Das nächste Spiel ist immer das nächste

In den vergangenen Wochen musste ich mich häufiger fragen lassen, warum ich denn nicht eine viel größere Fresse hätte – so als Herbstmeister und Tabellenführer könnte ich doch jetzt endlich mal so richtig vom Leder ziehen. Ja, könnte ich gezogen haben. Hab ich aber nicht. Oder sagen wir: meistens nicht. (Denn auf die Begrüßung „Mensch, wir haben uns ja lange nicht gesehen“ hab ich einmal mit „Ja, und ich bin immer noch Tabellenführer“ geantwortet. Was mir vom Gegenüber prompt als Arroganz ausgelegt wurde. Wie man es macht …)

Und warum hab ich keine große Fresse? Weil immer wieder solche Spiele wie das grad gegen Gladbach dazwischenkommen. Weil die Mannschaft so unglaublich jung ist und ihr die allerletzte Abgeklärtheit hier und da doch noch fehlt. (Was im Sportstudio immer wieder recht erfrischend ist. Ich steh ja auf nervöse junge Männer.) Weil ich nie wieder im Leben den Fehler machen will, mich auf was zu freuen, was ich in Ermangelung von Voodoo-Fähigkeiten nicht selbst beeinflussen kann.

Stattdessen genieße ich nach wie vor mehr oder weniger schweigend und vor allem staunend, was der BVB da jedes Wochenende wieder abliefert. Was für einen geilen Fußball die Jungs spielen, wie bescheiden sie auftreten (außer Herrn Großkreutz gelegentlich, aber … naja. Wie sagte Nuri Sahin so schön? „Der darf das, der trägt sein Herz auf der Zunge“.) und wie sich alle im Verein liebhaben. Als BVB-Fan befindet man derzeit trotz der Niederlage heute auf einer Insel der Glückseligkeit. Nur lustige Hoppelhasen und duftende Blümchen um einen herum. Während nur zwei Meter entfernt Trainer entlassen werden, Spieler dummes Zeug reden, Manager am Rande einer Implosion stehen (irgendwann wird sich Bayern-Hoeneß durch seinen immer schmaler werdenden Mund selbst aufsaugen, und es wird nichts zurückbleiben als ein rosa Logikwölkchen) und Fans den eigenen Verein in einer Art und Weise beschimpfen, dass man sich fragt, ob die wirklich mit dem gleichen Mund anschließend ihre Mutti küssen – da flicht man sich als BVB-Fan einen Haarkranz aus Gänseblümchen, lehnt sich entspannt zurück und sieht den Häschen beim Hoppeln zu. Oder so ähnlich.

Aber ich kann mich eben auch noch an andere Zeiten erinnern. Und im Gegensatz zu anderen überfällt mich keine Spontan-Amnesie, wenn es in meinem Verein mal gut läuft. Ich gehe nie vor einem Spiel auf die Tribüne und sage „Die hauen wir weg“. Denn ich kann mich sehr wohl an all die beschissenen Spiele erinnern, die ich im Westfalenstadion gesehen hab. An die Zeiten unter Sammer, Doll, Röber, in denen man gar nicht mehr hinschauen mochte auf das, was da unten auf dem Rasen passierte. Dieses leidenschaftslose Rumgeschiebe des Balls im Mittelfeld, das außer zu Pickeln bei den Fans zu nichts führte. Ich kann mich noch an Niebaum und Meier erinnern, die Geld ausgaben, das sie nicht hatten und mit Erfolgen planten, die noch gar nicht erreicht waren.  Ich bin im Januar 2005 in den BVB eingetreten und wer sich auskennt, weiß, was das für eine finstere Zeit war. Als Schönwetter-Fan kann man mich also sicher nicht bezeichnen.

Es liegt mir also fern, schon vor dem Spiel eine große Fresse zu haben, weil ich auch weiß, wie schnell es geht, dass man wieder ganz unten ist. Ich bin keiner von denen, die sich schon für die Meisterfeier Urlaub nehmen, wenn die eigene Mannschaft am dritten Spieltag für 24 Stunden Tabellenführer ist. Und ich habe auch nicht die geringste Lust, mich nach einem Spiel wie dem gegen Gladbach für das hänseln lassen zu müssen, was ich vorher an unqualifizierten Scheißhaus-Parolen ausgegeben hab.

Ich finde es genau richtig, dass keiner der BVB-Spieler zu einem Zeitpunkt von Meisterschaft faselt, an dem rein rechnerisch noch möglich ist, dass ein anderer Verein die Mannschaft abfangen kann. Und gerade weil man auch in Dortmund weiß, was einem passiert, wenn man zu großkotzig agiert, steht dem Verein ein bisschen Bescheidenheit gut zu Gesicht. Für die Medien ist das langweilig, aber dafür muss man sich nachher auch nichts vorhalten lassen.

Andererseits – ich hab trotz der Niederlage heute eigentlich kaum noch Angst, dass das Ding danebengeht. Seit dem Sieg gegen die Bayern in der Rückrunde weiß ich, dass alles gut wird wie knapp auch immer. (Glückwünsche nehme ich aber nach wie vor nicht entgegen, das nur zur Info.)

Und wenn doch nicht? Scheißegal, Jungs. Für mich seid Ihr die Größten.


8 responses to “Das nächste Spiel ist immer das nächste

  • Frieder

    Das ist ein klasse Beitrag.

    Ich gratuliere dir noch nicht zur Meisterfeier.
    Ich bin aber überzeugt, dass ich das bald tun kann.

    Dann stoße ich mit dir an. :-)

  • Kirsten

    Dankeschön! :-)

    Ich hoffe auch, dass es nicht mehr allzu lange dauert. Ich gönne den Gladbachern im Übrigen den Sieg und würde mich freuen, wenn sie in der Liga bleiben. Unsere Jungs haben es nur so spannend gemacht, weil es schöner ist, zu Hause im eigenen Stadion feiern zu können.

    Sehr gern! :-)

  • Der Borusse

    Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum Titel, liebe Kirsten!
    Es ist lange her, dass eine Truppe so verdient Meister wurde wie der BVB. Alles andere wäre auch eine Frechheit gewesen. Deine Jungs haben die gesamte Saison über einen richtig tollen Fußball gespielt. Es hat Spaß gemacht, zuzusehen.
    So, nun haben wir genug geschmust, kann meine Borussia vielleicht 3-4 Punkte abhaben? ;-)

    • Kirsten

      Vielen Dank! :-)

      Nachdem wir Euch ja zuletzt haben gewinnen lassen *hust*, könnten wir nun noch am letzten Tag die Frankfurter schlagen. Wäre das genehm?

  • Kerish

    Herzlichen Glückwunsch zur nun sicheren Meisterschaft.

  • Tarquinn

    Hab den Artikel erst jetzt im Inet entdeckt und finde ihn sehr gut geschrieben, vor allem mal ausnahmsweise ohne krasse Schreibfehler (zumind. keine, die einem beim Durchlesen sofort ins Auge fallen), was heutzutage ja leider extrem selten geworden ist, daß jemand noch seine Muttersprache beherrscht.

    Nur die Aussage über Dortmunds Spielweise unter Sammer versteh ich als Außenstehender nicht ganz – kann mir nicht vorstellen, daß man mit einer so sehr unansehnlichen Spielweise Deutscher Meister wird.

    • Kirsten

      Danke schön! :-)

      Und das wollen wir doch mal hoffen, dass da keine Schreibfehler drin sind, ich verdiene schließlich mit Schreiben mein Geld! (Und mit Sprache hat Rechtschreibung im Übrigen nix zu tun, aber das nur am Rande. ;-))

      Und das mit dem grottigen Fußball bezieht sich logischerweise nicht auf die Meistersaison. Sammer war bekanntermaßen bis 2004 Trainer der Borussia und ließ zum Schluss eben dieses entsetzlich lustlose Rumgeschiebe im Mittelfeld spielen. Oder die Jungs damals konnten es nicht besser, wer weiß das schon. Und die Zeit unter Doll möchte ich am liebsten komplett vergessen.

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