieren. Mal abgesehen davon, dass ich diese Argumentationskette noch nie so ganz hab nachvollziehen können – nur, weil ich zu ihrem Unterricht nichts zu sagen hatte, heißt das ja nicht, dass ich sonst nichts zu sagen hab. :-)

      Ich hab Deinen Umzug damals imBlog mitverfolgt und bewundere das immer noch. Gut, dass wir nicht auf unsere Lehrer gehört haben!

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