Darauf einen Känguru-Klöten-Cocktail

Ich habe Abitur. Ich habe studiert. Ich habe eine halbwegs anständige Ausbildung genossen. Ich habe einen ziemlich guten Job bei den Öffentlich-Rechtlichen. Ich gucke mit großem Vergnügen das Dschungelcamp. Ich halte mich für einen politisch-gesellschaftlich-kulturell halbwegs gebildeten Menschen.

Welche Aussage passt nicht in die Reihe?

Genau. Die letzte. Untergang des Abendlandes, Sodom, Gomera, wie kann man nur, wer sowas guckt, ist jawohl total hirnamputiert und eine Schande für die Gesellschaft, jaha, keiner will es gesehen haben, aber alle reden drüber, yada, yada, yada. Irrtum. Ich gucke das Dschungelcamp und steh dazu.

Ich könnte mich jetzt rausreden und sagen, ich gucke das nur aus medienwissenschaftlichem Interesse, will nur sehen, was so eine Sendung unter dem sozialen Aspekt mit dem Menschen macht und all sowas. Aber ich bin ehrlich und sage: Ich find’s lustig. Ich finde es lustig, wie sich Promis und solche, die sich dafür halten, zum Affen machen. Keiner (außer der drohenden Privatinsolvenz vielleicht) hat diese Menschen gezwungen, da mitzumachen. Die sind alle mehr oder weniger medienerfahren. Und wer nicht medienerfahren ist, ist mediengeil. Und genau das ist der Unterschied zu anderen Formaten, in denen ahnungs- und wehrlose Normalbürger, die von einer plötzlich auf sie gerichteten Kamera völlig überfordert sind, vorgeführt und zum Arsch gemacht werden. Ich freu mich dran, wenn Promis das Klopapier rationieren und sich so wichtig nehmen, dass sie Camp und Welt über die Vorgänge in ihrem Dickdarm auf dem Laufenden halten. Wenn sie jedem Klischee entsprechen, das ich von ihnen im Kopf hatte. Oder dem eben gar nicht entsprechen wie damals Michaela Schaffrath. Natürlich ist das ganze Format ein Riesen-Stuss. Und? Das sind Leggings als Alltagskleidung auch und die Frauen, die sowas außerhalb einer Turnhalle tragen, werden bei Weitem nicht so angefeindet, wie es angemessen wäre.

Im Übrigen weiß ich auch, dass das, was wir das zu sehen bekommen, von RTL sorgfältig ausgewählte und geschnittene Häppchen sind. Wer weiß, ob der blasse Herr Matthé nicht noch drin wäre, wenn die Szenen anders geschnitten worden wären. Vielleicht ist Sarah auch gar nicht so zickig und Eva Jacob in Wirklichkeit Diplom-Physikerin.

In den vergangenen Tagen habe ich die Diskussion um das Dschungelcamp immer wieder mit einem gewissen Amüsement verfolgt. Klar ist das nicht gerade ein Sendeformat, das ich ohne Studienabschluss nicht verfolgen könnte. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen anderen Zuschauern genauso geht wie mir – dass wir nämlich in einer politischen Talk-Show auf Anhieb unseren Verteidigungsminister am Gesicht erkennen und ihn korrekt seiner Partei zuordnen können, während man über Sein und Wirken eines gewissen Jay Khan erst Google konsultieren muss.

Es ist witzig zu sehen, wie man sich beschimpfen und als hoffnungslos verblödet hinstellen lassen muss, nur weil man am Ende eines langen Arbeitstages, an dem man sich mit Politik, Zeitgeschehen, Medizin, Medien und Kultur befasst hat, abends mal was gucken möchte, bei dem man nicht denken muss. Zumal ich eigentlich das Gefühl hatte, dass die ganze Aufregung mit der mittlerweile fünften Staffel ziemlich abgeflaut sei.

Aber ganz offensichtlich bietet das Dschungelcamp eine selten gute Möglichkeit, sich über andere moralisch zu erheben und sich toll zu fühlen, weil man so einen Scheiß ja nicht guckt. Ist ja auch in Ordnung, ich schreibe keinem vor, an was er Spaß zu haben hat. Aber ich lass mich im Gegenzug auch nicht davon abhalten, Katy Karrenbauer weiter bei der Klopapier-Rationierung zuzuschauen. Trotz Abitur. Hoch die Känguru-Klöten.


14 responses to “Darauf einen Känguru-Klöten-Cocktail

  • rebhuhn

    oh, die katy guckt da mit? *g dann schau‘ ich auch mal rein, die ist nämlich irgendwie cool..

  • Christoph

    hmpf – also ich gucke gar kein RTL mehr … seitdem geht es mir gesundheitlich deutlich besser ;)

  • Scholli

    Ich guck das. Und ich amüsier mich. Und ekeln tu ich mich auch. Und jetzt hab ich das Wort tun als Hilfsverb verwendet. Achso: Studiert hab ich ja auch. Huch! ;-)

    • Kirsten

      Noch so eine. Du weißt ja, dass wegen uns das Abendland untergeht …

      Ich frag mich dabei immer, welche Prüfungen ich durchstehen würde und muss zugeben – die meisten nicht. Angst vor unter Wasser sein in engen Räumen, Tiere ohne Beine und mit mehr als zwei Beinen – alles nicht meins …

      • Scholli

        Eine von der schlimmsten Sorte. Sozusagen im Alleingang für den Verfall der intellektuellen Sitten verantwortlich. – Und die Dschungelprüfungen würde ich samt und sonders nicht bestehen. Also zu gar nix zu gebrauchen. ;-)

  • Kaal

    Und ich dachte, die gesellschaftlich akzeptierte Haltung gegenüber der Sendung wäre zugucken, aaber bitte mit ausreichend ironischer Distanz.

  • Daniela

    Mein Glück: Wenn das Abendland untergeht, kann ich immer noch ins Morgenland fliehen, die Basis hab ich da schon gelegt :)

    Wenn ich die kommenden Tage kein Dschungelcamp mehr gucke, dann nicht, weil ich mich moralisch darüber erhebe (hey! Ich hab das erst in der 4. Staffel lieben gelernt!), sondern weil die RTL-Schnitte mich langsam nerven und ich eigentlich gar keinem mehr den Sieg gönne. Höchstens der Katy.

    Was richtig schlimm ist – nachdem sich irgendwie alle einig waren, wie übel Sarah ist, muss man jetzt ertragen, wie integer Peer ist. *würg* Es gibt also inzwischen eine Meta-Ebene von Moralisten innerhalb der unterschichtigen Dschungelcamp-Gucker.

    • Kirsten

      Du bist einfach viel zu angepasst. ;-)

      Ich gebe zu, dass ich es so ziemlich ab der ersten Folge geguckt hab. Und stimmt, die Schnitte nerven inzwischen. Ich denke auch, Katy hat die besten Chancen da. Wobei ich auch Thomas einen Sieg gönnen würde.

      Das mit der Meta-Ebene ist mir jetzt zu kompliziert. Peer nervt einfach. ;-) Den muss mal einer auf den Pott setzen, der ist ja ein schlimmeres Mädchen als ich.

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