Zwischen Himmel und Hölle

Vermutlich sollte ich morgens um 4.16 nicht mehr anfangen zu bloggen, aber was soll’s. Schlafen kann ich jetzt eh nicht, und schließlich ist noch ein Bier im Kühlschrank.

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits war es ein sehr schöner Tag und ein sehr schöner Abend, von dem ich soeben nach Hause gekehrt bin. Andererseits bin ich traurig. Einerseits hab ich mit sehr vielen lieben alten und neuen Freunden gefeiert, meine Freundin war eine tolle Braut, die Trauung sehr rührend und die Party anschließend großartig. Andererseits haben meine schwatz-gelben Jungs das DFB-Pokalfinale verloren, und ich habe außer der Verlängerung nichts davon gesehen. Aber von vorn. Des dramatischen Effekts wegen im Präsens.

14 Uhr: Während der Trauung in der Kirche wird mir klar, was ich doch für ein rührseliges Mädchen bin. Ich muss nicht nur beim Einmarsch des Brautpaars heulen, sondern auch bei der Zeremonie selbst. Schlimm, aber irgendwie nicht abzustellen. Wenigstens ist es nur ein Tränchen, und die Schminke bleibt intakt.

15.30 Uhr: Erschreckende Erkenntnis bei der Ankunft im Hotel, in dem gefeiert wird: Es gibt keinen Fernsehraum. Ich kann das Spiel nicht sehen. Hektische SMS an die Mutter: „Keine Chance, das Spiel zu sehen. Kannst Du mir das aufzeichnen und mir Halbszeitstand, Tore, etc. simsen? DANKE!“ Es vergehen qualvolle Stunden, bis meine Mutter endlich simst „Klar, machen wir“.

16 Uhr: Kaffeetrinken, Sekt kippen, dummes Zeug reden: Der Empfang nach der Hochzeit nimmt seinen Lauf.
Alle ziehen mich auf, weil ich nervös wegen des Spiels bin und gleichzeitig steif und fest behaupte, es sei nicht schlimm, dass ich es nicht sehen könnte. Es sei ja „nur Fußball“. (Für den Spruch komm ich in die Hölle, das weiß ich.)

19.30 Uhr: Der Saal füllt sich allmählich zum Abendessen. Ich hab alles, nur keinen Hunger.

19.46 Uhr: Die beste Fußballperle von allen fragt per SMS an, ob ich das Spiel sehen kann oder ob sie mir Zwischenergebnisse schicken soll. Ich bin gerührt. Das ist wahre Freundschaft.

19.55 Uhr: Salat zur Vorspeise, aber während ich esse, beginnt das Spiel. Ich stelle fest, dass es seeeehr schwierig ist, gleichzeitig Daumen zu drücken und das Besteck anständig zu halten. Mein Tischnachbar heißt wie ein bekannter deutscher Boxer. Ich frage, wie viele dämliche Witz er sich darüber am Tag so anhören muss. „Wenige“, sagt er, „die meisten fragen, wie viele dämliche Witze ich mir darüber am Tag so anhören muss.“

20.01 Uhr: Der Suleyman, der noch kein Blog hat, aber eins haben sollte und Schalker ist, simst: „Auf geht’s! Revierpower – keine Gnade für den Titan und Wurstuli!“ Ich bin abermals gerührt. Das ist wahre Freundschaft.

20.14 Uhr: SMS von meiner Mutter: „1:0 Bayern“. Ich werde unentspannt, auch, wenn ich sowas schon fast erwartet hatte. Vorne an der Bühne halten die jeweiligen Schwiegerväter Reden, und wir müssen alle irgendwas singen. Während ich „Viel Glück und viel Segen“ vor mich hinbrummel, warte ich verzweifelt darauf, dass mein Handy vibriert und meine Mutter mir einen Ausgleichstreffer meldet.

20.15 bis 20.45 Uhr: Ich entdecke, dass ich nur ein sehr schlechtes Netz habe und werde leicht panisch.

Während der Halbzeit kann ich wenigstens für kurze Zeit die Daumen loslassen und mich in Ruhe dem formidablen Hauptgang widmen. Der ganze Tisch nimmt sich noch eine zweite Portion, ich krieg nichts mehr runter. Von wegen „nur Fußball“.

21.18 Uhr. SMS von meiner Mutter: „Dortmund jetzt besser, vielleicht geht noch was“. Ich kriege vor Aufregung fast einen Herzinfarkt, weil ich natürlich ein Tor erwartet hatte, als das Handy vibrierte. Ich antworte: „Ich dreh hier am Rad. Bin total nervös. Die Hölle.“

21.31 Uhr: Das Handy vibriert erneut: „Klimo für Frei“

21.37 Uhr: „Buckley für Rukavina“ (Währenddessen läuft im Saal ein Film, der die Brautleute als kleine Kinder zeigt. Sehr rührend, aber sowas ist bei mir grad Perlen vor die Säue. Muss mir nachher die DVD ausleihen.)

Dann der Supergau: 21.50 Uhr: Meine Mutter schickt mir eine leere SMS. WAS SOLL DAS? WAS IST PASSIERT?! SPIEL VORBEI!? TOR?! WAS DENN NUN?! Ich altere um 30 Jahre. Zeitgleich simst der beste Freund „Jetzt gehts los.“ Eine Minute später die Fußballperle: „Such Dir nen Fernseher! Hoffe, Du findest einen!“

Auf mein entnervtes „WAS?!“ simst der beste Freund: „Verlängerung. Ausgleich Petric in der 90. Verdient. Bayern nervös.“

Von diesem Zeitpunkt an bin ich komplett im Arsch. Ich kralle mir die nächstbeste Bedienung und frage, wo der nächste Fernseher ist. Es gebe keinen, aber es stünde wohl 1:1, sagt sie. Von den nächsten drei Minuten weiß ich vor lauter Verzweiflung nichts mehr, aber dann kommt plötzlich die Chefin auf mich zu und sagt, in der Küche gebe es einen Fernseher, und ich könne gern dort gucken, wenn es so wichtig sei. Ich erwäge, ihr einen spontanen Heiratsantrag zu machen. In der Küche biete ich an, das Besteck abzutrocknen, darf aber ohne Gegenleistung bleiben.

Ich gestehe, dass ich von dem Spiel bis auf das verf*ckte 2:1 nichts mehr weiß. Diesen Eierball von Toni und Ziegler, der auf dem falschen Fuß steht und das Tor nicht mehr verhindern kann, werde ich aber vermutlich bis an mein Lebensende vor meinem geistigen Auge sehen.

Hinter mir tauchen immer wieder ältere Herren auf, die das Spiel ebenfalls sehen wollen. Auch der Koch, seines Zeichens Pauli-Fan, kommt dazu und meint „Na, heute alle Dortmund-Fans?“ Ich weise dezent auf meine BVB-Vereinsmitgliedschaft hin, er zeigt sich angemessen beeindruckt. Die Chefin sagt, im Saal gehe das Programm weiter, aber das ist mir grad egal. Neben mir steht auf einmal ein Bayern-Fan. Als das Spiel vorbei und verloren ist, kann ich es nicht über mich bringen, ihm zu gratulieren. Scheiß auf die Fairness. Ich bedanke mich bei der Küchenmannschaft, dass ich bei ihr gucken durfte. Die Chefin sagt: „Ach, das tut mir Leid. Ich hätte es Ihnen so gegönnt.“

22.10 Uhr: Mama: „2:1 mit viel Glück für Bayern. Unverdient.“ Tröstende Worte mit dem Hinweis auf Gratis-Alkohol von der Fußballperle. Bester Freund (Gladbacher): „Schade. Bin traurig. Glückstor von Toni. 1:2 Vize-Pokalsieger. Toll gekämpft, Deine Jungs.“ Ich verdrücke ein Tränchen auf dem Klo und schäme mich dessen im Gegensatz zu den Tränen bei der Trauung nicht.

Die Feier nimmt ihren Lauf. Die Braut will den Brautstrauß werfen. Der Brautvater schiebt die ledigen Mädels mit dem Hinweis auf noch zwei zu verheiratende Söhne auf die Tanzfläche. Die Söhne kratzen mich weniger, wohl aber die Androhung der Braut, nie wieder mit mir zu reden, wenn ich nicht mit nach vorne gehe. Ich füge mich in mein Schicksal und bin heilfroh, dass der Strauß in eine ganz andere Richtung fliegt. Ich hätte ihn aber eh nicht gefangen.

23.30 Uhr: Mama simst: „Ich hoffe, der Frust ist nicht zu groß. Oder musst Du das Auto stehen lassen?“ Meine Mutter kennt mich zu gut… Ich hatte aber lediglich einen Schnaps, nach dessen Genuss mich der Kellner fragte, ob es denn nun besser ginge. Geht es nicht. Zu wenig Schnaps.

Im weiteren Verlauf des Abends/Morgens werde ich wiederholt zum Tanzen gezwungen. Hebt die Laune aber nur kurzzeitig. Zumal mich alle fragen, ob denn Herr Doll schon gefeuert sei. Ich erkläre, dass Herr Doll nicht gefeuert werde. Punkt.

Heimfahrt.

So, und nun ist es 5.30 Uhr und Zeit zum Schlafen. Ich zieh jetzt mein Pokal-Shirt an und leg mich hin.


19 responses to “Zwischen Himmel und Hölle

  • westernworld

    um mich selbst zu twittitieren :

    „scheiß bayerndusel, billigster abstauber aller zeiten #hrmpf #agrrrrrhhh
    about 11 hours ago from twhirl
    westernworld_“

  • wortteufel

    … ich hätte auch nie gedacht, dass Slomka schon vor Saisonende fliegt ;)

  • Kirsten

    @Westernworld: Yep. ich könnt immer noch kotzen.

    @Wortteufel: Ich hoffe, bei uns sind die Zeiten vorbei, in denen ein Vorstand mit dem Kopf voller Rosinen unmögliche Dinge von einer mittelmäßigen Mannschaft erwartet und deswegen einen entlässt, der aus Scheiße überraschenderweise doch keine Pralinen backen kann.

  • wortteufel

    *seufz* Ja, das hoffte ich auch 8)

  • Der Borusse

    Die Niederlage war wirklich mehr als ärgerlich. Aber jetzt habt ihr die Möglichkeit, ein paar Mark in den einen oder anderen guten Spieler zu investieren. Immerhin dürft ihr in der kommenden Serie im UEFA-Cup antreten – dort, wo meine Borussia erst noch hinkommen muss….

  • Heimat, wo man Feindschaft pflegt « Begrenzte Wissenschaft

    […] Verlinkt: die ganz persönliche, sehr wertgeschätzte Dortmunder Perspektive. […]

  • Inge aus HH

    Das haste spitzenmäßig erzählt. Und nu? Nu glaubste, dasste nich mehr aus der Hölle raus kommst, stimmts?
    ;-)

  • Nick

    Ach, das muss ja pure Folter gewesen sein gestern bei dir. Nur während dem Spiel natürlich. ;-)

    Wir hättens verdient gehabt und das 1:1 war natürlich unglaublich. Bei Doll bin ich mir dagegen nicht so sicher – was meine eigene Meinung angeht und die des Vorstands.

  • Volker Schepker

    Hui, das muss aufregend gewesen sein, ich kenn das aus ähnlichen Situationen (Formel 1) ;)
    Und mach dir nix draus, ist ja nur Fußball *wegrenn*
    Nein, ernsthaft, tut mir leid für dich, dass das nicht geklappt hat.

  • Danger DoDo

    Wenn du glaubst, es geht nicht mehr! Kommt von irgendwo ein Lichtlein her :D
    Hast den Tag ja relativ gut überstanden, da kann es ja nur noch besser werden 8)

  • Jens

    Mein Beileid. Ich hatte ja das Glück, dass ich keinen Fernseher brauchte, dafür konnte ich netterweise dieses blöde Duseltor des blöden Luca Toni kaum sehen. Aber hören, da ausnahmsweise diese rot-weißen mal sich haben hören lassen.

  • Lonari

    Ach Mensch! Wenn ich geahnt hätte, dass der SMS-Dienst Deiner Mutter im entscheidenden 1:1-Moment versagt, hätte ich natürlich geschrieben: Los, such Dir nen Fernseher, sie haben den Ausgleich geschossen!

    Du Arme… aber sehr lustig geschrieben, nachts um 4.16 Uhr nach so einem Abend. Respekt ;-)

  • Schonzeit

    ich habe erstaunlicherweise auch an dich denken müssen. Wobei wir selbst auch in nem Konzert saßen und als die Jungs von Basta auf der Bühne behaupteten dass Bayern vorn liegt dachte ich an die versaute Hochzeitsfeier.

    Tut mir echt leid.

  • Stadtneurotiker

    Auch wenn ich mir hier unbeliebt mache: der Sieg geht, auch aufgrund eines sehr hözern auftretenden BVB in der 1. Halbzeit, in Ordnung. Daß Glück dabei war – keine Frage. Aber Toni weiß halt, wo er stehen mus…

  • bettina

    hab geschaut, natürlich an die beste ehemalige mitbewohnerin gedacht und daumen gedrückt ;-)
    hat nix geholfen. blöder glücks-toni.
    liebe grüße

  • belschanov

    Was Du hier schilderst, kann ich gut nachvollziehen. Ging mir selber mal so, als ich zur Taufe meines Neffen musste und zeitgleich zur Zeremonie in der Kirche die deutsche Mannschaft ihr erstes Gruppenspiel bei der WM 2002 absolvierte. Naja, ist vielleicht nicht ganz vergleichbar, ein Pokalfinale ist ein Endspiel, da geht’s um einen Titel, das war bei dem Vorrundenspiel Deutschland gegen Saudi Arabien nicht so, aber WM-Auftakt ist WM-Auftakt und das möchte man natürlich nicht verpassen. Ich weiß nur: Wenn ich der Vater des Kindes gewesen wäre, hätte die Taufe nicht an diesem Tag stattgefunden. Es ist fast schon tragisch, wenn die eigene Schwester einen Mann heiratet, der Fußball „doof“ findet und dem eine WM am A… vorbei geht. Aber vielleicht macht gerade das Unterschied: Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder…

  • Kirsten

    @belschanov: Ja, ein furchtbarer Alptraum generell: Irgendwo läuft Fußball/Sport, und man muss zu so einem dämlichen gesellschaftlichen Anlass. ;-)
    Wenn ich die Mutter des Kindes gewesen wäre, hätte die Taufe auch nicht an dem Tag stattgefunden!
    Das mit dem Pokalspiel kann ja passieren – und wenn der BVB nicht gespielt hätte, hätte mich vom Spiel bis auf das Ergebnis auch nichts interessiert. Aber wenn WM ist, sollte man als Gastgeber auf sowas Rücksicht nehmen, ob man sich nun dafür interessiert oder nicht. Finde ich. Aber ich bin ja auch seltsam. :-)

  • Soll es das schon gewesen sein? « Kirstens Weblog

    […] hatte aufgrund der Mühe, die Sie sich gemacht haben, mich wegen meines Verhaltens auf dieser Hochzeit zu maßregeln, angenommen, Sie hätten ein wenig mehr Durchhaltevermögen. Vor allem, wenn es darum […]

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