Durch Herz und Trommelfell

Oft ist man jahrelang musikalisch auf der Suche nach irgendwas, ohne zu wissen, was es ist. Das weiß man erst, wenn man es gefunden hat. In meinem Fall war das Tori Amos. Die machte, als sie mir 1992 das erste Mal begegnete genau die Musik, die ich hätte machen wollen, wenn ich Klavier spielen und besser singen könnte. Und wenn ich komponieren und Texte schreiben könnte, die so abgedreht sind, dass man sie kaum versteht, natürlich.

Seit 1992 also begleitet mich Tori Amos, wenn auch die ganz abgedrehten Sachen, die sie zwischendurch mal gemacht hat, nicht so ganz meins waren. Aber in der Zeit konnte ich mich mit den altbewährten Dire Straits über Wasser halten. Tori Amos werde ich eigentlich nie leid – im Gegensatz zu Heather Nova, die ich auch mag, die ich aber nicht zwei Stunden am Stück hören kann, ohne dass ihre Stimme anfängt, mich zu nerven.

Zu einem Konzert einer Künstlerin zu gehen, die man schon so lange Zeit bewundert, ist da eine etwas heikle Sache (so wie zu einer Lesung eines Schriftstellers zu gehen, den man schon fast ebenso lange bewundert). Aber, um es kurz zu machen, es ist gut gegangen. Ich war bei Frau Amos‘ Konzert in Hamburg, und ich mag sie immer noch. Sehr sogar.

Wobei ich mich schon frage, wo man solche Klamotten herbekommt. Also ein Kleid in Orange und Lila, wobei das Orange genau im Ton der Haare gehalten ist. Sowas kann man doch nicht nähen, ohne dabei bekloppt zu werden. Aber egal, ich war ja nicht zum Gucken da, auch, wenn die Lightshow ganz schön war. Denn schließlich gab es auch einiges zu hören. (Von dem ich überraschenderweise vieles nicht kannte. Beim Nachschauen zu Hause stellte ich dann fest, dass ich zwischendurch zwei Alben verpasst hatte. Wie konnte mir das passieren?!)

Den Auftakt machten „Give“, „Pancake“ und „Cornflake Girl“, für mich einer der ersten Höhepunkte. War Amos auf den frühen Alben fast nur mit dem Piano unterwegs, ist der Sound über die Jahre um einiges dichter geworden. Auf der Bühne standen ihr dann ein Gitarrist/Bassist sowie ein Schlagzeuger zur Seite, Keyboards, Piano und Orgel übernahm die Chefin selbst. Und wenn man soviel zu spielen hat, ist zum Reden nicht viel Zeit. Amos stellte lediglich kurz die beiden Jungs vor, bedankte sich dafür, dass das Publikum an diesem „glorious day“ in Hamburg da war – und spielte. Und zwar zwei Stunden lang am Stück ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen. Die Frau kann wirklich singen (und bei Bedarf auch schreien, man erkennt deutlich die Heavy-Metal-Vergangenheit), und auch beim letzten Stück kommen die hohen Töne noch glasklar raus. Mit ihrer Stimme kann Amos Trommelfelle oder Herzen zerschneiden, je nachdem, was gerade notwenig erscheint.

Eines wurde schon beim ersten Stück deutlich: Tori Amos braucht den dichteren Soundteppich, den zusätzliche Instrumente liefern, nicht, weil ihr sonst nichts mehr einfiele und weil das Piano allein nicht mehr trägt. Im Gegenteil hat man den Eindruck, dass die zusätzlichen Instrumente absolut notwendig sind, umd das auszudrücken, was sie sagen will. Was auch immer das ist, ich versteh die Texte ja meistens nicht. ;-)

Außerdem hatte die Dame erkennbar Spaß auf der Bühne – was für mich fast die Hauptsache bei einem Konzert ist. Ein Künstler muss nicht stundenlang mit dem Publikum schäkern, aber er sollte ihm auch nicht das Gefühl geben, dass er stört. Das war auch nicht der Fall. (Hätte ich für 70 Euro auch etwas unverschämt gefunden. Ähem.) Amos bewegt sich ja in engen Grenzen da oben – ein Klavier ist keine Gitarre, mit der man über die Bühne toben kann, aber Alarm machte sie trotzdem, flirtete mit der ersten Reihe (die es dann auch irgendwann nicht mehr auf den Sitzen hielt). Zum Glück war da noch ne Leggings unter dem Kleid, sonst hätte es vorn wohl Ohnmächtige gegeben.

Es gab drei Zugaben am Stück, bevor das Licht anging, „Bouncing Off Clouds“, “ Bliss“ und „Big Wheel“ – und da hat sie sich den absoluten Kracher wirklich bis zuletzt aufgehoben. Heidenei, war das laut!

Und heidenei, war das schön!


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