Gefühle in die letzte Reihe

„Was geht denn bei euch eigentlich so ab, wenn ganz schlimme Nachrichten reinkommen?“, ist eine beliebte Frage an Journalisten. Vermutlich wären viele enttäuscht, wenn sie sehen würden, was in Redaktionen passiert, wenn der Newsticker mit Priorität 1 oder 2 meldet, das ein Flugzeug in ein Hochhaus gekracht ist oder es an einer Schule eine Amoklauf gegeben hat. Denn besonders dramatisch geht es meistens nicht zu.

Ich weiß nicht, was in unserer Redaktion los war, als bekannt wurde, dass Robert Enke sich das Leben genommen hat – um diesen Artikel mal an einem aktuellen Anlass aufzuhängen. Ich weiß aber, dass die Kollegen trotz ihrer Fassungslosigkeit wirklich guten Journalismus abgeliefert haben, handwerklich top und pietätvoll. Profis eben.

Ich für meinen Teil kann mich noch an den Amoklauf in Erfurt erinneren, als ich gerade in einer Nachrichtenredaktion im Westfälischen saß. Erst kam eine Meldung, dass an einer Schule in Erfurt Schüsse gefallen seien. Wir wurden schon mal alle hellhörig. Ein Thema für uns? Relativ schnell stand fest, dass es sich dabei offenbar um einen Amoklauf handelte und wir berichten mussten. Was also macht man da als Redaktion?

Um es ganz einfach zu sagen: Man funktioniert. Einer schaltet den Fernseher auf einen Nachrichtenkanal um, einer ruft die ganze Mannschaft zusammen, die Produktion wird gestoppt, es wird festgelegt, wer welche Geschichte (aktuelle Entwicklung, Hintergrund, Chronologie, Reaktionen) betreut. Dann wird weitergearbeitet. Wenn sich das Ganze zu später Stunde ereignet, bestellt einer was zu essen und reihum werden Verwandte und Freunde angerufen, um mitzuteilen, was passiert ist und dass es später wird. Eventuell muss die Druckerei benachrichtigt werden, weil der Druckplan sich ändert. Es müssen andere Seiten in den Vordruck, das Abschicken der Aktuell-Seiten muss so lange wie möglich nach hinten geschoben werden.

Das klingt alles sehr nüchtern, und das ist es auch. Und vielleicht klingt es sogar zynisch, aber anders funktioniert es nicht. Ein Tag wie der 11. September 2001 war in diesem Zusammenhang das Schlimmste, was ich erleben musste, doch damals saß ich in einer Lokalredaktion, und wir hatten die Seiten für den nächsten Tag noch nicht fertig. Klar checkten wird immer wieder die Online-Seiten der „Süddeutschen“ oder des „Spiegel“, aber wir hatten auch selbst noch eine Zeitung zu machen.

Und dann kann man nicht alles stehen und liegen lassen. Man ist dem Leser verpflichtet, trotzdem ein vernünftiges Blatt abzuliefern. Denn was in einer Zeit des Krawall-Journalismus gern mal übersehen wird: Der Journalismus steht im Vordergrund, nicht der Journalist. Dem Leser ist es wurscht, ob ich vielleicht grad nicht gut drauf bin, der zahlt für eine anständig gemachte Zeitung oder Online-Ausgabe. (Wobei man ja nicht gleich wie ein Leser reagieren muss, den ich am Tag 12. September zu den Vorfällen interviewte. Der verlieh seiner Entrüstung Ausdruck darüber, dass man manchen Fernsehkommentatoren angemerkt habe, wie fertig sie waren. Es sei ja wohl nicht hinzunehmen, dass jemand mit einer Sprechausbildung so herumstottere. Das fand ich komplett daneben.)

Also schluckt man das Entsetzen runter, das einen beim Gedanken an mehrere Tausend Tote im World Trade Center beschleicht. Man denkt nicht an die toten Schüler an sich, die der Amokläufer umgebracht hat, man checkt die Agenturen nach den neuesten Zahlen. Man denkt nicht an die Menschen, die bei einem Flugzeugabsturz ihr Leben lassen mussten, sondern daran, die Nachricht fehlerfrei zu schreiben.

Und dann geht man nach Hause und heult.


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