Humpelstilzchen

Ich bin zurzeit ein wenig behindert. Ja, doch, ich glaube, so kann man das sagen. Gestern beim Training, beim letzten Sprung aus der halben Hocke, war ich wohl ein wenig unkonzentriert und in Gedanken schon unter der Dusche, als ich fies umknickte und mir nach dem Gedanken „Hoffentlich hat das jetzt keiner gesehen“ als nächstes durch den Kopf schoss: „Scheiße, das war es mit dem Wettkampf Ende nächster Woche.“

Alles halb so schlimm, ist nicht meine erste Bänderverletzung, die ersten (1999 und 2005) waren allerdings rechts, nun ist es links. Das passiert schon mal, und zum Glück passiert es mir selten. (Bisher zumindest.) Und diese Verletzung hat auch wirklich viel Schönes. Die zauberhaften Farben zum Beispiel, die der Fuß inzwischen angenommen hat – lila soll ja diesen Sommer ganz weit vorn sein. Und meine linke Wade wirkt viel weniger dick, weil die Schwellung des Fußes sie geradezu filigran aussehen lässt. Die eleganten Bewegungsabläufe, zu denen ich grad fähig bin (Step! RUMMS! Step! RUMMS! Step! RUMMS!), lassen eine Antilope wie Carlos Tevez aussehen. Und kurz nachdem das Ganze passiert war, hab ich von mir selber ganz neue Flüche gelernt. Alles in allem eine durchweg positive Erfahrung also.

Nicht so schön ist, dass ich nicht besonders geübt darin bin, krank zu sein. Ich kann zwar stundenlang bewegungslos irgendwo rumliegen, wenn ich will. Aber wenn ich muss, sieht die Sache schon anders aus. Zudem hasse ich es, jemanden um Hilfe zu bitten. Eher hungere ich drei Tage, als dass ich einen Freund belästige und ihn bitte, für mich einkaufen zu gehen. (Keine Sorge, Kühlschrank ist voll. Bloß Bier ist alle, aber es muss auch in Lebenskrisen mal ohne saufen gehen.) Eher liege ich mit Kreislaufproblemen wegen der Schmerzen rücklings im Flur, weil es zum Sofa nicht mehr gereicht hat, als dass ich jemanden anrufe und bitte, mir zu helfen. Könnte ja jemand denken, ich hätte mein Leben nicht im Griff.

Was mich aber heute wirklich genervt hat, war das Verhalten der Leute. Ich bin ja hoffentlich nur für ein paar Tage nicht voll einsatzfähig, aber schon der erste Tag heute hat mir gelangt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, jeden Tag so schlecht auf den Füßen zu und auf das Wohlwollen meiner Mitmenschen angewiesen zu sein.

Es fängt damit an, dass einen jeder blöde anstarrt. (Wenigstens weiß ich an Tagen wie diesen, dass es am Humpeln liegt und nicht daran, dass mir ein Stück Pizza aus der Nase hängt.) Dazu kommen aber andere diverse Unverschämtheiten. Heute in der Kantine sah mich jemand auf eine Tür zu humpeln – und ließ sie vor meiner Nase zufallen. Das ist prinzipiell schon unhöflich, wenn jemand erkennbar schlecht auf den Füßen ist, aber noch mehr. Und jemanden erst aus dem Bus aussteigen zu lassen, ist ja generell nicht mehr in, aber mich fast umzurennen, während ich mich an das Geländer klammere, das ich beim Treppe abwärts gehen gerade brauche, ist SCHEISSE! Und weil ich den Spaß zum Glück nicht jeden Tag mitmachen muss, hab ich auch noch genug Energie, die Leute dafür anzupöbeln. Das hat auch viel Schönes, muss ich sagen. Am U-Bahn-Eingang lief mir eine Frau sehenden Auges direkt in den Weg und erwartete wohl, dass ich Platz mache. Hab ich nicht gemacht, denn die Frau humpelte im Gegensatz zu mir nicht. Da bin ich Arsch, da mach ich keinen Platz.  Und die Frau machte die Erfahrung, dass man einen Stoß auch mit Bänderdehnung besser abfedern kann, wenn man ihn erwartet.

Ich weiß, dass meine Umwelt das wieder einen Dreck interessiert, aber ein bisschen mehr Rücksichtnahme gegenüber leicht angeschlagenen Mitmenschen kann viel helfen. Denn nicht alle sind nach einer Woche wieder fit, manche müssen sich ihre ganzes Leben mit einer Behinderung oder ähnlichem auseinandersetzen* – und da hilft es, wenn man sich jeden Tag nicht auch noch mit 30 IDIOTEN AUSEINANDERSETZEN MUSS, DIE EINEM DURCHS BILD LAUFEN!

*Ja ja, so einen Text sollte man nicht nur schreiben, wenn es einen selbst betrifft, es passt aber grad nun mal so gut.


11 responses to “Humpelstilzchen

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