Sportler und Sportler

Neulich beim Training fiel mir ein Kind auf, dessen sportliche Anfänge in unserem Verein ich noch gut vor Augen hatte. Als das kleine, leicht dickliche Kind vor etwa zwei Jahren zu uns kam, konnte es nichts. Und damit meine ich wirklich nichts. In meiner Generation wäre ein solches „nichts“ noch gewesen, dass man den Schlagball nicht weiter als 20 Meter werfen konnte, ansonsten aber ganz fit war. In der heutigen Generation bedeutet ein „nichts“ häufig genau das. Will sagen, dieses Kind konnte damals einigermaßen geradeaus gehen. Laufen war schwierig und funktionierte nur im Zickzack, weil Motorik und Koordination so gut wie nicht vorhanden waren. Rückwärts laufen, Hopserlauf, gar auf einem Bein hüpfen – Fehlanzeige. Das arme Kind war nicht nur unsportlich, es war auch nie gefördert worden. Für beides konnte das Kind am allerwenigsten, und trotzdem wird es darunter ziemlich gelitten habe, vermute ich. (Das soll nun nicht heißen, dass jedes Kind, das schlecht im Sport ist, zum Leistungssportler gemacht werden soll. Aber wenn ein Kind noch nicht mal mehr eine natürliche Bewegung wie einen Hopserlauf kann, finde ich das mehr als bedenklich.)

Als ich das betreffende Kind dann in dieser Woche beim Training sah, musste ich dreimal hinschauen. Die Gruppe, in der es trainiert, machte grad Staffeltraining. Und das Kind, das vor nicht allzu langer Zeit nur im Zockeltrab laufen konnte, nahm den Stab von der ankommenden Läuferin entgegen und spurtete los. Es legte einen Sprint hin, den vor zwei Jahren keiner von ihm erwartet hätte. Das Kind kann immer noch nicht besonders schnell laufen, aber seine Motorik und Koordination haben sich um ein Vielfaches gesteigert. Um ehrlich zu sein, war ich sehr gerührt, das zu beobachten.

Ich glaube, wenn man sowas sieht, weiß man wieder, warum man sich diese Trainiertätigkeit, die schlecht bezahlt und selten gewürdigt wird, antut. Das Kind, um das es hier geht, wird niemals ein großer Sportler werden oder bei Wettkämpfen außerhalb der Kreisebene Chancen haben – das muss es aber auch nicht. Denn auch, was das Selbstbewusstsein angeht, hat das Kind einen großen Schritt  nach vorn gemacht, weil es nicht mehr so ungeschickt und unbeweglich ist. Und das ist auch eine ganze Menge wert. Vielleicht mehr als ein Titel.

Doch für den Erfolg ist nicht nur der Trainer verantwortlich. Ich bin ja nicht mehr so oft beim Training, doch immer, wenn ich da war, war das betreffende Kind auch da. Und quälte sich, machte mit rührendem Ernst alle Übungen mit, bemühte sich, besser zu werden. Im Gegensatz zu den „coolen“ Kindern der Gruppe, die rumalberten, Abläufe störten und sich freuten, wenn sie mit Schummelei eine Runde weniger gelaufen waren, als der Trainer verordnet hatte. Und für ein bisschen (viel) Spott für die Kinder mit weniger Talent war auch immer noch Zeit. Diese Kinder sind dummerweise oft bei Wettkämpfen vor denjenigen, die sich für ihre Leistungen richtig quälen müssen. Ob sie wahre Sportler sind, darüber lässt sich streiten. (Im Übrigen wurde in der Gruppe, in der ich als Kind trainiert habe, der schlechteste Sportler nicht auch noch niedergemacht. Dafür kann ich meine Hand ins Feuer legen. Weil ich nämlich damals die Schlechteste in der Gruppe war, und mich hat niemand gehänselt.)

Diese Geschichte werde ich jetzt immer erzählen, wenn es wieder um diese alberne Abgrenzung von Leistungs- und Breitensport geht. Meiner Meinung nach hat beides seine Berechtigung. Wer soviel sportliches Talent hat, dass er oder sie davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, der sollte gefördert werden. Wer aber dieses Talent nicht hat, sich aber mit netten Leuten im Verein bewegen und etwas für sich tun will, sollte dazu auch die Möglichkeit haben. Wir hatten in unserem Verein schon so einige sportliche Erfolge: Deutsche Meister, Westfalenmeister und DJK-Meister. Das waren großartige sportliche Momente, sowohl für die Sportler als auch für den Trainer (der in den meisten Fällen mein Vater war). Aber über ein kleines, dickliches Kind, das es mit viel Ehrgeiz so weit gebracht hat, einen Sprint hinlegen zu können, freut man sich fast genauso. Wenn nicht noch ein bisschen mehr.


7 responses to “Sportler und Sportler

  • Der Borusse

    Eine wunderbare Story, liebe Kirsten, sie spricht mir aus dem Herzen. Kinder, die mit einer solchen Begeisterung ihrem Sport nachgehen, sind immer förderungswürdig. Leider zählt jedoch in der heutigen Gesellschaft (und auch bei manchem Trainer) nur das Leistungsprinzip. Schwächere werden häufig einfach an den Rand geschoben und verlieren dann den Spaß am Sport – und enden viel zu oft als McDonald’s-Kind. Das ist sehr schade, aber ich befürchte, wir werden nicht viel dagegen ausrichten können.
    In jedem Fall bleibt zu hoffen, dass unsere beiden einzig wahren Borussias in der kommenden Saison den Übergang vom Breiten- zum Leistungssport finden…. :-)

  • Kirsten

    Gern geschehen, lieber Borusse, und dankeschön! :-)

    Zum Glück ist es in meinem Verein so, dass wir Kapazitäten für beide Leistungsgruppen haben. Das Kind trainiert in der Gruppe der Spaßsportler, und wer bereit ist, mehr zu trainieren und sich für Wettkämpfe zu quälen, wechselt in eine andere Gruppe. Aber stimmt, leider sieht das bei vielen Vereinen anders aus. Und ich sehe mit großer Sorge, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr selbstverständlich zum Sport schicken. Im Gegenteil – viele nehmen die Kurzen wieder aus dem Verein, wenn sie auf die weiterführenden Schulen kommen. Dabei ist das der größte Unsinn, den ich je gehört habe.

    Und was die Borussiae angeht: :-D

  • Volker Schepker

    Schöne Geschichte.
    Erinnert mich an meine Zeit damals beim Schwimmen, ich hab viel zu spät mit dem „richtigen“ Trainieren angefangen, von daher war der Aufstieg in die beste Gruppe extrem schwierig, aber ich hab mich enorm reingekniet und auch einige Wettkämpfe sehr gut abgeschnitten. Warum das mit der Gruppe nich geklappt hat, hatte ich ja schonmal in einem anderen Eintrag von dir beschrieben ;)
    Aber schön zu sehen, dass es immer noch Kinder gibt, die wirklich was tun wollen. Freut mich :)

  • Kirsten

    Danke!
    Ja, da kann man mal sehen, wohin man es mit viel Arbeit noch bringen kann. Selbst ich habe ja trotz mangelndem Talent noch im hohen Alter von 33 ne Bestleistung gebracht. ;-)

  • oscartango

    Sehr schöne Geschichte. Wir hatten auch einen 14-jährigen im Verein, der vor 4 Jahren mit 147kg zu uns kam. Heute wiegt er bei 1,93m Körpergröße noch 90kg und treibt leidenschaftlich Sport.
    DAS sind die wahren Erfolge der vielen Sportvereine in Deutschland. Solche Geschichten gibt es nämlich zu Hauf. Und die sind allemal wichtiger als Titel.

  • Cecie

    eine tolle geschichte, ja! und das allerschönste daran ist, dass sie wahr ist.

    viele grüsse!

  • Kirsten

    @Oscartango: Ja, aber leider werden solche Geschichten viel zu selten erzählt, weil doch immer nur alle auf den Titel gucken…

    @Cecie: Dankeschön! Und liebe Grüße zurück!

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