Opa Erwin hat kein‘ Spaß mehr

Ich muss dringend überprüfen, ob ich seltsam rieche oder ekligen Ausschlag bekomme, wenn ich unter Menschen bin. Heute früh waren beim Frühstück nur noch Vierer-Tische frei, also nahm ich einen von denen. Am Büffet rannte mir eine alte Jungfer dauernd in den Weg, als hätte ich kein Recht, auch dort zu sein. Und als später ein Herr den Speiseraum betrat, fragte er nicht etwa, ob er sich an meinen Tisch setzen dürfe, sondern verschwand nur in Windeseile wieder, nachdem er mir einen vernichtenden Blick zugeworfen hatte. Ich hatte noch nicht mal ansatzweise die Chance, ihm die freien Plätze an meinem Tisch anzubieten. Also – ich hätte nicht die Chance gehabt, selbst, wenn ich es gewollt hätte. Die restliche Dauer des Frühstücks verbrachten die alten Damen dann damit, mir strafend auf den Teller zu sehen, als hätte ich mit meinem Körpergeruch oder was auch immer den Herrn vertrieben. Ich schenkte ihnen ein amüsiertes Grinsen, was aber vermutlich aussah wie ein debiles Grinsen. Macht nix.

Vielleicht sollte ich mir ein Schild machen: „Guten Morgen, ich bin 36 Jahre alt, gebürtig in Nordrhein-Westfalen, arbeite aber jetzt bei einer großen Rundfunkanstalt in Hamburg, habe ein Kinderbuch geschrieben, bin Fußball- und Leichtathletik-Fan und mache nun den ersten richtigen Urlaub seit sieben Jahren. Ich habe Freunde, die sind aber grad nicht hier. Ansteckende Krankheiten sind nicht der Grund, warum ich allein reise. Weitere Fragen dürfen Sie mir gern persönlich stellen, ich beherrsche die Konventionen einen höflichen Miteinanders fast in Perfektion. UND DESHALB DÜRFEN SIE GERNE ZURÜCKGRÜSSEN, WENN ICH DEN FRÜHSTÜCKRAUM BETRETE ODER SIE MIR AUF DEM FLUR BEGEGNEN, HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN!“

Nach dem Frühstück ein kleiner Abstecher nach Karlshagen, wo der Sand ein wenig weißer ist als anderswo, sogar die Quallen (mit einem Hauch Photoshop vielleicht) lächeln

usedom_qualle2209

und die Rentner noch unentspannter sind. Zumindest Opa Erwin* war eingangs der Promenade sehr angespannt. Es ist aber auch ein Kreuz mit der Familie – immer widerspricht einer, das ist aber auch unerhört! „Du musst keine Schilder lesen, du musst nur hinter mir herfahren, Herrgott!“, brüllt er denn auch seine Frau an, und es war nicht ganz klar, ob der mit „Herrgott“ den da oben oder sich hier unten meinte. „Ich hab hier langsam keinen Spaß mehr an dieser ewigen Besserwisserei!“ – „Wo hast du denn das Schild gesehen, Erwin?“, fragte seine Frau mit sanfter Stimme zurück. „Es ist mir egal, wo hier Schilder sind, wenn ich weiß, wo es langgeht!“, brüllte Erwin zurück und kannte dabei weder Scham noch irgendwelche Verwandten.

Und war wieder mal bin ich sehr froh, dass ich allein reise. Ich hab mich ja hier auch schon ein paar Male verfahren. Dann nenne ich mich selber einen Volldepp, nehme mir das aber nicht weiter übel, drehe um und fahre weiter frohgemut meines Wegs, während ich ein Liedchen summe.

Den Nachmittag wollte ich eigentlich in Heringsdorf verbringen, fand aber keinen Parkplatz und war deswegen zum Essen nach Mellenthin in diesem kleinen Gutshof mit den grandiosen Pizzen, von denen ich schon seit 2002 träume. Dummerweise standen die aber nicht mehr auf der Karte. Egal, das alkoholfreie Hefeweizen schmeckte auch so. Da alle anderen aber nicht wussten, dass es ein alkoholfreies war, warfen mir die anderen Herrschaften, die zu dieser Uhrzeit selbstverständlich nur Kaffee tranken, irritierte Blicke zu. Ich überlegte, ob ich gleich, beim Weg zurück zum Auto, ein wenig schwanken und lallen soll, hatte dann aber doch keinen Bock dazu. Leider waren dann auch die herzhaften Waffeln mit Graved Lachs und Meerrettich aus. Hmpf. Dann eben die Waffeln mit Rotweinfeigen, Honig und Schafskäse. Die fanden dann auch die 3000 Wespen draußen sehr lecker, weswegen ich  ins Innere des Ladens umziehen musste. Wo dann an der Wand eine Tafel mit den Pizza-Angeboten stand. ARGH!

Neben mir dann ein Rentnerpärchen, das wieder nichts besseres zu tun hatte, als den netten jungen Kellner drei Sekunden nach der Bestellung zu fragen, wo denn verdammt noch mal die Waffeln blieben. Und dann nicht fertig essen wollten, weil es zu dieser Jahreszeit ja wohl eine Frechheit sei, heiße Kirschen zu servieren. Ich verkniff mir die Frage, warum sie sie denn dann wohl bestellt haben.

Ehrlich – so was versaut mir den Restaurantbesuch gleich mit, auch, wenn es das nicht sollte. Der Gutshof hat eine kleine feine Karte mit ganz tollen Gerichten, der Kellner war freundlich und zuvorkommend, das Essen lecker. Wenn ich das nicht vertragen kann, sollte ich zu Hause bleiben und meine schlechte Laune mit mir selber ausmachen.

Abends dann noch ein kleiner Abstecher ans Achterwasser:

usedom_achterwasser2209

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Abends fand ich Sand im Ohr, was den Tag dann doch noch zu einem gelungenen Abschluss brachte.

*Name geändert


2 responses to “Opa Erwin hat kein‘ Spaß mehr

  • rebhuhn

    falls Sie übrigens nochmal in der gegend sind, kann ich auch das restaurant p*mmernyacht in ueckermünde empfehlen… der kellner ist ein bißchen anschw*l, aber das macht ja nix :) und das essen ist toll. ich bin da öfter beruflich… [und esse dort dann durchaus auch allein, mit buch.]

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