Von Prinzen und Stallburschen

Mit Mitte 30 kann man ja so langsam mal drüber nachdenken, was man werden will, wenn man groß ist. Ich tue das seit geraumer Zeit, komme aber nur zur Antwort „glücklich“. Wie ich das anstellen will, weiß ich noch nicht so recht, aber manchmal denke ich, ich bin auf einem guten Weg. Allerdings stehen heiraten und Kinder kriegen nicht besonders weit oben auf der Liste. Um ehrlich zu sein, stehen sie grad gar nicht auf der Liste.

Aber seit meine beiden Großmütter nicht mehr leben, muss ich mich nur noch selten fragen lassen, ob ich denn gerade einen Freund hätte oder wann ich denn mal daran dächte, die Menschheit mit meiner Nachkommenschaft zu beglücken. Meine Stiefoma äußerte vor vielen Jahren im Rahmen einer solchen Diskussion mal den Satz „Ach, Abitur ist ja für ein Mädchen nicht so wichtig“. Sie träumte vermutlich davon, dass ich irgendwann mal einen Prinzen auf einem edlen Pferd treffen, dieser mich in sein Schloss entführen würde und ich damit ausgesorgt hätte. Abitur, Studium und Ausbildung wären in einem solchen Fall ja wirklich Zeit- und Geldverschwendung gewesen. Zum Glück sahen meine Eltern das anders und investierten nicht unerhebliche Beträge von Geld und Unterstützung in ihr missratenes Kind, damit es sich eines Tages mal selber ernähren könne. (Leider ist dieser Tag noch immer fern.)

Aber, werte Stiefoma Pauline, der Prinz auf dem edlen Pferd wird in meinem Leben wohl nicht auftauchen. Das ging mir vorgestern auf, als ich auf dem Weg ins Fußballstadion war.

Zunächst kam ich vom Regen triefnass auf dem Lippstädter Bahnsteig an. Ich musste noch eine Fahrkarte kaufen und war schon leicht genervt, als ich die Schlange vor dem Automaten sah. Noch dazu eine Schlange voller strunzdummer Püppis, die ja heutzutage in der Schule alles lernen, aber nicht, wie man liest. Der Zug sollte in vier Minuten einfahren und war natürlich an diesem Tag mal nicht verspätet. Als die Zeit immer enger wurde, kam ein mit offenbar mangelndem Hygieneverständnis ausgestatteter junger Herr zum Automaten und stellte sich vor mich in die Schlange. In meiner bekannt zurückhaltenden und liebenswürdigen Art fuhr ich ihn an: „Ey, die Schlange ist hinter mir zu Ende.“ – „Ich steh ja hier auch nur neben meinem Kumpel“, raunzte der Schmierlappen zurück, „und außerdem kann man das auch anders sagen.“ Ich daraufhin: „Sorry, aber ich dachte, du drängelst dich hier dreist vor. Da werde ich schon mal ungehalten. Tut mir Leid.“ Keine Reaktion. Ich: „UND WENN MAN SOVIEL WERT AUF HÖFLICHE UMGANSFORMEN LEGT, KANN MAN JETZT AUCH DIE ENTSCHULDIGUNG ANNEHMEN!“ Keine Reaktion.

Das war die erste Begebenheit des Tages.

Die zweite ließ nicht lange auf sich warten.

Im vollbesetzten Zug ab Soest bekam ich nur einen Stehplatz an der Tür. (Unter anderem, weil die Bahn es schafft, Fußballsonderzüge fahren zu lassen, an denen zwei Waggons aufgrund defekter Türen nicht betretbar sind.) In Werl stiegen dann zwei Vollpfosten zu, die ich, wenn ich eine etwas weniger sanfte Persönlichkeit hätte und der Zug nicht so voll gewesen wäre, mit der bloßen Faust erschlagen hätte.
Vollpfosten 1: Ach, hier passen wir schon noch rein, Prinzesschen (damit war ich gemeint), macht sicher noch Platz.
„Prinzesschen“ grinst müde. Ich hätte nur Platz schaffen können, indem ich mich erbrochen oder die ganze Zeit den Bauch eingezogen hätte.
Vollpfosten 1: (an „Prinzesschen“ herunterschauend) Was hastn du für ne Schuhgröße?
„Prinzesschen“: Geht dich zwar nix an, aber 41.
Vollpfosten 1: Ach komm, das ist doch höchstens 37.
„Prinzesschen“: Nein, das ist 41.
Vollpfosten 1: Quatsch, erzähl doch nix.
„Prinzesschen“: Ach, halt doch einfach die Fresse, du blöder Wichser.

Das war ein Fehler. Denn von nun an vertrieben sich Vollpfosten 1 und 2 die Zeit damit, „Prinzesschen“ fertig zu machen. Ich geh hier nicht ins Detail, aber am Dortmunder Bahnhof war ich kurz davor (nachdem die Gewaltphantasien, von denen „Zigarette im Auge ausdrücken“ noch die harmloseste war, mich nicht mehr ausreichend befriedigten), Vollpfosten 1 beim Aussteigen in die Kniekehlen zu treten, zum nächsten Polizeibeamten zu laufen und die Typen einkassieren zu lassen. Ich ärger mich noch immer, dass ich es nicht gemacht hab.

Ich hoffe, Du erkennst die Lehre aus diesen eben erwähnten Begebenheiten, werte Stiefoma Pauline, und siehst, wie fern für mich der Prinz auf dem edlen Pferd ist. Die Lehre lautet nämlich: Für Frauen wie mich gibt es keinen Prinzen auf einem edlen Pferd.

Frauen wie ich lernen nur Stallburschen auf verfilzten Eseln kennen.


5 responses to “Von Prinzen und Stallburschen

  • Pleitegeiger

    Ach Prinzessin. Ich mußte passenderweise Wiehern vor lachen ;-)

  • Melody

    Ich sollte das vermutlich nicht schreiben, aber der einzige Stallbursche, den ich jemals näher kennenlernte, besass eine hmhm königliche Ausstattung, die für sämtliche Interessenskonflikte entschädigte.

    Standesdünkel sind eh out. Und Esel sind cool.
    :-))

  • Der Borusse

    Also, nun mal ehrlich, Du auf großem Fuß lebendes Prinzesschen, was erwartest Du vom Werler Bahnhof – dass George Clooney einsteigt?
    Du solltest Stiefoma Pauline zuliebe lieber mal eine „Nachbewerbung“ zur SAT1-Sendung „Gräfin gesucht“ absenden. Wer weiß, vielleicht klappt es ja und Du kannst Deinen Blog umbenennen in „Gräfin KikvonRun“ – und Deine Ernährung wäre unter Umständen auch gesichert…

  • Cecie

    *kicher*
    ich kanns ja kaum noch erwarten, dich vielleicht doch mal irgendwann irgendwo zu treffen – die schnodderschnauze und das latente schlechtgelaunt-pampige hätten wir schon mal gemeinsam ;o)

  • killerkeks

    Vielleicht versuchst du es mal mit nem anderen Fußballverein ;-)

    Zum Glücklichsein ist der Weg das Ziel, wow klingt das klug – und das aus meinem Munde. Hätte meine Oma Internet, würde sie sich dann noch dafür interessieren und zufällig den Eintrag finden, wäre sie sicher stolz auf mich ;P

    Konnte mich aber köstlich über deinen Beitrag amüsieren und pack dich mal zu meinen RSS-feeds und in den Blogroll ;-)

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