Bleibt mir weg mit Marathon

Immer, wenn ich morgens so meine Joggingrunden durch die Nachbarschaft drehe, fällt mir ein Dialog ein, den ich letztens mit jemandem zum Thema Marathon hatte. Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon anhören musste, dass ja jeder einen Marathon laufen könne. Speziell sagen das meistens Menschen, die ihr Leben lang Sport nur mit der Fernbedienung getrieben haben und sich im Rahmen ihrer Midlife Crisis einer dieser jetzt so hippen Laufgruppen angeschlossen haben.

Dass man mich hier nicht falsch versteht: Ich haben den größten Respekt vor Leuten, die in späteren Jahren noch mit dem Sport anfangen und was für sich tun. Und vor sämtlichen Leuten, die Marathon oder generell lange Strecken laufen, kann ich nur meinen Hut ziehen. Ich habe überhaupt größten Respekt vor allen Sportler, weil ich eben selber weiß, wie viel man für Leistungen traineren muss und was es oft für eine Quälerei ist, nach einem eh schon beschissenen Tag auch noch im strömenden Regen zum Training zu gehen. Aber tut mir doch bitte einen Gefallen – verschont mich mit diesen Weisheiten wie „Aber auch du kannst einen Marathon laufen!“

Ich treibe selber seit 30 Jahren Sport, und glaubt mir – ich weiß ziemlich genau, was mein Körper kann und was nicht. Und längere Strecken zu laufen, gehört verdammt noch mal nicht dazu. Ich laufe für meine Verhältnisse viel, aber ich muss mich dafür auch richtig quälen. Wenn ich diese furchtbaren 2000 Meter für mein Sportabzeichen laufen soll, muss ich dafür den ganzen Sommer lang traineren. Und selbst dann schaffe ich es nur mit Müh und Not und meistens auch nur mit Gehpausen. Das ist mir bis zu einem gewissen Grad peinlich, aber auch nicht zu ändern. Ich. Kann. Keine. Langen. Strecken. Laufen. Punkt.

Und ich habe langsam keine Lust mehr, mich dafür belächeln zu lassen. Ich quäle mich für meinen Sport auch. Es ist ja nicht nur so, dass ich gelegentlich ein paar Kugel schubse. Ich muss auch langweilige Technikeinheiten machen – und das Krafttraining ist auch nicht immer nur die reine Freude. Als ich in einem Sommer wirklich sehr viel gelaufen war, fragte mich auch gleich ein Bekannter mit leuchtenden Augen, ob ich denn nun nicht mal bei einem Volkslauf mit ihm starten wollte. Mit diesem seltsamen „Endlich machst du den richtigen und einzig wahren Sport“-Glitzern in den Augen.

Der letzten Person, die mir einreden wollte, ich könne einen Marathon laufen, wenn ich nur richtig trainierte und es wirklich wollte (klar, liegt immer alles nur am Willen. Pah.), hab ich das gleiche in grün an den Kopf geworfen: „Meinst du denn, dass du auch über neun Meter stoßen kannst, wenn du das wirklich willst und trainierst?“ Seltsamerweise war die Person nicht dieser Meinung.

Warum zur Hölle sollte ich also einen Marathon laufen können? Viele Menschen haben einfach nicht die körperlichen Voraussetzungen für diese oder jede Sportart. Ich gehe nicht durch die Gegend und sage, jeder sollte man einen Kugelstoßwettkampf mitgemacht haben, muss mir aber ständig anhören, jeder sollte mal die Erfahrung eines Marathons gemacht haben. Mal abgesehen davon, dass ich eine solche Erfahrung nie machen werde – sie fehlt mir auch nicht. Ich bin bei meinem Training auch oft genug allein mit meinen Schmerzen und der ganzen Quälerei, das reicht mir an Selbsterfahrung völlig.

Ich persönlich finde, jeder sollte den Sport betreiben, den er kann und der ihm Spaß macht. Und zwar ohne die eigene Leistung geschmälert zu sehen, nur, weil es diese und nicht jene Sportart ist.


11 responses to “Bleibt mir weg mit Marathon

  • wortteufel

    „Jetzt könntest Du doch im September auch mitlaufen, oder? Wenn Du schon wieder angefangen hast zu trainieren. Ist nur ein 10 Kilometer-Lauf. Wie, wieso nicht? Wie, Du willst das nicht? Aber Du läufst doch? Wofür läufst Du sonst? Willst Du nie was erreichen im Sport?“

    Ich erreiche beim Laufen immer dann was, wenn ich es schaffe, überhaupt loszulaufen 8) Und wenn ich dann unter Schmerzen und Qualen eine Runde geschafft habe, ist das ok – es erweckt in mir aber nicht den Wunsch noch weiter zu laufen. Ich bin dann froh, wenn ich wieder zuhause bin :D

    Selbsterfahrung beim Joggen? Die einzige Selbsterfahrung, die ich dabei gemacht habe: Ich tu es unter Qualen, aber bestimmt nicht im Wettstreit.

  • Kirsten

    „Ich tu es unter Qualen, aber bestimmt nicht im Wettstreit.“ – Genau so geht es mir auch. :-)

  • Breiti

    Richtig, aber warum lässt Du Dich da so emotional gehen? Ist doch eigentlich alles gut! Lasse reden …

    LG, Breiti

  • Kirsten

    Wo bitte lasse ich mich denn hier emotional gehen? Wenn ich das tue, sieht das aber ganz anders aus. Ich sage lediglich meine Meinung.

  • Schonzeit

    ich denke es ist auch viel die innere Eintellung. Wenn ich einen Marathon laufen will, weil es mich erfüllen könnte, dann kann ich das Ziel auch erreichen. Wenn ich jedoch der Meinung bin, dass mih die Teilnahme an sowas in meinem Leben kein Stück voran bringt, dann knn ich auch mit gut gemeintem Training nichts erreichen.

    Und wenn diese Hürde bereits gerissen wurde, dann ists auch müßig noch drüber nachzudenken ob man das körperlich hinbekommen würde. Der Kopf ist ja breits ausgestiegen.

    Bleib dir einfach treu. Das finde ich gut.

  • Kirsten

    @Schonzeit: Äh – nein. Ich habe einfach nicht die körperlichen Voraussetzungen für einen Marathon, warum ist das so schwer zu begreifen? Ich kriege beim Laufen schlecht Luft, ich habe nicht den Körperbau eines Langstreckenläufers. An der Einstellung würde es nicht liegen, denn wie ich dachte, hier klar herausgestellt zu haben, kann ich mich durchaus quälen, um eine Leistung zu erreichen.

    Ich habe doch hier klar geschrieben, dass ich auch Ausdauertraining mache – aber es gibt einen Punkt, an dem es nicht weitergeht. Und zwar nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich nicht kann. Ich würde gern in der Wochen zehn Kilometer laufen können, aber es geht verdammt noch mal nicht. Und mit Verlaub – ich glaube, dass ich mir mit 30 Jahren Leichtathletikerfahrung nicht von Leuten, die erst kürzlich mit dem Sport angefangen haben, erzählen lassen muss, was ich kann und was nicht. Denn – und das ist der Unterschied – ich tue das auch nicht. Ich laufe nicht mit missionarischem Eifer durch die Gegend und sage, jeder muss Kugelstoßen machen. Weil ich eben genau weiß, dass das auch nicht jeder kann.

    Und warum zu Hölle soll mich ein Marathon im Leben voranbringen, ein Wettkampf in einer anderen Disziplin aber nicht? Warum soll eine Sportart mehr wert sein als die andere?

  • Volker Schepker

    Das kommt mir so bekannt vor, ich bewege mich auch am liebsten im Wasser, schwimmenderweise ;)
    Laufen ist absolut nicht mein Ding, ich würd sogar für 50m Strecke aufs Fahrrad umsteigen, da ich Laufen HASSE!

  • kaanu

    Ich halte Marathon für gesundheitsschädlich und dass obwohl ich selber den Hamburg-Marathon schon gelaufen bin. Der Mensch ist für diese Strecke nicht gemacht.

  • Kirsten

    @Volker: Lustigerweise kann ich auch immer locker einen Kilometer schwimmen, aber um einen Kilometer laufen zu können, muss ich richtig trainieren.

    @Kaanu: Ich bewundere das sehr, wenn jemand einen Marathon läuft. Ob es gesund ist, lass ich jetzt auch mal dahingestellt. Aber ist nicht der erste Marathonläufer damals auch tot zusammengebrochen? Das ist doch der beste Beleg. ;-)

  • kaanu

    Siehste. :-) (Der erste Marathonläufer lief aber deutlich mehr als 40 km.)
    Marathon ist schon deshalb ungesund, weil sich meiner Einschätzung nach mindestens 50% der Teilnehmer nicht ausreichend darauf vorbereiten bzw. deren Knochengerüst etc. viel zu überlastet ist. Ich hab damals ausgiebig trainiert und im Vorfeld auch mehrere 2-3 Stunden-Läufe gemacht. Ich hab den Marathon auch locker durchgehalten. Aber danach war ein Zeh einen Monat lang taub und ich bin mehrere Tage mit schlimmstem Muskelkater durch die Gegend gehumpelt. Und ich hab wirklich eine jahrelange Leichtathltik-Vorgeschichte ohne echte Blessuren.

  • Kirsten

    @Kaanu: Hihi, die wenigen Verletzungen, die ich mir je bei der Leichtathletik zugezogen hab, waren auch immer vom Laufen! Vom Kugelstoßen nie. :-) (Da ist es mehr so chronischer Verschleiß… *hust*)

    Das mit der Vorbereitung stimmt auf jeden Fall. Wenn ich manche Leute bei den Marathons sehe, wir mir echt schlecht – zu dick, zu schlechte Schuhe, offenbar schlechtes Training. Und genau solche Leute sagen mir dann, ich könnte doch auch … usw.

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