Ab ins Meer

Mal ne Frage vorweg: Leute, die ihr Butterbrot mit Messer und Gabel essen, sind komisch, oder?

Ich sollte öfter zu verschiedenen Zeiten frühstücken gehen, so trifft man nämlich nach und nach alle Leute, die hier wohnen und gibt folglich auch allen die Möglichkeit, einen doof anzustarren. Ich dagegen frage mich jedes Mal, ob beim Frühstück gerade jemand gestorben ist. Es herrscht nämlich jeden Morgen eine fast schon gespenstische Stille. Heute saßen sechs Paare an den Tischen und sprachen – kein Wort. Da frage ich mich doch wirklich, warum die noch zusammen in Urlaub fahren. Würden sie getrennt an verschiedene Orte fahren, hätten sie wenigstens nach dem Urlaub mal für zwei Tage Gesprächsstoff. Aber halt, das geht ja nicht. Die Frauen haben ja Angst davor, im Hotel so angestarrt zu werden, wie sie mich immer anstarren und die Männer könnten allein im Urlaub ja mit einer Dame wie mir was anfangen. Deswegen fahren die immer gemeinsam in Urlaub. Gestern in Ahlbeck hab ich eine Postkarte gesehen, auf der eine Frau die andere fragt: „Haben Sie viel mit Ihrem Mann gemeinsam?“ Und die zweite antwortet: „Oh ja, wir haben am selben Tag geheiratet.“ Aaaah, goldenes Singleleben.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, heute nach Zempin zu wandern, aber da mir die Achillessehne noch vom morgendlichen Joggen weh tat und zudem der kalte Wind auf einmal weg war, beschloss ich, meinen Hintern wohl doch wieder in Zinnowitz an den Strand zu legen. Und warum? Weil ich’s kann. Niemand schreibt mir vor, was heute gemacht wird, ich muss mich nach niemandem richten, niemand schreit „Hääääärthaaaaa!“ hinter mir her, niemand sagte, wann ich was essen soll und ÜBERHAUPT. Mag ja sein, dass ich diesen Aspekt meines Urlaubs ein wenig zu breit auswalze, aber ich habe meine Freiheit selten so genossen wie eben gerade. Sollte ich mich je wieder jemanden an den Hals werfen wollen, erinnert mich bitte an diesen Urlaub!

*

„Ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Määäääääääääär!“ Wie halten Eltern das eigentlich aus, dass Kinder drei Stunden am Tag einen einzigen Satz schreien können? Immer wieder und mit nicht nachlassender Begeisterung „Ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer!“ Meine Güte.

usedom_strand2009

Ich las, das Kind schrie, ich versuchte, Musik zu hören, das Kind schrie lauter als Mando Diao, ich versuchte einfach nur, in der Sonne zu liegen und ich meines Lebens zu freuen, das Kind schrie „Ab ins Meer!“

Irgendwann hatte es mich mürbe geschrieen, und ich ging ab ins Meer. Ich wäre auch gern ein bisschen geschwommen, anstatt mir nur vorsichtig die Sandpanade abzuwaschen, aber ich musste feststellen, dass das nicht mehr geht: Ich kriege Panikattacken, sobald mein Oberkörper unter Wasser kommt. Selbst, wenn meine Füße noch auf dem Boden sind – geht nicht. Horst Schlämmers ist gegen meine Schnappatmung ein Dreck. Gut, dann eben nur plantschen und das richtige Schwimmen im Freibad erledigen. Da gibt es auch keine Quallen.

Alles in allem ein richtig schöner Tag – so sieht für mich Urlaub aus: am Strand liegen, lesen und zwischendurch die Füße ins Wasser halten. Und das „Ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer, ab ins Meer“ hatte ich beim Abendspaziergang immer noch im Kopf.

usedom_wald2009


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