Ticket-Tagebuch

Wenn ich früher aus dem Kino kam, hab ich immer die Eintrittskarte aufgehoben, wenn ich den Film besonders toll oder bewegend fand. Fragte mich jemand, warum, hab ich immer halb im Scherz gesagt: „Die kleb ich mir ins Tagebuch.“ Manchmal hab das wirklich gemacht – und neulich den ganzen Rotz weggeschmissen, weil mir aus der Distanz aufgegangen ist, dass mein Filmgeschmack noch um einiges katastrophaler und bedenklicher ist war als mein Musikgeschmack. Mit diesen Tagebüchern hätte man mich erpressen können. Auch, wenn es relativ unwahrscheinlich ist, dass ich je so wichtig werde, dass mich jemand erpressen möchte, wollte ich vorsorgen und alle Spuren peinlicher Teenager-Ausrutscher rechtzeitig beseitigen.

Soviel zu Kinokarten. Fußballtickets sammel ich dagegen immer noch. Und aus einer der zahlreichen Umzugskisten, die sich bekanntermaßen durch Zellteilung vermehren, fielen mir gestern Teile meiner Sammlung wieder entgegen:

19. September 2001: Mein erster Besuch im Westfalenstadion, das damals auch wirklich noch so hieß. Das Spiel ging 0:0 aus, Rosicky hatte ein mit „Rosikcy“ bschriftetes Trikot an, es hat die ganze Zeit geregnet und für den nächsten Morgen hatten mich mein damaliger Chefredakteur und sein Stellvertreter wegen eines von mir verbockten Artikels zu einem Gespräch geladen (Zumindest dachte ich das den ganzen Abend lang. Der Artikel war aber gar nicht verbockt. Ärger hatte es trotzdem gegeben, was aber zum Glück nicht meine Schuld war.). Nicht die besten Voraussetzungen für einen entspannten Abend also, und doch hatte ich mein Herz vom ersten Moment an komplett an den BVB verloren, nachdem ich jahrelang nur Sympathisantin des Vereins gewesen war. Von dem Augenblick an, an dem wir die Stufen zu unserem Block hochstiegen, hab ich ungefähr 30.000 Mal „Wow“ oder „Boah“ oder ähnlich Geistreiches gedacht. Was ich im Grunde heute noch denke, wenn ich unser Stadion betrete. Vor dem Spiel gab es eine Schweigeminute für die Opfer des 11. September – und das vollbesetzte Stadion schwieg so intensiv, dass ich den Regen aufs Dach trommeln hören konnte. Während des Spiels deutete ich mehrfach auf die kochende Südtribüne und sagte mir: „Gott, zwischen den Bekloppten da würde ich aber nie stehen wollen.“ Weise Voraussicht war noch nie meine Stärke.

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14. August 2004: Das erste Spiel im Borussiapark und gleichzeitig das erste Auswärtsspiel, bei dem ich war. Für die einzig wahre Borussia ging die Premiere im neuen Stadion gründlich in die Hose, denn die einzig wahre Borussia feierte einen Auswärtssieg (Endstand 2:3). Während des Spiels hab ich zum ersten Mal erfahren, wie einsam man sich in einem fremden Stadion fühlen kann, wenn man nicht im Gästeblock steht. Damals war ich mit lauter Gladbachern unterwegs und bei jedem unserer drei Tore, die ich frenetisch bejubeln musste, wehte mich aus sämtlichen Richtung der eisige Atem des Hasses an. Als das Spiel vorbei war, hatte ich meine BVB-Kappe vorsorglich hinten in die Hose gesteckt und meine Jacke drüber gezogen. Man kann ja nie wissen.

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7. Dezember 2004: Ein grottiges Spiel der BVB-Amateure gegen Eintracht Braunschweig, scheißkaltes Wetter und ein fast leeres Westfalenstadion – und dafür hatte ich nicht nur ein sauteures Bahnticket erworben, sondern auch die anstrengende Reise von Hamburg nach Dortmund auf mich genommen. Und am anderen Morgen wieder zurück, wo ich den ganzen Tag wie ein Zombie im Büro saß und eigentlich nur schlafen wollte. Gelohnt hatte es sich trotz der 0:2 Niederlage der Schwatzgelben trotzdem, denn Christoph Metzelder feierte an dem Tag nach über 600 Tagen Verletzungspause sein Comeback. Was natürlich auch der Grund war, überhaupt zu einem Regionalligaspiel anzureisen. Und in der Halbzeit wäre ich draußen im Foyer fast Sebastian Kehl auf den Fuß getreten. Zum Glück nur fast.

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30. April 2005: Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung mehr, warum ich bei diesem Spiel war. Paderborn ist ein Verein, mit dem ich definitiv nie warm werden werde, aber die Paderborner Clique des besten Freundes hatte wohl eine Karte übrig oder so. Es war aber quasi dann doch ein historisches Spiel, denn mit dem 4:1 über die Lübecker war Paderborn schon so gut wie aufgestiegen. Was mir aber seltsam egal war. Auf der Heimfahrt war ich abgelenkt durch ein sehr dringendes Bedürfnis und bin vor Salzkotten in eine Radarfalle gerauscht, die da schon steht, seit ich Auto fahren kann. Es war also nicht nur ein Spiel, dessen Ausgang mir irgendwie wurscht war, es war auch noch viel teurer als erwartet. Und auf dem Blitzer-Foto seh ich auch noch scheiße aus.

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22. März 2006: Mein erstes Länderspiel, mehr dazu hier.

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10. August 2006: Endlich mal wieder ein Spiel am Millerntor, die Eindrücke hier. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass ich damals die später beste Mitbewohnerin von allen kennenlernte. Bis dahin kannten wir uns nur aus dem Internet und hatten zusammen mit anderen Leuten einen spaßigen Fußballabend, der, wie sollte es anders sein, in einer Kneipe abseitig der Reeperbahn endete. Dass wir mal zusammen wohnen würden, ahnte da natürlich noch keiner. :-)

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4. September 2006: Und noch ein Länderspiel, und das auch noch in einer Sportstätte in der Straße, in der ich aufgewachsen bin. Wer kann das schon von sich sagen. Spielbericht hier, Bilder hier.

Und nun sage noch einer, es wäre von Nachteil, dass ich nichts wegschmeißen kann. Aus diesem ganzen Müll kann man immerhin Blogbeiträge stricken, wenn sonst nichts, aber auch überhaupt nichts passiert. (Und wenn ich eigentlich was ganz anderes schreiben sollte, das auch mit Fußball zu tun hat, für das ich sogar bezahlt würde, zu dem ich mich aber trotzdem irgendwie nicht durchringen kann.)


8 responses to “Ticket-Tagebuch

  • Nick

    Schön, dass du das aufgeschrieben hast! Ein echt vergnüglicher nostalgischer Rückblick. Und es lohnt sich eigentlich schon wegen den verschiedenen Layouts der Tickets.

    Auch wenn ich schon seit den frühen 90ern Fan bin, habe ich es auch erst im Mai 2001 zum ersten Mal ins Westfalenstadion geschafft, zu einem öden 0:0 gegen Stuttgart, noch dazu auf der Nordtribüne unten hinterm Zaun. Tickets habe ich (leider) nicht gesammelt, aber das vom Derby am 33. Spieltag letzter Saison hat einen Ehrenplatz an meiner Wand. ;-)

  • bettina

    das ticket vom pauli-spiel hab ich auch noch :-) war ein sehr witziger abend.

    liebe grüße und vielleicht bis bald

  • Jekylla

    Irgendwie fehlt da was. Ich weiss nur nicht was. Wissen Sie es?

  • Jekylla

    Nehme alles zurueck!!!! ALLES!

    Aber ich finde, es sollte noch eins rein. Spaetestens naechste Saison sind Sie faellig! :-)

  • Inge aus HH

    Es tolles Hobby. Ich denke, mach weiter damit, solange es dir Freude macht. Und schmeiß nicht gleich alles aus einer Idee heraus weg. Wäre schade.

    ;-)

  • Kirsten

    @Nick: Danke! Wenn ich irgendwann mal den Rest finde, gibt es einen zweiten Teil. ;-)
    Manchmal finde ich es fast schade, dass ich eine Dauerkarte habe, denn so habe ich ja nie einzelne Tickets der Spiele. Das vom Derby vergangenes Jahr würde ich mir auch gern in einen Goldrahmen stecken!

    @Bettina: Ja, fand ich auch! Bist Du wieder in HH? dann sollten wir dringend mal ein Kaltgetränk nehmen nächste Woche!

    @Jekylla: Aber gerne doch! Wenn Sie in bewährter Manier die Tickets besorgen, wofür Sie ja ein unbestreitbares Talent haben, bin ich sofort dabei. Es sei denn, ich muss wieder arbeiten. Hmpf.

    @Inge: Das ist kein Hobby, das ist bisweilen ungesunde Besessenheit. ;-)
    Und ich schmeiße nur Dinge weg, die mir inzwischen vollkommen egal sind, und meine alten Tagebücher gehören definitiv dazu. Die erinnern mich nur an schwierige Zeiten, die zum Glück lange vorbei sind. Und es war unglaublich befreiend, die wegzuwerfen. So wie es damals befreiend war, das alles aufzuschreiben. Und jedes war/ist zu seiner Zeit richtig.

  • sabbeljan

    ich hatte zwar endlich einen beitrag zur „ich lach mir den arsch weg“-reden erwartet, aber das hier ist viel schöner. eben kein tagesgeschäft, sondern für die ewigkeit!

  • Dat erste Ma in Stadion | Kirstens Weblog

    […] Filigrantechnik (Tomáš Rosický), nach rauschhaften Siegen und bitteren Niederlagen. Wie ich hier mal schrieb, hab ich immer gedacht, dass mir tausend Wows durch den Kopf schossen, aber vermutlich […]

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