Mehr als nur Bestweite, Langfassung

Seit ich im Februar 2007 bei einem Hallenwettkampf 9,88 m gestoßen habe, habe ich mir überlegt, was ich mache, wenn die Kugel endlich mal hinter der 10-m-Marke aufschlägt. Jubeln, die Arme hochreißen, rumspringen, kreischen, an die nächste Bierbude laufen, die Karriere beenden? Naja, so in etwa war es dann gestern auch: stoßen, verfolgen, wo die Kugel landet, denken: „Oh, gar nicht sooo schlecht“, gegen die Gewohnheit kontrollieren, was der Kampfrichter vom Maßband abliest, die Weite sehen, Arme hochreißen, hören, wie der Kampfrichter sagt „Zehn Null Eins“, heulen.

So fühlt sich das also an, wenn ein langgehegter Traum in Erfüllung geht. Wenn man plötzlich weiß, dass diese ganze Schinderei seit Jahresbeginn nicht umsonst war. Wenn man begreift, man gerade was geschafft hat, was schon so lange will, dass man sich gar nicht daran erinnert, wann man es das erste Mal wollte. Und vor allem, wenn einem klar wird, dass das, was man gerade geschafft hat, was von der Vorbereitung her eigentlich völlig unmöglich war.

Denn vorgenommen hatte ich mir für die Westfalenmeisterschaften 9,50 m. Im Training hatte ich mit der 4-kg-Kugel einmal 9,30 m gestoßen, da waren 20 Zentimeter mehr realistisch. Ich bin zum Glück kein Trainingsweltmeister – ich stoße im Wettkampf immer weiter als zuvor beim Training. Besser als andersrum. ;-)

Im ersten Versuch gestern landete die Kugel dann auf 9,70m, mit denen ich eigentlich schon mehr als zufrieden war. Ich hatte außerdem im ersten Versuch noch nicht alles gegeben (Kugelstoßen mit vor Aufregung weichen Knien ist doof) und freute mich darauf, dass ich wohl eine gute Serie würde hinlegen können. Dass ich dann ausgerechnet an diesem Tag meine Traummarke knacken würde, hatte ich nicht im Entferntesten für möglich gehalten. (Meine Mutter allerdings schon, die hatte aber vom Trainervater Redeverbot bekommen. ;-) )

Denn dazu fehlten mir eigentlich mindestens 1000 Technikstöße und drei Wettkämpfe in der Vorbereitung. Überhaupt die Vorbereitung: völliger Murks. Klar – ich war oft joggen, für meine Verhältnisse sogar sehr viel. Aber davon stößt man normalerweise noch nicht gut die Kugel. Dazu kam zwar einiges an Krafttraining – ob das reichen würde, wusste ich aber bis gestern nicht. Denn mit 5-kg-Hanteln, Deuserbändern und der Möglichkeit, Bankdrücken mit maximal 20 kg zu machen, kommt man auch nicht weit. Und mit zwei Wochen intensiver Vorbereitung (unbezahlter Urlaub!) im Vorfeld auch nicht wirklich.

Und genau deswegen bin ich so stolz auf diese 10 m. Weil ich mich fast sechs Monate lang allein gequält, mich immer wieder motiviert habe, vor der Arbeit noch zu laufen oder Gewichte zu stemmen, Verabredungen abgesagt habe, um zu trainieren, mich von einem Hexenschuss und überhaupt dauernd überall Schmerzen nicht habe abhalten lassen. „Man muss schon bescheuert sein, um Sport zu treiben, oder?“, hat mich mal jemand gefragt. Das mag sein – ich persönlich werde aber ohne Sport nicht glücklich und denke eher, man muss bescheuert sein, um ohne Ziele jeden Abend mit einem immer fetter werdenden Arsch auf dem Sofa zu sitzen und Chips zu fressen, bis der Hintern am Sofa festgewachsen ist. Wenn jemand damit glücklich wird, ist mir das recht, aber ich lasse mir meinen Erfolg nicht von solchen Leuten kaputt reden.

Ich weiß nicht, ob das alles hier richtig ankommt. Ich will nämlich nicht damit angeben, denn natürlich sind 10 m im Kugelstoßen kein bestiegener Mount Everest und kein Marathon. Ich habe nicht den Hunger in der Welt besiegt oder Krebs geheilt. Aber ich habe mir ein Ziel gesetzt und das mit harter Arbeit und Quälerei erreicht. Und ich glaube, darauf kann ich schon ein bisschen stolz sein.

Mir persönlich reicht es halt nicht, nur so zum Hobby Sport zu treiben. Ich bin zwar nicht titelgeil (wie auch, denn die meisten meiner Konkurrentinnen sind sehr viel besser als ich), aber das Motto „Dabeisein ist alles“ halte ich auch für Unsinn. Ich muss mir gelegentlich was beweisen, zumal ich auch nicht das größte Talent im Sport bin. Ich musste für die spärlichen Erfolge immer hart ackern, während andere früher das Training grinsend schwänzten und trotzdem besser waren als ich. Ich muss mir beweisen, dass ich Vorsätze einhalten, mich quälen und durchbeißen kann. Dass ich ein Ziel erreichen kann, egal, was sich mir in den Weg stellt.

Und dieser Erfolg gehört jetzt meinem Vater, der mich diesmal nur zehn Tage im April und die letzten zwei Wochen trainieren konnte und MIR, MIR, MIR! Und das Gefühl ist unschlagbar.

Und jetzt entschuldigt mich, ich war gestern zu müde zum Saufen und habe auf dem Sektor jetzt nachzuholen.


11 responses to “Mehr als nur Bestweite, Langfassung

  • wortteufel

    Ein Ziel zu erreichen, einen Traum zu erfüllen, ist doch die schönste Belohnung und mehr wert im Sport, als jede Medaille.

  • Der Borusse

    Aber hallo, den Suff hast Du Dir verdient – meinen Respekt und Glückwunsch zu dieser Leistung! Ich wäre schon froh, wenn mir die Kugel nicht auf den Fuß fallen würde… Trink einen auf unsere Borussen mit!

  • Webschaf

    Hey! Herzlichen Glückwunsch!

  • Frau A.

    Ich gratuliere und werde ein Astra auf dich trinken.

  • Volker Schepker

    Jo, dann nochmal Gratulation von mir :)
    Das mit dem lange Hinarbeiten kenn ich auch, auch, wenn ich bei so einem großen Wettkampf nicht mitgemacht habe ;)
    Aber die Situation: auf der einen Seite persönliche Bestleistung (mit Abstand) und auf der anderen Seite „nur“ den 2. Platz mit einer Winzigkeit an Rückstand gehabt zu haben, das hat mich schon ein wenig zerrissen innnerlich ;)
    Einerseits natürlich die Freude, andererseits das Ärgernis, nicht doch noch das kleine Bisschen schneller gewesen zu sein und 1x in meiner „Schwimmkarriere“ einen 1. Platz geholt zu haben ;)
    Gratuliere nochmal :)

    • Kirsten

      Hihi, danke! (Übrigens schicke ich Dir nächste Woche endlich das Buch! ;-))

      Stimmt, das ist ärgerlich – letztes Jahr hab ich auch zwei Wettkämpfe verloren, einmal um 6 cm, einmal um 2 cm. Da hätte ich mich auch in den Arsch beißen können – zumal meine Konkurrentinnen in allen fünf anderen Versuchen schlechter waren als ich.
      Bei den Meisterschaften nehmen aber meistens nur drei (inklusive mir) am Kugelstoßen W 35 teil, und da die deutlich besser sind als ich, ist da immer schon alles klar. :-)
      Erste Plätze kann ich auch nur auf kleinen Popelwettkämpfen holen…

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