Mir geht’s scheiße, ich hoffe, dir auch

Beim Besuch einer sehr lieben Freundin am Freitag hatten wir ein interessantes Gespräch über Mitgefühl, Schadenfreude und Rachegelüste. Wir waren uns da zu 100 Prozent einig, dass es seltsam ist, dass manche Leute sich offenbar besser fühlen, wenn es jemanden in ihrem Freundeskreis schlecht geht. Ich erinnerte mich in dem Zusammenhang an eine Bekannte, die nach einer schweren OP im Krankenhaus lag und Besuch von einem Kollegen bekam. Der plagte sich grad mit einer Examensarbeit oder sowas rum und fühlte sich depressiv. Und er entblödete sich nicht, im Krankenhaus entrüstet festzustellen, dass es seiner Kollegin ja offenbar schon wieder viel zu gut ginge. Er sagte irgendwas wie „Und ich dachte, ich komm mal her, um mich aufzubauen, weil es dir ja sicher noch viel schlechter geht. Und sieht du schon wieder aus wie das blühende Leben“. Ich weiß nicht genau, was dann passierte, aber hätte ich da krank im Bett gelegen, ich hätte den Typen eigenhändig rausgeschmissen und ein Platzen der OP-Naht im Kauf genommen.

Als ich den Blogeintrag über die dunkle Wolke in meinem Leben schrieb (eine schöne Formulierung übrigens, danke der Leserin! ;-)), meldeten sich zwei Freundinnen bei mir, um mir von ihren Erfahrungen damit zu berichten. Ich fand das sehr tröstlich – aber nicht, weil es den beiden auch schlecht gegangen war, sondern weil ich mich verstanden und nicht mehr ganz so allein damit fühlte. Ein „Ich versteh dich“ war mal eine schöne Abwechslung zu den bisherigen „Jetzt reiß dich halt mal zusammen“. Aber gleichzeitig tat es mir leid, dass die beiden sowas auch hatten durchmachen müssen. Weil es mir im Allgemeinen eben leid tut, wenn es meinen Freunden nicht gut geht.

Seltsam finde ich aber auch das entgegengesetzte Phänomen. Nämlich, wenn sich zwei Leute begegnen und sofort einen Wettbewerb darin eröffnen, wem es gerade wohl schlechter gehen mag, wessen Kinder ungezogener sind, wessen Partner am meisten nervt und wer es überhaupt viel schwerer hat im Leben. Und dabei geht es meistens nicht darum, dem anderen wie eben geschildert das Gefühl zu geben, er ist nicht allein mit seinem Kummer. Nein, es geht nur darum, mehr zu jammern und sich gegenüber dem anderen aufzuwerten, weil man selber sein ach so schweres Schicksal viel besser zu meistern versteht. Und selbst, wenn einer auf die Frage „Wie geht’s?“ erfrischenderweise mit „Gut, vielen Dank!“ antwortet und nicht mit „Ach, muss ja“, kommt als Antwort garantiert „Hast du’s gut. Also bei mir ist ja gerade wieder alles ganz furchtbar …“ Und hier geht es nicht um wirklich schwere Sorgen, die mir meine Freunde selbstverständlich immer erzählen dürfen. Nein, hier wird ein Schnüpfchen zu einer Lungenentzündung, ein in der Wäsche verlorener Socken zum ausgeraubten Haus und ein verkochtes Mittagessen zu einer Hungersnot. Also das ganz alltägliche Gejammer, das nicht sein müsste, wenn man sich hin und wieder mal ins Gedächtnis riefe, wie gut man es eigentlich hat.


8 responses to “Mir geht’s scheiße, ich hoffe, dir auch

  • Ilona

    ;) Ich wollte gerade fast denselben Eintrag schreiben, das Thema hat mich auch noch beschäftigt. Aus diesem „zum Glück gibt’s ja immer einen, dem es noch schlechter geht“ irgendeine merkwürdige Art von Kraft oder Genugtuung zu ziehen, ist wirklich ein Phänomen, das ich nicht nachvollziehen kann.

  • Scholli

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich kann das weder nachvollziehen noch gutheißen und von mir gibt es dann auch entsprechende Reaktionen. Wer sich an anderen, denen es nicht ganz so gut geht auch noch das Ego polieren will, der kann mich doch mal!

    • Kirsten

      Genau. Ich frag mich nur, wie das psychologisch zu erklären ist. Oder vielleicht gibt es auch keine Erklärung, und man ist dann eben einfach ein Arsch. ;-)

  • Frieder

    Stimmt. Es gibt genug Leute, wie du sie beschrieben hast.
    Ich könnte auch lamentieren. Mach ich aber nicht. Mir geht´s gut. Ich bin mit dem zufrieden, was ich habe.

  • Lonari@kaffeemamaschuhehsv

    Okay, ich muss mich korrigieren. Es gibt doch einen Bereich, in dem ich diese „zum Glück gibt’s ja immer einen, dem es noch schlechter geht“-Genugtuung in Ordnung finde. Beim Fußball. 4:0, 4:0, 4:0… schallallala…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: