Marburg, mein Marburg

Was doch ein Jahr so ausmachen kann. Zuletzt war ich im Oktober 2006 in Marburg, und alles (meine Stimmung und die Stadt) war im Nebel. Meine Freundin hatte einen Sohn (der zweite war noch in der Verpackung), ich hab ausnahmsweise keinen in der Stadt getroffen, den ich kenne (und wer Marburg kennt, weiß, dass das so gut wie unmöglich ist) und überhaupt war alles blöd.

Aber jetzt: Schönster Sonnenschein über dem Schloss, Söhnchen Nummer zwei ist da und genauso ein charmanter Herzensbrecher wie der erste (und bedenkt, wer das hier schreibt!!!) und ich hatte eine sehr nette (ehemaliger Chef aus dem Referat für Europastudien) und eine sehr eigenartige Begegnung (ehemaliger Prof) in der Stadt.

Aber von vorn. Eigentlich hatte ich ja schon im November in meine alte Studienstadt fahren wollen, was aber leider verschoben werden musste, weil die eine der zwei besten Freundinnen der Welt samt Familie krank darnieder lag. Aber jetzt konnte ich dafür pünktlich zum ersten Geburtstag von Sohnemann Nummer zwei anreisen. Und weil eine Tante, die Geschenke bringt, besser ist als ein Onkel, der Klavier spielt, hatte ich ein rotes Feuerwehrauto und ein superduper Playmobil-Boot im Gepäck. Dummerweise war letzteres so superduper, dass Söhnchen Nummer eins das schon hatte. Er hat es dann trotzdem behalten und meine Hoffnung rasch zerstört, dass ich mich damit demnächst selber in die Wanne legen kann. Mist, muss ich mir doch ein eigenes kaufen.

Aber zunächst mal hätte ich nicht gedacht, dass mir so das Herz aufgehen könnte, wenn ich nach meinem Eintreten in die Haustür mit dem lauten Kreischen meines Namens aus dem Mund eines Dreieinhalbjährigen begrüßt werde. Ich werde echt alt und milde und weichherzig.
Besonders schön bei meinen Besuchen in Marburg ist aber immer, dass die eine der zwei besten Freundinnen der Welt und ich immer genau da weiterquatschen können, wo wir das Jahr zuvor aufgehört haben. Vor allem können wir gleichzeitig reden und trotzdem alles mitkriegen. Und obwohl sich unsere Leben in zwei völlig verschiedene Richtungen entwickelt haben, ist zwischen uns immer noch alles so wie früher. Sowas ist ein großes Geschenk, zumal ich bei anderer Gelegenheit feststellen musst, dass es nicht selbstverständlich ist, den Lebensweg des anderen anzuerkennen und sich dafür wertfrei zu interessieren. (Kennen gelernt haben wir uns übrigens über unsere damaligen Freunde. Die Männer gibt es zum Glück schon lange nicht mehr, unsere Freundschaft dagegen sehr wohl. Was viel besser ist als umgekehrt.)

Was mir noch ein bisschen Sorge bereitet, ist allerdings die Erziehung ihrer Kinder. Ich hoffe inständig, die geht nicht in die falsche Richtung. Der Papa ist nämlich Eintracht-Frankfurt-Fan, und ich habe die schlimmsten Befürchtungen, was die fußballerische Sozialisation der Jungs angeht. Ich habe schon versucht, diese mit schwatz-gelben Geschenken zu beeinflussen, bin aber nicht sicher, ob das reicht. Zur Sicherheit hab ich den jüngsten Sohn schon mal ein bisschen in die richtigen Richtung zu lenken versucht („Sag mal: Be-fau-behe!“). Mal sehen, ob es was genützt hat.

Marburg schien sich ausnahmsweise auch mal gefreut zu haben, mich zu sehen und präsentierte sich winter-untypisch mit Sonnenschein. Davon euphorisiert, musste ich natürlich gleich aufs Schloss stiefeln – um festzustellen, dass ich die berühmte Asthma-Treppe mit Mitte 20 besser bewältigt habe als mit Mitte 30. Die Atemnot war aber vielleicht auch in dem allzu opulenten Frühstück vorher begründet. Zumindest versuche ich, mir das einzureden.

Ansonsten ist dort aber immer noch alles so wie früher. Und doch wieder ganz anders. Und auch deswegen komm ich immer wieder gern zurück.

(Mh. Dieser Text ist irgendwie rührseliger geworden, als ich wollte. Ich habe wohl den Eierpunsch-Level in meinem Blut nicht konstant genug hoch gehalten.)


12 responses to “Marburg, mein Marburg

  • Lea

    haaach…das ist einfach die Aura von Marburg! Leider spürt man sie nicht mehr so schnell, wenn man jeden Tag in Marburg zu bringt.

  • Kirsten

    Ich muss gestehen, dass ich sie vor sieben Jahren auch echt über hatte, auch wenn ich dort wirklich eine schöne Zeit hatte. Und zurückgehen wollen würde ich auch nicht mehr, dafür ist mir Hamburg dann jetzt doch zu sehr ans Herz gewachsen. Aber für so ein Wochenende – hach. :-)

  • Lea

    na ich werde immer wieder zurück gehen…außer meine Eltern ziehen mal um. Aber in einem Jahr gehe ich auch nach Hamburg. So kanns kommen.

  • Kerish

    War bisher nur einmal in Marburg an einem regnerischen Tag, trotzdem hatte die Stadt irgendwas ;-)

  • Volker Schepker

    Mhm, hört sich ja interessant an :)
    Weiß nich, ob ich morgen nochmal online komme, von daher heute schonmal frohe Weihnachten und guten Rutsch ins neue Jahr!

  • Thomas Czyrzewski

    hallo,
    ich bin in marburg geboren und werde wohl auch hier sterben ;-)
    ich finde marburg ist eine echt schöne stadt !

    lg aus marburg an alle….

  • Scholli

    Ich war noch nie in Marburg, kenne aber auch jemanden, der dort eine schöne Studienzeit hatte. Mir gehts mit Köln so: Ich habs echt über, bin aber bestimmt gerne wieder hier, wenn ich erst mal länger weg war und mich erholt habe. Ging mir mit Soest ja auch so.
    Und mit den Namen kreischenden Dreieinhalbjährigen: Das ist wirklich toll und macht einen zu Recht weich. Besonders, weil sie in dem Alter einem noch so schön die Knie umarmen! ;-)

  • Scholli

    Oh, guck mal, ich hab ja gar nicht gesehen, dass der Text aus dem letzten Jahr ist! Schön ist er trotzdem!

  • Kirsten

    Danke! Es gibt auch irgendwo noch einen aktuelleren aus diesem Jahr, ich war nämlich in den Herbstferien wieder da. :-)

    Und was die Knie umarmen angeht: Stimmt, das ist wirklich schön. Und als Frau muss man auch keine Angst haben, dass sie einem dabei den Kopf in die Kronjuwelen hauen. :-D

  • Scholli

    Wieder einer der unschätzbaren Vorteile, die man als Fau so hat! ;-)

  • Scholli

    äh. Ich kaufe ein r. Als Frau natürlich!

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