Niemals normal

Ich bin immer noch nicht ganz durch mit dem Derby. Und ich glaube, ich muss das Zitat von Jürgen Klopp (“Es ist kein normales Fußballspiel. Also müssen wir auch nicht so tun, als wäre es eines”) noch mal genauer erläutern. Denn im Gegensatz zu vielen anderen hat Klopp schnell begriffen, dass man soviel reden kann wie man will, Dortmund gegen Schalke aber nie auch nur ansatzweise so etwas wie ein 08/15-Fußballspiel sein wird.

Dortmund gegen Schalke ist hierzulande eigentlich mit gar nichts zu vergleichen. Nicht mit HSV-Bremen oder HSV-St.Pauli, nicht mit Gladbach-Köln, nicht mit 1860-Bayern. Höchstens mit Teutonia Lippstadt gegen Borussia Lippstadt, aber das wäre noch mal eine eigene Geschichte wert. Als ich mal auf dem Rückweg von einem Auswärtsspiel meiner Jungs beim HSV war, waren immer mal wieder die berühmten „Scheiße 04“-Sprechgesänge zu hören. (Die immer gesungen werden, egal, gegen wen die Borussia spielt.) Auf die etwas anhnungslose Frage eines Mädchens „Aber die heißen doch Schalke 04?!“ (ARGH!) meinte ich nur, das mit „Scheiße“ sei der allgemein gängige Alternativtext. „Ach, dann hasst Ihr die genauso wie wir die Bremer?!“, mischte sich der Vater des Mädels ein. Woraufhin ich antwortete, das sei überhaupt nicht zu vergleichen. Verstand er nicht. Aber wie sollte er auch?

Wenn zwei Vereine, die so ähnliche Ursprünge haben, auf engem Raum nebeneinander existieren sollen, dann kann das nicht gut gehen. Doch diese Rivalität kann niemand wirklich begreifen, der damit nicht aufgewachsen ist oder das Ruhrgebiet näher kennt. Fußball im Ruhrgebiet ist Religion, nur, dass man statt in die Kirche ins Stadion rennt. Und so wie die Katholen die Evangelen manchmal misstrauisch beäugen, geht einem Dortmunder das mit einem Schalker. Nur schlimmer. Viel schlimmer. Und mit mehr „Auf-die-Fresse“ als in jedem anderen Religionskrieg.

Und wenn dann irgendwo vom „Kleinen Revierderby“ die Rede ist, wenn zum Beispiel der BVB gegen Bochum spielt, kann ich immer nur lachen. So ein Spiel ist genauso wenig ein Derby wie Robert Kovac ein Filigrantechniker.

Und noch ein paar Unterschiede zu einem normalen Fußballspiel: Vor einem Derby vergisst man vor lauter Anspannung permanent die Zeit, zu der der Zug nach Dortmund abfährt und schreibt sie sich auf die Hand. Vor einem Derby machen die Bratwurststände im Westfalenstadion weniger Umsatz, weil auf einmal bekannt wurde, dass dort Tönnies-Würstchen, also  Schalker Würstchen verkauft werden*. Vor einem Derby knistert es in Dortmund in der ganzen Stadt vor Spannung. Nach einem Derby ist man heiser und betrunken, aber nie betrunken genug. Nach einem Derby tut einem alles weh, als hätte man selber gespielt. Nach einem Derby gibt es tagelang kaum ein anderes Thema am Arbeitsplatz, egal, wie es ausgegangen sein mag. Und das war gestern sogar an meinem Arbeitsplatz in Hamburg der Fall. (Und ich war es nicht, die das Thema angeschnitten hat!)

Ich erwarte nicht, dass das jemand da draußen in der normalen Welt versteht. Ich wollt’s halt nur ma gesacht ham.

(*Update: Wobei es sich offenbar nur um ein Gerücht handelte.)


8 responses to “Niemals normal

  • wortteufel

    Ja, es ist nicht normal. Nur gab es mal Zeiten, in denen die Blau-Weißen in Dortmund ebenso gefeiert wurden, wie in Gelsenkirchen – und überall anders im Pott.

    Manchmal finde ich es einfach nur schade, dass daraus so ein Hass geworden ist, statt eine freundschaftliche Rivalität.

  • Kirsten

    Ich finde das mehr als nur manchmal schade, dass da soviel Hass drin ist – auf beiden Seiten im Übrigen. Ich kenn halt nur die Dortmunder Seite, aber ich mach diese „Scheiße 04“-Gesänge auch nicht mit. Hier in der Redaktion gibt es auch viele Schalker, ich bin der einzige BVB-Fan, aber wir kommen natürlich trotzdem miteinander klar.

  • kieliscalling

    Ich muss Dani noch mal fragen wer das gesagt hat aber es ist vieles daran wahr:
    „Fussball ist nicht wie Krieg… Fussball ist schlimmer“ und das gilt besonders bei Schalke 04 gegen … naaja die schwattjelben, also dem BVB. Ist es eigentlich im Stadion ähnlich wenn die Bayern kommen?

  • Kirsten

    @Kieliscalling: Das war vermutlich Bill Shankly.

    Gegen Bayern ist es auch aufregend, aber anders. Da brennt vorher nicht die ganze Stadt, und der Hass ist wirklich ein anderer. Wenn wir gegen Bayern gewinnen, sind alle schadenfroh, gegen Schalke kommt noch Genugtuung dazu, es dem Erzrivalen mal wieder so richtig gezeigt zu haben.

  • Volker Schepker

    Ach, was bin ich froh, dass mir Fußball meilenweit an meinem hübschen Hintern vorbeigeht :D
    Wobei, in der F1 gibts ja auch ähnliche Glaubenskriege, nur nich ganz so heftig ;)

  • Scholli

    Ich hab es ja nich mit Fußball. Aber selbst ich weiß von Fällen im Bekanntenkreis zu berichten, in denen diese Glaubensfrage Familien trennt. Und die Kinder drunter leiden. „Zu dem Kindergeburtstag fahr ich Dich nich. Die haben ’nen Borussia-Wimpel im Auto.“ oder „Nach Bayern? Nee, lass man, zuviel Blau-Weiß. Auf die Farben bin ich allergisch“
    Bescheuert. Ist doch ein Sport, oder? Un grade im Pott, da haltense doch sons zusammen wie nur wat, aber wenn et um Fußball geht, da hakt et dann. Un wenn ich dann auch noch einen bei de Freunde hab, wo die Kohle mehr als knapp is, der erste Gang nache Geburt vom Kind aber direkt nachem Gang zum Amt der nache Schalker is, um den Jung da anzumelden, nee, da hört et ganz auf.
    Unn dann wirste böse angeguckt, wenn de sachst: Ja, unn wat machste, wenn der Jung später Borusse sein will? Tz.

  • wortteufel

    Dann verkündige ich als Schalkerin hiermit offiziell, dass ich Deinen Blog (neben dem Grund, dass mir Deine Schreibe gefällt) lese, auch weil Du Borusse bist. Nicht obwohl.

    ;)

  • Kirsten

    @Volker: Naja, man muss den Scheiß ja nicht mitmachen, sondern kann einfach nur den Sport genießen.

    @Scholli: Ja, diese Geschichten kenn ich auch – unsagbar albern. Mein Opa zum Beispiel war auch Schalker, mein Vater ist Braunschweig-Fan, meien Mutter sympathisiert auch mit Bremen. Ja und? In dem Fall lasse sogar ich mich dazu hinreißen zu sagen „Es ist doch aber nur Fußball“.

    @Wortteufel: Aha. danke! ;-)

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