The night Paul Auster gave me a smile

Es hat immer etwas Heikles, ein Idol zu treffen. Ist der Betreffende ein Dummbrot, ist das nicht schön. Ist er ein arroganter Schnösel, ebenfalls nicht. Ist der Betreffende aber genauso, wie man ihn sich immer vorgestellt hat, nämlich ein offenbar hochintelligenter, mit gutem Aussehen und Wortwitz ausgestatteter Zeitgenosse, kann der Abend schöner nicht sein. Und genauso einen Abend hatte ich gestern: Als ich von der Lesung mit Paul Auster nach Hause ging, erschien mir der Regen ein bisschen wärmer als sonst.

Die Gefahr, dass sich der Held meiner literarischen Welt als Dummbrot entpuppte, bestand dabei allerdings nicht wirklich – niemand, der seine Bücher gelesen hat, kann das auch nur ansatzweise annehmen. Aber wer weiß – jemand, der so hochgelobt und verehrt wird, mag ja doch die ein oder andere Starallüre entwickelt habe. Falls das bei Paul Auster so ist, habe ich es durch meine mit Tränen der Bewunderung verhangenen Wimpern entweder nicht gesehen oder er hat es an diesem Abend einfach nicht raushängen lassen.

Dabei war die Veranstaltung weit davon entfernt, perfekt zu sein. Das Interessante daran war aber zu beobachten, wie Auster das ganze rausriss: die meiner Meinung nach nicht glücklich für die Lesung ausgewählten Passagen von Man in the Dark, der heillos überforderte Moderator des Abends und die aus der Überforderung resultierenden, belanglosen oder gar unverschämten Fragen.

Als Auster den Saal betrat, hatte ich Gänsehaut und bekam das Lächeln für eine Weile nicht mehr aus dem Gesicht – allein wegen des Wissens darum, dass ich mit meinem großen Helden in einem Raum war. Mein großer Held trug einen schlichten, wenn nicht langweiligen Pullover von undefinierbarer Farbe, und es waren noch Hunderte anderer Leute da, die die Intimität dieses Moments doch ein wenig störten, aber eigentlich war mir das fast egal. Das mag alles übertrieben erscheinen, aber ich hege nun mal große Bewunderung für Auster. Ich liebe seine Bücher, ich liebe seine Art zu schreiben, seine Geschichten, eben alles. Ich liebe ihn für den Spruch „Die Welt braucht vielleicht Elektriker und Klempner und Lehrer, aber sie schreit nicht nach einem neuen Dichter.“ Und dafür, dass er trotz dieser Erkenntnis immer weiter schreibt, wo doch Wörter von einem Moment auf den anderen vom besten Freund zum größten Arschloch im Universum werden können.

Äh – wo war ich? Ach ja, Lesung.

Ob Man in the Dark etwas taugt, vermag ich noch nicht zu sagen. Dafür waren die gelesenen Passagen wohl nicht repräsentativ genug. Doch wie Auster selbst sagte, sei es schwierig „to pull the whole thing apart“. Nachvollziehbar, sein eigenes Werk nicht für eine Lesung auseinanderpflücken zu wollen. Dabei wäre es mir ehrlich gesagt vollkommen wurscht gewesen, was der Mann da vorne vorgelesen hätte. Ich wäre auch dahingeschmolzen, hätte er den Befund einer Darmspiegelung vorgetragen. Was vor allem an der Stimme lag – tief, durch jahrelangen Zigarettenkonsum etwa so sanft wie ein Akopads und einfach sehr angenehm. Seine ausgewählten Textpassagen las Auster mit ungewöhnlicher Betonung – den Akzent jeweils auf Dinge gesetzt, die ihm als Autor wichtig schienen. Sein Gegenpart, der Schauspieler Max Volker Martens las dazwischen immer wieder deutsche Abschnitte – mit wunderbarer, schauspielerischer Betonung, aber natürlich ohne das Herzblut des Autors, der monatelang mit diesem Text gelebt hat. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Feststellung. Die Faszination ergab sich einfach aus dem Gegensatz beider Vortragsvarianten.

Vorwürfe mache ich dagegen Moderator Till Raether, der entweder sehr unvorbereitet erschien oder es tatsächlich war. Beides wäre nicht zu entschuldigen. Herr Raether schreibt gute Texte, die mir bislang meistens gefallen haben, aber für ein Live-Interview reichte es dann leider doch nicht. Wie kann man jemanden wie Auster fragen, ob er Sprache als limitiert empfinde, weil es in seinem Buch so viel um Filme geht? Ich kann das als Nicht-Muttersprachlerin sicher kaum beurteilen, aber ich empfinde Austers Wortschatz als sehr reich und vielseitig. Der Amerikaner scheint mir ein Autor zu sein, der Sprache liebt und sie als das wunderbarste Mittel überhaupt betrachtet, um sich auszudrücken. Dementsprechend fiel auch die überrascht-ironische Antwort auf die Frage aus, ob er Sprache nicht als viel limitierter empfinde als Film: „No, not at all! I am very happy with what I am doing.“ Zumal Auster als Drehbuchautor und Regisseur tatsächlich beide Seiten kennt. Und da er bislang mehr Bücher geschrieben als Filme gemacht hat, scheint mir, dass er sein Medium gefunden hat.

Was mich aber vor allem an Auster faszinierte, war seine Art, das Gespräch von dem pseudo-intellektuellen Level zu schubsen, das Raether ihm gern geben wollte. Auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm kam zwar zunächst eine Aufzählung international bedeutender Filme, leuchtende Augen bekam er aber nur bei der Erwähnung von The Incredible Shrinking Man, ein Film, der ihm nach eigener Aussage erste Erkenntnisse von Metaphysik vermittelte. An so was habe ich immer wieder große Freude: Jemand mit herausragenden geistigen Fähigkeiten, der einen anbiedernden Fragesteller nicht direkt niederbügelt, sondern ihm mit einer intelligenten Diskussion über etwas scheinbar Triviales zeigt, wo es langgeht. Auster hat es nicht nötig, pseudo-intellektuell daherzuschwafeln. Aber genauso wenig hat er es nötig, den anderen darauf hinzuweisen, dass er mehr im Kopf hat. Unter dem Tisch allerdings wippte Auster immer wieder ungeduldig mit den Füßen – was aber das einzige Anzeichen dafür war, dass er vielleicht doch nun lieber woanders wäre. (Beim Bier mit mir, versuchte ich mir einzureden.) Leider wurden all die Fragen, deren Antworten mich sehr interessiert hätten, nicht gestellt: Ich hätte gern gewusst, wie Auster arbeitet, wie er recherchiert, was ihn inspiriert.

Mein ganz persönlicher Höhepunkt aber war natürlich die Signierstunde. Dummerweise war es auch für gefühlt 3000 andere Leute der Höhepunkt des Abends. Aber egal: Ich habe nun ein signiertes Exemplar von Man in the Dark in meinem Bücherschrank, ich bekam ein Lächeln, wechselte mit meinem Literatur-Gott die bedeutungsvollen Worte „thank you“ und ging, wie alle Frauen vor mir, mit debilem Grinsen nach draußen in den warmen Herbstregen. Das Buch wird das erste sein, was ich mal aus meiner brennenden Wohnung rette.


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