Das Grauen ist beige

Heute spontan eine Stadtführung durch Zinnowitz mitgemacht, was am vorletzten Tag des Urlaubs auch irgendwie egal ist, aber mit Kurkarte war es umsonst. ;-)

Wenigstens waren diesmal keine Nazis dabei, sondern nur die üblichen Besserwisser und diesmal auch in klassischer Rollenverteilung (er weiß alles, sie lächelt bewundernd). Ich wurde größtenteils ignoriert, denn wer allein reist, hat keine Freunde, und das wird auch schon seinen Grund haben.

Ich glaube, manche Leute machen eine Stadtführung nur mit, um zu zeigen, was sie selbst alles wissen. Sie quatschen dazwischen, lesen Schilder vor und betonen gern mal das offensichtliche („Schau Schatzi, das ist ein Hotel“). Diesmal antwortete sogar einer komplett humorbefreit auf die Anfrage der Dame im Heimatmuseum nach abgezähltem Geld: „Ich! Ich hab’s abgezählt! Ich hab es schon die ganze Zeit in der Hand!“ Ich grinste amüsiert, was er aber als totalen Affront wertete.

Mittags, zwischen ausgezeichnetem Norwegerlachs, Zander und Dorsch sowie in der Hälfte des zweiten Halbliters „Schwarzer Steiger“, hab ich dann eine Theorie zu den ganzen Rentnern und ihrer unentspannten Haltung entwickelt. Ergebnis: Es muss das Beige sein. Irgendwann im Laufe seines Rentnerlebens meint der Rentner, den Farben entsagen zu müssen. Das Leben geht dem Ende entgegen, also gibt es keinen Grund mehr, ein leuchtendes Rot, beruhigendes Blau oder auch nur ein optimistisches Grau zu tragen. Wenn man aber den ganzen Tag beige trägt, ist das so, als hätte man juckende Pickel am Hintern und keine Hand, um sich zu kratzen. Deswegen wird man unentspannt und versucht, das mit Besserwisserei und dem Anpampen junger Menschen zu kanalisieren. Anders kann ich mir das nun wirklich nicht erklären. Aber es muss stimmen, denn 70 Prozent aller Rentner, die ich im Urlaub getroffen hab, trugen beigefarbene Kleidung.


2 responses to “Das Grauen ist beige

  • Muschelschubserin

    Über das Beige habe ich auch jahrelang nachgedacht. Die ziehen das ja auch echt bis hin zu den Schuhen und Strümpfen (Schals, Schirmen, Handtaschen)durch. Ich frage mich immer, ob es vielleicht gar nichts anderes gibt? Ob vielleicht eher die Modefuzzis, die den ganzen Kram entwerfen, die Lust verlieren? Oder wird das Leben irgendwann so relativ, so vorhersehbar und unüberraschend alltagsroutinig, dass sich das auch auf die Farbwahl auswirkt? Ich weiß et auch nicht. Aber das mit den Pickeln am Hintern ist großartig. :D

    • Kirsten

      Mein Vater äußerte die Vermutung, Grau sei das neue Beige, aber das kann ich so nicht bestätigen. ;-)

      Aber es MUSS auch anders gehen – meine Eltern sind beide über 60 und ziehen sich nur selten beige an. Meiner Mutter steht z.B. knallrot sehr gut, meinem Vater blau. Und die tragen das auch, und es sieht gut aus. Aber Ausnahmen bestätigen ja die Regel. :-D

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