Zettelwirtschaft

Wenn meine Eltern und ich früher bei meinen Großeltern väterlicherseits namens Oma und Opa Schöppenstedt zu Gast waren oder meine Großeltern uns besucht haben, gab es nach Beendigung des Besuchs immer Überraschungen. Meine Oma war nämlich eine große Freundin davon, überall Zettelchen zu verstecken. Überall heißt: in Töpfen, Kleidung und zwischen Buchdeckeln. Es dauerte bisweilen etwas, bis man alle Zettelchen gefunden hatte – zum Beispiel, wenn es Sommer war und Oma Schöppenstedt ein Zettelchen in die Tasche des Wintermantels gesteckt hatte. Schön war es, wenn an den Zettelchen noch ein Zehnmarkschein befestigt war. Weniger schön, wenn auf dem Zettel nur stand, warum man sich denn nicht öfter meldete. Ob man sie, Oma und Opa Schöppenstedt, denn so gar nicht lieb hätte. (Dem war nicht so, aber oft gemeldet hab ich mich trotzdem nicht bei meinen Großeltern. Das ist aber noch mal eine ganz andere Geschichte.)

Zudem hatten meine Großeltern den Tick, unter die meisten Sachen, die sie erworben hatten, ein Pflaster zu kleben, auf dem fein säuberlich notiert wurde, wann der Gegenstand erworben oder von wem er wann geschenkt worden war. So bekam ich nach dem Tod meines Großvaters unter anderem einen kleinen zähneputzenden Schlumpf zurück, unter dem ein Pflaster klebte, auf dem zu lesen war: „Kirsten, 1984“. Genau in dem Jahr hatte ich meinem Opa den Schlumpf geschenkt, der ihn von da an in seinem Arbeitszimmer auf dem Sideboard aufbewahrte. Zu Lebzeiten meiner Großeltern hatte ich diese Macke mit dem Beschriften immer total benackt gefunden. Als ich den Schlumpf Ende der 90er wiederbekam, musste ich dann aber das ein oder andere Tränchen verdrücken.

Gerne wurde übrigens auf diesen Pflastern auch vermerkt, wer das jeweilige Teil nach dem Ableben meiner Großeltern bekommen sollte. Das fand ich als Kind noch bescheuerter. Zumal der Tod im Hause meiner Großeltern durch die Gesprächsthemen eh immer allgegenwärtig schien. Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben uns bei Tisch nur über soeben gestorbene Nachbarn und Freunde unterhalten. Oder über Verdauung. Beides fand ich als Kind wenig angenehm.

Ich hatte diese kleinen Macken aber schon fast verdrängt – bis ich gerade ein paar seit Jahren bei uns eingelagerte Porzellanteile meiner Oma ausgepackt hab. Da begegnete mir nämlich beides wieder: Die Zettelchen und die Pflaster. So erfuhr ich, dass erstens das kleinere Porzelladöschen nach Ansicht meiner Oma heute viel Geld wert sein soll, aber leider nicht, in welchem Jahr sie es gekauft hatte. Ich vermute, dass sie folgenden Zettel vor ihrem Umzug ins Altersheim geschrieben hat, denn die Schrift ist schon etwas wirr – leider kann ich auch nicht alles entziffern:

Auf einer weiteren Porzellandose fand ich dann das obligatorische Pflaster, das mir mitteilte, dass meine Oma das gute Stück am 18. Februar 1939 von General Rust aus oder in Kassel bekam (und was gäbe ich, könnte ich die Geschichte dazu erfahren …):

Nach ihrem Tod, so hatte meine Oma per Aufkleber „verfügt“, sollte Frau Gedönsheimer * das gute Stück „als Dank für die ???“ bekommen.

Nun habe ich natürlich ein schlechtes Gewissen. Denn nun habe ich ja das gute Stück, und Frau Gedönsheimer wohnt vielleicht noch immer in Schöppenstedt und ahnt nichts davon, dass ich vor Jahren quasi den letzten Willen meiner Großmutter missachtet habe und die Dose an mich genommen hab. Oder Frau Gedönsheimer hat selber schon das Zeitliche gesegnet und musste von der Welt gehen, ohne diese wunderbare geblümte Porzellandose in Händen gehalten zu haben.

So oder so, ich halte das gute Stück in Ehren. Versprochen, liebe Oma Schöppenstedt und liebe Frau Gedönsheimer.

*Name geändert


12 responses to “Zettelwirtschaft

  • Stadtneurotiker

    Ene herrliche Geschichte! Von meiner Oma habe ich gelernt, wie man Pakete so verpackt, daß jeder interessierte Postbeamte daran scheitert…

    Noch eine Detailfrage: wo wird den Wolters Pilsener gebraut und ausgeschenkt (oder ist die Brauerei schon geschluckt worden)?

  • Kristina

    Was für eine schöne Geschichte! Zeig doch mal die Porzellandöschen. Bin neugierig geworden. Hast du schon bei Ebay geguckt? Vielleicht ist es ja doch viel wert! Immerhin hat sie es in ihrem Hochzeitsjahr gekauft. Naja, wenigstens hat es einen hohen ideellen Wert für dich.

  • sabbeljan

    Familiengeschichten. Puh. Über Zettel könnte ich ganze Bücher schreiben. Aber noch ist nicht der richtige Zeitpunkt.

    @stadtneurotiker: ich will kirsten nicht vorgreifen, aber wolters ist ein braunschweiger bier, inzwischen wieder eine privatbrauerei.

  • Kirsten

    @Stadtneurotiker: Das mit den Paketen kenn ich auch. Die waren aber auch immer verpackt, du meine Güte! :-)

    OT: Und es wird Dich sicher freuen zu hören, dass ich heute morgen eine Taube verscheucht habe, die durch ein Treppenhausfenster ins Haus wollte.

    @Kristina: Mach ich, ich muss sie nur erst spülen. *hust* Nach dem Preis hab ich noch nicht geguckt, aber ich will sie auch nicht wirklich verkaufen. So richtig schön sind sie eigentlich auch nicht, aber ich mag sie trotzdem irgendwie.

    @Sabbeljan: Echt? Du kennst das mit den Zetteln auch? Ich dachte, wir wären die einzig Bekloppten. ;-)

    Und danke für die Wolters-Erklärung, dann muss ich es nicht noch mal nachschlagen. :-)

  • wortteufel

    Ich hab ja schon ein bisschen Tränen in den Augen, weil ich solche Beschriftungen auch kenne. Nicht auf allen Gegenständen, aber doch auf vielen. Auf Leukoplast. Mit Kugelschreiber.

    Eine sehr schöne und melancholische Geschichte.

  • Kirsten

    @Wortteufel: Ich weiß auch nicht, ob sie wirklich alles beschriftet haben, aber doch vieles; wie bei Euch offenbar auch. Für meinen Opa mit seinem Alzheimer war das zum Schluss sicher auch eine wichtige Erinnerungshilfe, deswegen muss ich manchmal auch noch schlucken, wenn ich dran denke.

  • littleb

    wow. Ich find’s einfach nur „herzig“. Toll so was, auch wenn’s einen manchmal in flaschen Moment und ohne Vorwarnung erwischen kann. Aber trotzdem toll. So bleibt manches einfach länger lebendig…

  • Stadtneurotiker

    Danke für die Bieraufklärung. Als leidenschaftlicher Biertrinker: Braut Wolters anständiges Bier? Ich kenne in dem Eck nur Härke (was ich nicht so prickelnd finde)…

  • Kirsten

    @Stadtneurotiker: Ich finde es schon ganz lecker. Nicht so ein Frauenbier, aber auch nicht allzu herb. Härke wiederum kenn ich nicht. Klingt aber schon komisch. ;-)

  • Tilla Pe

    @stadtneurotiker
    Früher hieß es „Wolters oder wolters nich“ und schmeckte etwas besser als das Feldschlößchen von nebenan (die Brauereien stehen in BS nebeneinander an der Straße).
    Inzwischen gab es bei Wolters ein Management-buy-out und seit die Belegschaft den Laden führt, ist das Bier echt lecker geworden! :) Härke ist dagegen gruseligst!

    @Kirsten
    Schöne Zettelwirtschaft das!

  • Frau Gedönsheimers Dose « Kirstens Weblog

    […] schlampigen Hausfrau wie mir immer etwas) und ich kann sie wie gewünscht präsentieren. Voilà: Frau Gedönsheimers Dose und drei weitere Gefäße (von denen ich eigentlich nicht weiß, warum ich sie so mag. […]

  • Oma «

    […] 2008 in Familie oder Verwandtschaft, Live oder Leise Kirsten hat mich an “früher” erinnert. Früher bedeutet bei mir: Mindestens zehn Jahre zurück. Denn meine Oma ist schon länger […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: