Nicht gucken!

Ich stell mir grad vor, wie sich Schaulustige am Rande einer Baustelle ansammeln und La Ola machen, wenn die Walze vorbeifährt. Oder wie lauter Groupies versuchen, einen Schnappschuss vom Ausfertigen einer beglaubigten Zeugniskopie zu ergattern. Oder wenn die Fahrgäste an jeder Haltestelle dem Busfahrer für ein korrektes Anhaltemanöver applaudieren (was ja im Flugzeug schon albern genug ist). Oder wenn dem Chef-Chirurg bei einer OP von einem Rentner, der regelmäßig die Apotheken-Umschau liest, Anweisungen zum korrekten Einsetzen des Spenderherzens entgegengebölkt werden. Klingt blöd? Tja, genauso werden sich Bundesligaprofis beim Training wohl auch manchmal vorkommen.

Ich war früher gelegentlich beim Training des BVB und habe mich da schon immer gefragt, wie ich mich beim Sport fühlen würde, wenn jedes Mal die Kameras in Anschlag gingen, wenn ich in die Nähe des Zaunes joggte. Oder mir jemand zuriefe, ich solle doch bitte mal in die Kamera schauen, während ich mich grad mit Sprints quäle.

Und deswegen kann ich die aktuelle Gedanken der Trainer auch ganz gut verstehen. Wenn es wirklich so sein soll, dass die Fans nicht mehr bei jedem Training zuschauen dürfen, finde ich diese Maßnahme völlig in Ordnung. (Sollte es allerdings so sein, dass die Fans überhaupt nicht mehr zuschauen dürfen, kann ich die Aktion nicht mehr unterstützen, aber das scheint mir nicht ernsthaft zur Debatte zu stehen. Das könnte sich wohl kaum ein Verein ernsthaft erlauben, vermute ich.)

Sicher möchten die Fans ihren Helden gern mal beim Trainieren über die Schulter und auf den Arsch gucken. Aber ich kann auch gut verstehen, dass die Fans den Jungs und den Trainern manchmal ganz schön auf den Sender gehen. Es wäre doch völlig okay, hier und da öffentliche Trainingseinheiten zu machen, ansonsten aber ganz in Ruhe und ohne Störungen von außen vor sich zu arbeiten. (Läuft das nicht bei den meisten Vereinen eh schon so ab? Ich bin da dankbar für Hinweise, weil ich das wirklich nicht genau weiß.)

Schließlich ist das, was die Jungs da auf dem Trainingsgelände machen, ihr Job. Das ist Arbeit, kein Freizeitspaß, und das sollten sich einige Fans meiner Meinung nach ein bisschen öfter ins Gedächtnis rufen. Es würde uns in unseren Berufen wohl auch nicht gefallen, wenn dauernd jemand hinter uns stünde. Allerdings besteht bei vielen dafür natürlich auch keine Gefahr. Zum Beispiel eine Online-Redakteurin bei der Arbeit zu beobachten, ist in etwa so spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Ich fühl mich da recht sicher, was Fanbesuche angeht. ;-)


8 responses to “Nicht gucken!

  • jekylla

    Zum Thema Fussball moechte ich mich aus gegebenem Anlass nicht aeussern *grummel* und ich waere auf dem Trainingsgelaende sicherlich im Moment auch komplett… ueber….

    Da schaue ich lieber besagter Online Redakteurin beim Trocknen zu oder wie Sie das nannten :-)

  • Kirsten

    @Jekylla: Ich hab gestern auch gedacht, ich fall vom Glauben ab, als ich das Ergebnis im Radio gehört hab. Ausgerechnet gegen Paderborn…

    Aber kommen Sie doch gern mal vorbei. Wir machen uns das schon nett in der Redaktion. ;-)

  • Fant

    Schön fand ich zu dem Thema ja auch diesen hier:
    http://www.spottschau.com/

  • Nick

    Ich würde auch sagen, dass nun wirklich nicht jedes Training öffentlich sein muss. Soweit ich weiß, gibt es beim BVB immer wieder nicht-öffentliche Einheiten (weiß allerdings nicht, wie oft) und andere Klubs machen das auch schon mal.

    Das Gegenargument ist natürlich, dass die Spieler sowieso im Fokus der Öffentlichkeit stehen und fürstlich entlohnt werden. Trotzdem – ich als ‚ergebnisorientierter Fan‘ fände ein öffentliches Training pro Woche ausreichend, wenn die Jungs dann konzentrierter arbeiten und mehr lernen! ;-)

  • Schonzeit

    naja. das Ding ist halt, ob man sich wirklich immer beim Arbeiten zusehen lassen möchte oder nicht.
    Da hab ich tatsächlich Verständnis für, auch wenn ein wenig Nähe zum Konsumenten Fan nie schaden kann.

    Ich hab übrigens noch ein Stöckchen bei mir für dich liegen.

  • me.

    was hast du gegen das applaudieren im flugzeug? ich finde das richtig und halte es fuer eine schoene geste.

  • Kirsten

    @Nick: Ich denke auch, dass die Jungs viel Ruhe brauchen. ;-)

    Und was die Kohle angeht – klar, das ist natürlich ein schönes „Schmerzensgeld“ für diese ganze Fanbelästigung. Aber man wird ja Fußballer wegen des Sprts und nicht wegen der Groupies (zumindest nehme ich das in meiner bisweilen bezaubernden Naivität an) – und wenn das überhand nimmt, sollte man was dagegen tun. Wobei das Fantum und öffentliche Trainingseinheiten ja schon zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

    @Schonzeit: Genau. Wenn es hier und da öffentliche Einheiten gibt, reicht das doch aus. Auch ein Star hat ja keine Verflichtung dazu, sich 24 Stunden am Tag der Öffentlichkeit zu stellen.

    @me: Sowas ist mir bisher immer nur im Proll-Flieger nach Malle begegnet, nie auf einem Flug, in dem „ernsthafte“ Reisende sitzen. Klatschen im Flugzeug ist für mich wie Klatschen in Volksmusiksendungen. ;-)

    Und sicher machen die Piloten einen verantwortungsvoellen Job. Aber schließlich haben sie das ganze auch mal gelernt und sollten verdammt noch mal auch ein Flugzeug landen können. Mir applaudiert doch auch keiner, wenn ich einen Text schreibe.

  • wieze

    Fortuna Köln sucht gerade 30.000 Fans, die sich an der Finanzierung des Trainers mit knapp 40 Euro pro Jahr beteiligen und damit ein Mitspracherecht bekommen. Siehe hier: http://sport.ard.de/sp/fussball/news200804/03/fortuna_koeln.jsp

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