Graf Zahl war nie mein Freund

Es gibt so Momente, in denen einem plötzlich ein Licht aufgeht und in denen sich auf einmal die ganze Vergangenheit ändert.

So einen Moment hatte ich neulich – und war zunächst total erleichtert, weil mir klar wurde, dass ich nicht so blöd bin, wie immer behauptet wurde. Und dann wurde ich ein bisschen sauer, weil mir das Licht mit etwa 25-jähriger Verspätung aufging. Und mir klar wurde, dass mir viel Kummer erspart worden wäre, wenn irgendjemand das alles mal ein bisschen eher bemerkt hätte – anstatt mir immer noch obendrauf Vorwürfe zu machen.

Es geht um mein schon immer mieses Verhältnis zu diesem Herrn hier, zu Zahlen, Mathe und Mathelehrern. Wobei das Zweite die beiden letzten Punkte logischerweise bedingt. Ich war schon in der Grundschule schlecht in Mathematik, auf dem Gymnasium meistens eine reine Katastrophe – das fördert nicht gerade ein gutes Verhältnis zu Leuten, die dieses Fach unterrichten. Ich hatte das immer als gegeben hingenommen, weil meine Talente sehr offensichtlich auf anderen Gebieten liegen. Und dennoch wurmt mich die Erinnerung an manche Mathestunden noch immer, in denen mir mein Lehrer nach einem weiteren Versagen an der Tafel sagte: „Dachte ich mir schon, dass du das nicht kannst.“ Danke, Herr W., für all das Verständnis und die Motivation. Hmpf.

Meine guten bis sehr guten Noten in Deutsch oder Englisch wurden immer irgendwie als gegeben hingenommen, meine beschissenen Mathenoten lagen immer daran, dass ich mich nicht genug angestrengt hab. Oder: Ich wurde für eine gute Deutschklausur nie so gelobt, wie ich für eine schlechte Mathenote gerügt wurde. Oder es kamen lehrerseitig Sprüche wie „Du bist doch sonst nicht so dumm, warum geht denn das in Mathe nicht auch?“

Und vor ein paar Tagen wurde mir plötzlich klar, dass ich vielleicht gar nicht wirklich doof bin, sondern einfach unter einer leichten Form von Dyskalkulie „leide“. Ich hab mich in so vielen Fallbeispielen auf den diversen Webseiten wiedererkannt, dass es mir schon fast unheimlich war. Zwar habe ich nicht alle Symptome (sondern nur zehn) und war auch kein Totalversager in Mathe, aber ich bin mir sicher, dass es da einen Zusammenhang gibt.

Zum Beispiel verwechsel ich auch heute noch rechts und links, wenn ich mich schnell für eines entscheiden muss („Jetzt links! Nein, das andere Links!“). Das kann ein Anzeichen für diese Störung sein. Ich habe Probleme mit Längenangaben oder damit, schnell eine Menge zu erfassen. Wenn ich irgendwo fünf Äpfel liegen hab, kann ich nicht auf Anhieb sagen, dass es fünf sind – ich muss nachzählen. Ganz seltsam wird es, wenn ich subtrahieren muss. Zum Beispiel dauert es sehr lange, bis ich 58 von 75 abgezogen hab. Schreibt man das nämlich untereinander, also
75
-58
dann stehe ich vor dem Problem, dass ich ja quasi die 8 von der 5 abziehen muss. Das geht nicht. Kann ich nicht in diesem Zusammenhang, obwohl ich natürlich weiß, dass -3 rauskommen würde. Schriftlich geht das einigermaßen fix.

Wenn ich aber diese Rechnung im Kopf lösen muss, sieht das folgendermaßen aus: Ich subtrahiere zunächst 50 von 75, bleiben noch 25 übrig. Von denen ziehe ich dann noch mal 5 ab, um auf eine gerade Zahl zu kommen, von der ich weiter abziehen kann, macht 20. Dann überlege ich, wieviel ich jetzt noch abziehen muss, 8 minus 5 sind 3, also kommt hinten 17 raus. (Und um ganz ehrlich zu sein, hab ich das ganze grad noch mal mit dem Taschenrechner nachgerechnet, um mich hier nicht komplett zu blamieren. Ähem.) Und ich weiß, dass das kompliziert ist und einfacher geht – ich kann es aber nicht anders als in diesen kleinen Schritten.

Was mir auch Probleme bereitet, ist das korrekte Schreiben zum Beispiel der Zahl „Sechsundfünfzig“. Kann gut sein, dass ich da im ersten Moment 65 schreibe und mir das nicht auffällt. Zahlreiche Aufenthalte in englischsprachigen Ländern haben mich in der Hinsicht zusätzlich verwirrt, denn im Englischen werden die Zahlen ja in der „richtigen“ Reihenfolge genannt.

Tja. So ist das mit mir und den Zahlen. Darüber kann man nun lachen, man kann es aber auch lassen. Ich für meinen Teil würde auch nicht über Legastheniker lachen, nur weil ich der Rechtschreibung einigermaßen mächtig bin.

Andererseits hab ich wohl nur eine leichte Form der Rechenschwäche – gelegentlich hab ich in Mathe auch mal keine Fünfen geschrieben, ich kann meine Steuererklärung allein machen, Strickmuster auszählen und führe generell ein recht erfülltes Leben. Ich hätte aber sicherlich weniger Schulangst gehabt, wenn meine Grundschullehrerin damals auf den Hinweis meiner Mutter („Ich glaube, das Kind kann nicht rechnen“) irgendwie reagiert hätte. Andererseits gab es sowas wie Dyskalkulie in den 80er-Jahren wohl nicht wirklich. Und somit ist es fraglich, ob ich damals wirklich die richtige Förderung bekommen hätte. Aber wenn ich an das ganze Gelächter und manche Demütigung im Unterricht denke, möchte ich schon nochmal zum Telefonhörer greifen und den Pappnasen von damals ins Ohr brüllen: „Ich bin gar nicht doof! Ich kann wahrscheinlich gar nichts dafür! Ihr habt mich gehänselt und auf mich herabgesehen, obwohl ich quasi einen Hirndefekt habe und ihr Mitleid hättet zeigen müssen, schämt euch!“

Und dann möchte ich ein rituelles Feuer anzünden, nackt drumherum tanzen und meine Mathelehrerhefte verbrennen. Oder so ähnlich.

Nein, ich bin nicht nachtragend. Ich bin rachsüchtig. (Späßchen!)


12 responses to “Graf Zahl war nie mein Freund

  • Peter

    Dyskalkulie hihi, herrlich :)
    das sollten wir feiern

  • Scholli

    Oh, eine Leidensgenossin! Liegt vielleicht an der Gegend? ;-)
    Ich gestehe, dass ich bis vor ein paar Wochen nicht mal schriftlich dividieren konnte, bis eine liebe Freundin, die Grundschullehrerin ist, es mir in drei verständlichen Sätzen erklärt hat. Matheprobleme hat man glaub ich überwiegend, weil dem Lehrenden die didaktischen Fähigkeiten abgehen. Oder das Vorstellungsvermögen dafür, dass man eben auch mal vom Schema F abweichen muss. Ich hab in der ersten Klasse mit meiner Lehrerin darüber diskutiert, warum 1+1=2 ist und nicht 1+1=3, denn 1 hätte ja auch so groß wie 1,5 sein können. Völlig logischer Gedankengang. Fand ich, so mit 6 Jahren. Meine Lehrerin nicht, und von da an war ich eben das Mathe-doof-Kind.Und aus der Nummer kommt man nur schwer wieder raus. Aber in den 80ern war man auch pädagogisch noch nicht so wertvoll wie heute, nech. ;-)

  • Tilla Pe

    Willkommen im Club ;)
    Ich ziehe bis heute nur Socken an, wenn es wirklich und wahrhaftig richtig richtig kalt ist! Ich brauche meine Zehen nämlich zum geistigen Zählen…. und das geht in Socken schlechter!

  • Kirsten

    @Peter: Mh, auch, wenn ich das ganze hier mit einem gewissen lustigen Unterton geschrieben hab, finde ich es nicht wirklich zum lachen…

    @Scholli: Haha – dividieren kann ich noch, aber malnehmen nicht! ;-) Ich glaube, die Lehrer konnten einfach nicht verstehen, wie ein sonst normal begabtes Kind in einem Fach so abkacken kann. Aber anstatt sich da mal Gedanken drüber zu machen, wurde das auf Faulheit oder mangelnden Willen geschoben.
    Und was die Gegend angeht: Kommste etwa auch ausse Nähe vonnen Pott? ;-)

    @Tilla Pe: Lustigerweise hab ich das früher nie gemacht, brauche aber heute manchmal die Finger, um zum Beispiel die restlichen Tage der Woche abzuzählen. :-)

  • Scholli

    @ Kirsten, Aber Hallo! Waschechte Soester Bördianerin, Lippetalerin, aber voll in Soest sozialisiert. Dat is so nah annen Pott, wie et nur geht, ohne in Werl wohnen zu müssen. ;-)

  • Kirsten

    Ja kumma, wie geil is dat denn! Dat Intanet is klein!

    Wobei – der Lippstädter an sich hat den Soester an sich ja nich so gerne. Aber dat vagessenwama ganz schnell, woll? :-D

    Ach, und sagense ma: Ich hab da getz so einige von Deine alten Artikel gelesen, ich glaub, ich muss Dich ma valinken, wenn es gestattet is…

  • Scholli

    Oh, die alte Lippstadt/Soest – Geschichte, jaja. Dat vergessen wa ma. Der Soester an sich is ja auch gerne ma arrogant mit de Lippstädter, aber is doch eigentlich voll egal, Börde is Börde ;-)
    Tu mich ma valinken, ich tu dat auch mit dir, wenn es recht is. ;-)

  • Kirsten

    Aba gerne. Is erledicht. Auf gute Nachbarschaft! :-)

  • Cecie

    mir hat neuliche ne freundin erzählt, dasse dyskalkulie hat. die frau ist biologin, hat nen doktor und ist selbständig seeehr erfolgrech – ich hab erst gedacht, das wär n scherz, wusste ich doch bis dato gar nicht, dass es das gibt. logisch isses aber, wo es legasthenie gibt wieso nich auch das pendant?

    ich hoffe für nachfolgende generationen auf besseres verständnis und einfühlung und dir wünsche ich immer genug finger zum zählen (du weisst schon, wie es gemeint ist ;o)

  • Scholli

    @Kirsten: Denn man Tau, ne! Auf gute Nachbarschaft! ;-)

  • Kirsten

    @Cecie: Ja, Legasthenie scheint mir auch um einiges bekannter zu sein. Aber wenn ich mich im Netz zur Dyskalkulie so umschaue, scheint es da auch voranzugehen. Immerhin…

    Äh – danke! :-D

  • Christoph

    Mit Mathe stehe ich auch auf Kriegsfuss. Und die Kommentare beruhigen mich, denn ich scheine doch nicht der Einzige zu sein.

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