Wieso gerade Kugelstoßen?

„Wieso machst du eigentlich ausgerechnet Kugelstoßen?“ – „Weil ich es kann.“
„Bist du dafür nicht viel zu-“ – „Klein? Ja, das stimmt.“  – „Nee, ich meinte schmächtig.“ – „Ich bin nicht schmächtig.“
„Und wie weit wirfst du so?“ – „Ich werfe gar nicht. Die Kugel wird nicht geworfen, sondern gestoßen. Geworfene Versuche sind ungültig. Meine Bestleistung im Kugelstoßen ist 10,01m.“
„Und wo liegt der Weltrekord?“ – „…“

Wir sehen: Die Geschichte meiner Sportart ist eine Geschichte voller Missverständnisse und dummer Fragen. ;-) Zeit, damit mal aufzuräumen.

Kugelstoßen ist eine völlig normale Disziplin in der Leichtathletik, und unter Leichtathleten fragt niemand, warum ich ausgerechnet Kugelstoßen mache. Ich mache seit mehr als 30 Jahre Leichtathletik, am Anfang natürlich das volle Laufen-Springen-Werfen-Programm, das alle Kinder machen. Leider stellte sich irgendwann raus, dass ich weder zum Laufen noch zum Springen noch zum Werfen sonderlich viel Talent mitbringe. Ich kann nicht schnell, geschweige denn lange laufen, habe keine Sprungkraft und kann auch einen Ball mit viel Mühe so gerade mal an die 30-Meter-Marke schmeißen. Das aber auch nur in Monaten ohne „r“ und wenn gerade keiner guckt.

Also versuchte ich es im Alter von etwa zwölf oder 13 Jahren mal mit Kugelstoßen – weil ich gern weiter Sport machen wollte und weil meine Mutter auch Kugelstoßen macht(e). In meinem ersten Wettkampf erzielte ich die grandiose Weite von exakt 5,74m weit. Das Schöne aber ist, dass man am Anfang einer Disziplin in fast jedem Wettkampf eine Bestleistung erzielen kann. Vermutlich fixte mich das genug an, um weiterzumachen. Mit 19 kam dann aber eine fast zehn Jahre dauernde Pause. Ich begann zu studieren und zog von meinem Trainer weg, warum also mit der Quälerei weitermachen? Zu dem Zeitpunkt hatte ich eine Bestleistung von 8,50 m. Genug für eine 1+ im Sportunterricht, aber nicht wirklich was, womit man angeben könnte.

Als ich wieder in Lippstadt, das Volontariat vorbei und ich arbeitslos war, fing ich sofort wieder mit dem Training an. Und toppte gleich im ersten Wettkampf nach der Pause die alte Bestleistung von 8,50m um zehn Zentimeter. Und wollte dann mal über neun Meter stoßen und dann mal über zehn usw. Die Geschichte dürfte bekannt sein. ;-) Inzwischen wohne ich weiter von meinem Trainer weg als je zuvor, aber aufhören will ich jetzt nicht mehr. Meine Mutter hat mit 42 noch ne Bestleistung gestoßen, da geht also noch was. ;-)

Warum ich aber gern Kugelstoßen mache, ist folgendermaßen zu beantworten: Weil ich es kann. Weil es mir Spaß macht. Weil es nicht jeder macht. Weil Kugelstoßen das ist, wozu Trainer ihre Sprinter-Püppis manchmal zwingen, damit die lernen, dass es noch was anderes gibt als Geradeauslaufen. Weil es eine der komplexesten Sportarten ist, die es gibt. Weil man ständig an sich arbeiten muss. Weil man dabei nicht toll aussieht. Weil man sich von oben bis unten einsaut.  Weil der Schweiß diese lustigen Muster in den Dreckfleck am Hals schmiert. Weil es manchmal weh tut. Weil man dabei alte T-Shirts tragen kann. Weil man dabei schreien kann. Weil man sich dabei quälen muss. Weil man anschließend drei Stunden braucht, um die Fingernägel wieder sauber zu kriegen. Weil Kugelstoßen all das ist, von dem die meisten denken, dass es nicht sexy ist. Und vermutlich ist das der Hauptgrund, warum ich das mache. ;-)


7 responses to “Wieso gerade Kugelstoßen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: