Wilde Kreaturen

Was für zauberhafter Familienausflug! Tiere, Sex, Sensationen – oder so ähnlich. Und das alles für lumpige 15 Euro bei Hagenbecks. Das war zwar inzwischen mein dritter Besuch dort, aber heute hab ich noch mal so viele spannende Dinge gesehen, dass sich das Geld doppelt und dreifach gelohnt hat. Ich weiß gar nicht, wovon ich begeisterter sein soll – von den Dingen, die hinter den Zäunen und Glasscheiben vorgingen oder von denen davor. Diese lustigen Zweibeiner sind ja ein so spannendes Forschungsobjekt!

Das weibliche Muttertier fällt dabei besonders auf – vor allem durch fortwährendes Geschnatter. So versucht die Leitkuh, ihrem gelangweilten Nachwuchs des Leben der Tiere näher zu bringen. „Was wohl hinter der nächsten Ecke für ein Tier ist, ach, da bin ich aber mal gespannt, schau mal, Ann-Kristin, da sind Meerschweinchen, und wo wohl die Bären sind, ach, da bin ich aber mal gespannt, und schau mal Leon-Marvin, dort sind die Äffchen und …“ Dies alles geschieht in einer hohen Stimmlage, die andere Zweibeiner abschrecken soll. Reicht dies nicht, benutzt das Muttertier seinen Kinderwagen dazu, sich den Weg freizuräumen. Achillessehnen und Waden anderer Menschen sind dabei Hindernisse, die durchaus zu vernachlässigen sind. Das Muttertier hat dem Rudel ja schon den Dienst erwiesen, sich zu vermehren. Da ist es nicht nötig, noch auf irgendwas Rücksicht zu nehmen. Die Muttertiere tragen häufig nur noch praktische Kleidung und Haarschnitte, die nicht attraktiv sind. Das ist auch nicht nötig, denn schließlich hat das Muttertier ja schon einen Partner gefunden und muss seine Reize nicht mehr zur Schau stellen.

Weibliche Zweibeiner, die sich bislang noch nicht vermehrt, aber schon einen festen Partner haben, zeichnen sich dagegen oft durch große Ahungslosigkeit aus („Sind das Pelikane oder Reiher, Hase?“). Damit geben sie ihrem männlichen Partnertier die Möglichkeit, die korrekte Antwort zu geben und sich als Mann zu beweisen. Das festigt die Partnerschaft und führt bald darauf vermutlich zu Paarung und Vermehrung. Hilfreich bei der Erreichung dieses Ziels ist auch die Kleidung des weiblichen ledigen Tiers. Oft trägt dieses Exemplar deshalb Stöckelschuhe, die zwar für den Zoobesuch denkbar ungeeignet sind, dafür aber einen schönen Arsch machen. Das führt bald darauf vermutlich zu Paarung und Vermehrung.

Das ältere weibliche Tier tut sich gern durch lautes Vorlesen von an den Tiergehegen angebrachten Schildern hervor. Es macht dem Tier nichts, wenn alle Umstehenden auch des Lesens mächtig sind. Der deutsche Zweibeiner an sich betont eben gern das Offensichtliche. Je weniger das Weibchen ansonsten kann, desto mehr und lauter liest es vor.

Der männliche Zweibeiner dient dem Weibchen vor allem dazu, seine Sachen zu tragen und ihm die Welt zu erklären. Die männlichen Tiere geben sich nach der Vermehrung häufig der Resignation hin. Oder dem Alkohol.

Treffen zwei Zweibeiner-Männchen aufeinander, beginnt sofort der Kampf um den Respekt der Umstehenden. Bei jüngeren, ledigen Tieren gewinnt der, der die Freundin mit den höchsten Schuhen hat, bei den liierten der mit den meisten Kindern. Bei älteren Zweibeinern verschieben sich hier die Prioritäten. Diese Männchen, sofern sie keine weibliche Partnerin in jugendlichem Alter vorweisen können, sind oftmals mit technischen Geräten ausgestattet, mit denen sie ihre Umwelt auf Film bannen. Das ist aber nur der sekundäre Zweck dieser Geräte, denn eigentlich geht es darum, dem anderen männlichen Tier zu zeigen, dass das eigene Gerät besser ist, bessere Software hat oder das männliche Tier sowieso besser damit umgehen kann als der Konkurrent. Dieses Gebaren ist auch bekannt als „Wer-hat-den-Längsten“-Ritual. Besonders schön zu beobachten war dieses heute vor dem Mandrill-Käfig, in dem sich zwei männliche Tiere um die Rangfolge kloppten, während vorne ein mit Karohemd, Weste, Sonnenbrille und Videokamera angetanes Männchen aus Süddeutschland einem anderen Exemplar zu vermitteln versuchte, wie gut es mit dem Computer umgehen kann.

Der Nachwuchs der Zweibeiner zeichnet sich durch lärmendes Verhalten, eisverklebte Finger und die exzessive Verwendung von lustigen Wörtern wie Arsch und Pimmel aus (letzteres nur, wenn es sich um männliche Nachkommen im Alter von etwa vier oder fünf Jahren handelt). Um den Nachwuchs dreht sich bei den Zweibeiner alles, der Nachwuchs darf alles und auch allen auf die Nerven gehen. Der Nachwuchs darf anderen Besuchern auf die Füße treten, Tiere füttern, die man nicht füttern darf und lautstark rumbrüllen, um den Elterntieren den eigenen Willen nahezubringen.

Die vierbeinigen Tiere beobachten interessiert das Treiben vor ihren Käfigen. Ich bin mir im Laufe meiner noch lange nicht abgeschlossenen Studien immerhin über eines klar geworden: Tiere können unsere Sprache verstehen und sprechen. Sie reden aber nicht mit uns, weil wir so meilenweit unter ihrem Niveau liegen.


13 responses to “Wilde Kreaturen

  • Volker Schepker

    Wunderbar, schön geschrieben, dem ist nichts hinzuzufügen :D

  • mbrelax

    Schöner Bericht! Schicke Dir gleich noch eine Mail…

  • Nick

    Ja, sehr amüsantes zoologisches Essay. ;-)
    Vielleicht sollte ich auch mal wieder in den Zoo gehen; ich vermute, am Gehege von „Knut“ lässt sich dieses Verhalten der Zweibeiner auch exemplarisch feststellen!

  • westernworld

    du kannst so schön mit worten umgehen, du solltest dir ein blog zulegen … oder gleich von berufswegen schreiben.

    hoffe in zukunft noch mehr aus dem leben geschlechtsunreifer hanseaten zu erfahren.

  • Kirsten

    @Volker: Dankeschön! :-)

    @Mbrelax: Ebenfalls danke! Aber die spinnen doch, oder? Presserechtlich wäre ich wohl auf der sicheren Seite, aber bevor ich mir Ärger einhandele… Schade um die poppenden Schildkröten.

    @Nick: Oha, bei Knut treffen sich sicher die ganz schrägen Exemplare…

    @Westernworld: ;-)

    Mal sehen – würden es zur Not auch geschlechtsunreife Westfalen tun?

  • Inge aus HH

    Herrlich geschildert! Das müsstest du eigentlich in einer Zeitung stehen haben, so toll haste das geschrieben.
    ;-)
    Nachsatz: Und nun mecker nicht gleich wieder, nur weil ich mal einen Satz lang wahnsinnig begeistert bin…
    :-)
    Schönes Wochenende!

  • Lonari

    *lach* – der Besuch muss ja ganz schön anstrengend gewesen sein…klingt jedenfalls so, als wären Dir die Anwesenden ordentlich auf die Nerven gegangen ;-)

  • Cecie

    höhöhö! wenn ich das nächste mal in HH bin, gehn wir zusammen zu hagenbecks. ok!? ;o)

  • Schonzeit

    Wunderbar Frau Dr. Kikmek.

    Was für eine selten herrliche Verhaltensstudie von Menschen im Zoo. Letztendlich sind wir, wie Douglas Adams schon mal feststellte also diejenigen, die beobachtet werden und das mit ziemlicher langeweile. :)

  • westernworld

    @kirsten wußte gar nicht das du einen stall voll unehelicher kinder versteckst … aber ja natürlich wäre ich auch daran interessiert oder meinst du deine versingleung, das wäre ja keine unreife sondern eher überreife ; )

  • Kirsten

    @Inge: Ich brauche keine Zeitung, um meine Texte zu adeln. Zumal man sich ja mit einer Zeitung auch nach einem Tag den Hintern abwischt. :-)

    Im Übrigen hab ich noch nie gemeckert, wenn ich gelobt werde. Worüber ich schon mehrfach gemeckert habe, sind Kommentare, die mir das unterstellen. Die nerven nämlich ganz schön, und das hab ich, glaub ich, auch schon mal recht deutlich gesagt.

    @Lonari: Es ging eigentlich. Irgendwann hab ich dann schon angefangen, diesen Text im Geiste vorzuformulieren und hatte einen Heidenspaß. :-)

    @Cecie: Sehr gern! Zumal ich immer noch nicht im Tropenaquarium war.

    @Schonzeit: *handvordiestirnklatsch* Douglas Adams war das! Ich hatte auch die ganze Zeit sowas im Kopf und kam nicht mehr drauf, wer es war… Ich lasse halt auch nach. ;-)

    @Westernworld: Neee, ich meinte nur, dass ich die nächste Zeit wieder eine Weile in NRW bin und dann keine Hamburger-Geschichten zu bieten habe. Und keine Frechheiten hier! ;-)

  • westernworld

    frech ich, nieemals ich bin so zurückhaltenend das schon ein frisches mausgrau gewagt wirkt.

  • Schonzeit

    mit solch Kleinigkeiten helfe ich immer sehr gern aus. :)

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