Derby-Drumherum

Ich habe heute irgendwie überall Spott und Häme erwartet und damit zumindest einem Kollegen übel Unrecht getan – aber nach so einer Derbyniederlage ist das auch alles nicht so einfach mit der Gelassenheit. Dabei war ich gar nicht wirklich traurig – zwar wäre mindestens ein Unentschieden sehr verdient gewesen, aber was soll’s. Ich hatte gestern trotzdem Spaß in Dortmund. Nicht unbedingt am Spiel, mehr so am Drumherum:

Da der beste Freund noch mit der Bahn unterwegs, ich aber bereits am Stadion angekommen war, konnte ich die Gelegenheit für ein Sonnenbad und ein erstes Bierchen nutzen. Soweit, so entspannt. Weniger entspannt war dann der Schalker Mob, der mit Polizei-Eskorte (zu Fuß, zu Auto und zu Pferde) durch den Dortmunder Mob Richtung Nordtribüne geleitet wurde. Ich fand das Spektakel zu Anfang noch ganz amüsant – zumal viele der Blauweißen wohl bis heute nicht gerafft haben, dass ich mich nicht auch nur im Mindesten angesprochen fühle, wenn man mir bierselig „BVB-Hurensöhne“ entgegenbrüllt. Deutlicher angesprochen fühlte ich mich da schon von einem Schalker Fan, der meinte, aus dem Mob heraus auf mich zukommen und mir ein vertrauliches „Duhuuu? Weißte was? Du bis hässlich!“ ins Ohr säuseln zu müssen. Und was passiert, wenn mir einmal, einmal im Leben die passende, zumindest halbwegs schlagfertige Antwort („Na und? Du bist dafür doof, und ich kann mich wenigstens operieren lassen!“) einfällt? Der Typ ist zu besoffen, um es zu kapieren. Wortperlen vor die Säue.

Mulmig wurde mir dann aber richtig, als zwei BVB-Idioten neben mir den gefühlten 5000 Schalker „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ entgegengrölten. Da kochte der Hass noch mal so richtig hoch, und selten war ich dankbarer für Polizeipräsenz. Ein Kommando von dem Herrn in Uniform, und schon war Ruhe. Wären die Schalker da komplett ausgerastet und hätten die beiden Idioten zusammengeschlagen – ich wäre mitten drin gewesen. Und zwar ohne Fluchtweg.

Dem besten Freund erging es währenddessen auch nicht besser, denn der hatte sich noch kurz zuvor im gleichen Zug wie all die Schalker befunden. Zum Glück war er nicht in irgendwelche Kutten gewandet – wie auch, als Gladbacher – sonst hätte das ganz übel ausgehen können.

Ein kleines Bierchen später standen wir dann auf der Südtribüne, die irgendwie weniger gefüllt war als beim letzten Derby. War aber mal eine nette Abwechslung, nicht so eng stehen zu müssen. Im Nachhinein wünsche ich mir allerdings, ich hätte das Späßchen mit dem „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ nicht mitgemacht:

schale.jpg

Über das Spiel mag ich mal wieder nicht reden – zumal ich es auch anschließend nicht im Fernsehen gesehen habe und nicht beurteilen kann, ob die Schiedsrichterentscheidungen wirklich so seltsam waren, wie sie von oben aussahen. Zeitweise hatte ich den Verdacht, Herr Gagelmann hat seine Lizenz aus der Haferflockenpackung. Ansonsten vermute ich, dass Martin Amedick vergangene Nacht nicht so gut geschlafen hat, Tinga neue Schuhe braucht, weil die alten durchgelaufen sind und Gerald Asamoah einen Tinnitus von den gellenden Pfeifkonzert hat. Der Tor zum 2:2 war eines der am schönsten herausgespielten, das ich je gesehen habe, und das zum 3:3 war offenbar wirklich zu schön, um wahr zu sein. Noch verbesserungswürdig sind definitiv die Passqualitäten meiner Jungs. Ich persönlich kann ja nicht geradeaus vor einen Ball treten, aber so viele Fehlpässe dürfen einfach nicht passieren. Schwamm drüber, nächste Woche geht’s weiter.

Für uns ging es aber am gleichen Abend noch weiter und zwar im Barrock. In die zwei Stunden, die wir zwischen Spiel und Heimfahrt noch hatten, mussten so viele Biere wie möglich, und ich denke, wir haben die Zeit gut genutzt. BSAH!

Was nicht heißt, dass das auch für die Heimfahrt gereicht hat. Zum Glück gibt es gegenüber der U-Bahn-Station Kreuzstraße einen Kiosk, der es dem durstigen Reisenden erlaubt, auch mit einem knappen Zeitfenster noch Fahrbiere zu organisieren.

Noch fünf Minuten, bis die U-Bahn kommt:

ohne_bier.jpg

Und beim Eintreffen des Zuges das Kronen schon in der Hand:

mit_bier.jpg

Große Freude hatte ich zum Schluss noch daran, mit dem Pils voran von Wagen 28 bis Wagen 22 durch den ICE zu marschieren. Offenbar sieht der distinguierte DB-Fahrgast es eher selten, dass hinten an der Bierflasche eine Frau hängt. Zumindest ließen die Blicke darauf schließen.

Die Fahrt zurück nach Hamburg hab ich überwiegend schlafend verbracht – passiert mir selten, machte die Reise aber angenehm kurz. Und eine nicht schmerzende Nackenmuskulatur wird ja auch überschätzt. Genau wie ein einstelliger Tabellenplatz.


5 responses to “Derby-Drumherum

  • Nicole (Pleitegeiger)

    Ach Liebes. Ich war noch niemals zuvor so für den BVB wie gestern. Schon allein, weil uns ein schwatzgelber Sieg oder Unentschieden Platz 3 gerettet hätte… Hat nich sollen sein, in beiden Fällen :-(

  • Nick

    Na, da hattest du ja wenigstens auch Spaß, wenn man mal vom Spiel absieht. Und du weißt, wie man mit den Schalkern reden muss :-D

  • Narana

    Das Ergebnis fand ich sehr traurig, denn ich hatte auf einen Dortmunder Sieg sowohl gehofft als auch getippt.
    Du meinst bestimmt diese Pappkärtchen aus der Köl*n-Flocken-Packung? Sehr passend. Und dass Klimo verletzt ist, ist ja nun ganz ganz doof (ich möchte das nicht!).

  • Schonzeit

    Ich mag diesen Gesamtbericht. Hab mich sehr amüsiert über die kleinen Details, die da zu Tage kommen.

  • Kirsten

    @Alle: Ach, danke! Es tröstet irgendwie, dass alle offenbar für uns waren. :-)

    @Narana: Aber eventuell kann Klimo ja trotzdem Samstag wieder spielen. Das hat mich schon sehr erleichtert.

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