Leck mich, 2010!

Als dieses Jahr gestern zu Ende ging, lag ich mit Ohrstöpseln im Bett und schlief. Wäre ich wach gewesen, hätte ich drei Kreuze geschlagen, denn 2010 war ein Jahr, das ich nicht gebraucht hätte. Es war das beschissenste Jahr meines Lebens, und ich bin froh, dass es endlich vorbei ist.

Ich hab lange überlegt, ob ich das hier schreiben soll, aber dann dachte ich mir: Scheiß drauf, was soll’s. Also: Ich hatte im August einen Schlag zu verdauen, den ich im Grunde seit März hatte kommen sehen – aber nur, weil man weiß, dass einem gleich einer die Nase bricht, tut es ja nicht weniger weh.

Daraufhin hat ich mir erst mal eine Auszeit gegönnt, versucht, meinen Mitmenschen zu erklären, was los ist – aber offenbar mache ich sonst immer einen so stabilen Eindruck, dass es keiner ernst nimmt, wenn ich sage, dass es mir mit einer Situation wirklich schlecht geht oder dass ich nicht so gut drauf bin. Viele dachten offenbar auch, ich wollte mich nur interessant machen und rissen noch dumme Witze. „Ach, das wird schon, nimm dir das nicht so zu Herzen, steiger dich da nicht so rein, lass dich mal nicht so hängen, sei mal nicht so strange“ bekam ich zu hören. Jeder zerrte an mir rum, obwohl ich gesagt hatte, dass ich gern mal ein bisschen Ruhe hätte. Jeder wusste genau, was ich zu tun hätte, „du musst“ war eine ziemlich häufige Formulierung in dieser Zeit. Als ob man jemanden, der sich ein Bein gebrochen hat, auch sagt, wenn er sich nur zusammennähme, sei das mit dem Marathon kein Problem.

Dabei wirft mich normalerweise wirklich so leicht nichts um. Ich gehe mit Hexenschuss und Bänderriss zur Arbeit (muss mir aber auch da spätestens am zweiten Tag ein vorwurfsvolles „Du humpelst ja immer noch!“ anhören – als ob man sich nur so langsam durch die Gegend schiebt, weil man die Mitmenschen mit seinem Gebrechen belästigen will). Und wenn ich ein Schnüpfchen habe, hält mich das im Gegensatz zu anderen auch nicht von der Arbeit ab.

Also mal schön zusammengerissen, so gut es eben ging und so getan, als sei nichts. Magenschmerzen und Nervenflattern gehabt, fast zehn Kilo abgenommen, mich mit Schlafstörungen rumgeplagt. Das ging bis in den November hinein gut, dann ging es nicht mehr gut. Es ging auch nicht mehr schlecht. Es ging einfach gar nicht mehr. Eines Morgens lag ich im Bett und wusste nicht, wie ich aufstehen sollte. Oder warum. Ich konnte nicht mehr vor und nicht mehr zurück, mir war alles egal (Dortmund ist Tabellenführer? Und?), alles war zu viel, allein der Gedanke, aufzustehen, zu duschen, zu frühstücken, Auto zu fahren, hat mich fertig gemacht. (Dazu kam noch eine Schilddrüsengeschichte, die die ganze Sache nicht leichter gemacht hat, aber das wusste ich da noch nicht.) Ich kann nur sagen – das ist ein Scheiß-Gefühl. Zum einen diese Überforderung, zum anderen Angstzustände, Panikattacken und die Vorwürfe, weil man so komisch ist – da gibt es wirklich Schöneres. Es war nicht, dass ich mich nicht zusammenreißen wollte – ich konnte einfach nicht.

Zum Glück hab ich einen verständnisvollen Hausarzt, der nicht nur ein Dutzend Kleenex aus der Packung, sondern auch mich für eine Weile aus dem Verkehr zog. Die zwei Wochen, in denen ich so in Ruhe wieder zu mir selbst finden konnte, halfen mir mehr als das Therapeuten-Gelaber, das ich mir tatsächlich auch angetan hab. Allerdings nicht lange. Aber auch das war mal eine interessante Erfahrung und brachte immerhin den Tipp mit der Schilddrüse.

Ein halbes Jahr nach dem eingangs erwähnten Schlag bin ich jetzt so halbwegs wiederhergestellt – oder sagen wir: Es geht mir noch nicht wieder so richtig gut, aber ich erinnere mich zumindest daran, wie es sich anfühlte, als es mir gut ging. Diese eine Sache, die da schief gelaufen ist, bestimmt nicht mehr zu 100 Prozent mein Leben. Die gebrochene Nase tut sozusagen bei Wetterumschwung noch weh, aber ich kann hier und da schon wieder durchatmen.

Ich schaffe es in kleinen Schritten, mir mein altes Leben wieder zu erarbeiten. Das wird aber noch eine Weile dauern – ich brauche nach wie vor viel Ruhe, hab keinen Bock auf Menschenmengen und Lärm (was sich hoffentlich beim Revierderby im Februar für 90 Minuten verdrängen lassen wird), Musik hören regt mich auf (dafür hab ich Klassik entdeckt und fühle mich beim Hören ebenso entspannt wie spießig). Arbeiten hilft mir dagegen und macht sogar wieder Spaß. Zum Glück, denn reich heiraten ist nach wie vor keine Option.

Zu meinem alten Leben gehört auch das Schreiben, das zwischendurch überhaupt nicht mehr ging. Ich brüte derzeit über einem weiteren Kinderkrimi-Exposé. Für den Fall, dass das nicht klappt, versuche ich es mal wieder mit Bloggen.

Ich weine also 2010 keine Träne nach, geheult hab ich nun wirklich genug. Aber wenn mir das Jahr eines noch mal bewiesen hat, dann, dass ich mich 100-%-ig auf meine Familie und Freunde verlassen kann. Ich bedanke mich fürs Zuhören, Durchhalte-Mails und gute Worte. Die, die sich irgendwann nicht mehr gemeldet haben, weil ich zu anstrengend war, können mich mal, die brauch ich nicht mehr. Bei denen, bei denen ich mich nicht gemeldet hab, weil ich einfach nicht konnte, entschuldige ich mich. Aber es ging einfach nicht, die Kraft reichte gerade mal für mich. Ich hoffe, dass das bald wieder besser wird.

Nun aber weiter im Text. Ich muss dieses Blog ja endlich mal wieder beleben. Schon aus therapeutischen Gründen. ;-) Prost Neujahr. Und selten habe ich so laut ein „Scheiß auf’s alte Jahr!“ hinterher gerufen.


12 responses to “Leck mich, 2010!

  • Strand

    Gut, dass Du wieder da (oder hier?) bist.

  • muschelschubserin

    Ich wünsche dir alles Gute fürs neue Jahr! Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst und drücke dir die Daumen, dass es bergauf geht. Ich bin selber auch dabei, eine für mich schwierige Zeit endgültig hinter mir zu lassen, aber natürlich muss es am Ende nochmal zur Sache gehen. Habe selten ein gefühlsmäßig fieseres Silvester erlebt wie dieses.
    Und dann kommen all diese Leute mit all den von dir beschriebenen „Ratschlägen“ und „Vorwürfen“ und schieben alles auf die Person, als hätten sie selbst noch nie erlebt, dass auch mal alles so gar nicht nach dem Schöne-Heile-Welt-Plan laufen kann, ohne dass man gleich was dafür kann. Aber ich schweife ab…
    Alles Gute und liebe Grüße, freue mich ebenfalls, wenn es hier weiter geht. :)

    • Kirsten

      Ja, schön, wenn man dann noch mal einen in die Kniekehle bekommt, oder?
      Und was die Leute angeht – es ist eben nicht schick, wenn man schlecht drauf ist. Und natürlich ist man immer selbst schuld, weil man Sachen an sich ranlässt. Als ich das vor Jahren schon mal ziemlich genauso hatte, hat mir eine „Freundin“ vorgeworfen, ich sei ein Arschloch, nur weil ich mir ein bisschen Ruhe für die nächsten Wochen ausgebeten hatte. Die Leute können es eben nicht ab, wenn man nicht so tickt wie sie selbst.
      Danke für die gute WÜnsche, die ich von Herzen zurückschicke! Frohes neues! ;-)

  • rebhuhn

    das hört sich ja nicht so gut an. – alles gute, auf ein besseres 2o11! :)

    • Kirsten

      Nee, das war auch wirklich nicht gut. Und erschreckend zu erfahren, wie einen seelischer Kummer auch körperlich beeinträchtigen kann.
      Und danke! Es kann nur besser werden! :-)

  • Scholli

    Ich weiß gar nicht so recht, was ich jetzt eigentlich kommentieren wollte, da gäbe es viel zu schreiben, aber mindestens die Hälfte wäre doofes Geschwätz. Also beschränke ich mich auf von Herzen kommende Wünsche für 2011, und zwar nur die besten. Adé 2010 (ich kenn keinen, für den das ein richtig gutes Jahr war. 2010 war glaub‘ ich ein echtes Arschloch) und Hallo, 2011!

  • Melody

    Du weißt aber, dass verdammt viel von so einer Tiefstimmung von der verdammten Schilddrüse kommen kann? Besorgte Grüße und ein absolut tolles neues Jahr!

    • Kirsten

      Nee, in diesem Fall kam so ziemlich alles von der Tiefstimmung von was ganz anderem …
      Dir auch ein tolles neues Jahr! Ich glaube, das kannst Du auch ganz gut gebrauchen! ;-(

  • Wortteufel

    Und dann merkt man plötzlich, wer ein echter Freund ist.

    Ich wünsche Dir ein gutes, gesundes und nasenbruchfreies neues Jahr. Und freue mich darauf, von Dir zu lesen – auf allen bekannten Kanälen.

    Schön, dass Du es geschafft hast, wieder aufzustehen.

  • Lonari

    Schön dass Du zurück bist hier ;)
    Dir auch ein frohes, neues, besseres Jahr.
    LG, Lonari

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