B-such

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wohl am besten vorne.

Die Vorbemerkung:
Ich fahre gern in Urlaub. Ich packe aber nicht gern. Und ich plane nicht gern, weil ich gern planen lasse. (Gehässige Zungen sagen, ich sei die geborene Pauschalurlauberin. Ich kann nicht wirklich widersprechen). Ich gehe ungern Tickets kaufen. Dass ich es vergangene Woche trotzdem geschafft haben, nach Berlin zu fahren, war schon ziemlich unglaublich. Dass ich sogar ein Quartier, ein Rückfahrticket und einen Reiseführer besorgt bzw. dabei hatte, grenzte nahezu an ein Wunder.

Die Anreise:
Schon auf der Hinreise habe ich dann beschlossen, viel öfter Bahn zu fahren. Denn das Unterhaltungsprogramm ist einfach um ein Vielfaches besser als das auf der Autobahn. Gleich nach meinem Einstieg in den ICE wurde ich nämlich schon Zeugin eines Ein-Frau-Theaterstücks. Die Protagonistin saß auf der anderen Gangseite wie ich an einem Vierertisch. Während ich einen Platz brauchte, brauchte sie tatsächlich alle vier: einen für den Hintern, einen für die Füße, einen für die Reisetasche und einen für einen Proviantbeutel von geradezu obszönen Ausmaßen. Die erste Viertelstunde verbrachte die gute Frau damit, ein Percussionstück für eine Tupperdose aufzuführen. Der Inhalt der Dose war nicht unbeeindruckend, musste ich mir eingestehen. Während ich es gerade mal geschafft hatte, mir am Küchentisch hektisch je ein Brot mit Käse und mit Salami zusammenzuklatschen und in Hamm am Bahnhof ein Bueno White aus dem Automaten zu ziehen (und das auch nur, weil im Automaten noch 20 Cent steckten und ich ja an keinem Schnäppchen vorbeigehen kann), aß mein Gegenüber ein selbstgemachtes Müsli mit frischen Obststücken und verstaltete dabei einen Höllenlärm. Naja, zumindest einigen Lärm.

Zweiter Teil des Percussionstücks: aus-der-Tasche-nehmen, umfüllen, trinken, zudrehen, wieder aufdrehen, in-die-Tasche-zurück-stecken, zusammenmischen, wieder trinken, zurückstecken von drei Apothekerfläschchen undefinierbaren Inhalts sowie zwei Tetrapaks Sojazeuch. Und dann das ganze noch mal von vorn. Ab da hab ich über Kopfhörer nur noch meine eigene Musik gehört.

Während ich dann in Hannover noch rätselte, was der Zugbegleiter wohl mit „zustiegne Fahrgste“ meinte, die er „hässlich berüsste“, stiegen drei bayrische IT-Experten zu und besetzten die bis dahin drei freien Plätze um mich herum. Von da an war der Reisespaß vorbei, denn ich verstehe weder bairisch noch IT. Was ich verstehen konnte, war, dass die drei sich über Internetsüchtige unterhielten. „Ich versteh nicht, was man abends nach der Arbeit auch immer noch im Internet macht…“ erklärte der eine kopfschüttelnd. Mehr hab ich nicht mitbekommen, weil ich übers Handy gerade meine E-Mails checken musste.

In Berlin angekommen, wollte ich natürlich total cool und hauptstadterprobtund welterfahren rüberkommen. Ich fürchte, der Eindruck wurde gleich dadurch zerstört, das ich auf der Fahrt zwischen Berlin-Spandau und Hauptbahnhof sabbernd am Fenster hing und auf den Reichstag und ähnliche Sehenswürdigkeiten gestarrt haben. Aber auch wurscht. Ich war Tourist und Touristen sind eben uncool. Wenigstens hab ich es auf dem Weg zu Frau Creezy geschafft, zweimal in den richtigen Nahverkehrszug einzusteigen.

Die Unterkunft:
Für Berlin-Urlauber kann ich das Hotel Creezy nur empfehlen, denn feiner geht es nicht. Frau Creezy ist nämlich eine ganz wunderbare Gastgeberin, die großartigen Mohnstollen backt, ausgezeichnete Spaghetti-Bolognaise kocht und ein sehr liebevoll dekoriertes Frühstücksbuffet bereitet. Absolutes Highlight aber die Kartoffelsuppe vom Donnerstag – genau das richtige nach einem verregneten Abend auf dem Ku’Damm mit seinem Leute- und Lichter-Overkill.

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Außerdem kann man mit Frau Creezy tiefsinnige Gespräche führen, lachen und über Weihnachtsmärkte bummeln. Fahrplanauskünfte und Wegbeschreibungen gibt es noch obendrauf. Weiterhin hat Frau Creezy die Adressverwaltung des Nikolauses auf den neuesten Stand gebracht, sodass der alte Herr mir in diesem Jahr sogar was in den Urlaubsort geliefert hat.

Außerdem gehören ja diese drei tieffliegenden Fellträger zum Hotel Creezy. Herr Lino ist spezialisiert auf Fur-Therapy für gestresste Reisende (eine Stunde Katerbauchkraulen kann Wunder wirken),

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Nishia ist erfahrere Stadtplan-ZerknitterinLeserin und Routenplanerin für Landeier

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und Talytha ist –

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irgendwie schwer vor die Linse zu bekommen.

Es empfiehlt sich, einige dekadente Bestechungsgeschenke wie Nordseekrabben mitzubringen, um in den vollen Genuss der Fähigkeiten der drei Fellträger zu kommen. (Und in meinem Fall auch, fleißig Antiallergika einzuwerfen, die den Aufenthalt um ein Vielfaches unbeschwerter gestalten.)

Die Hauptstadt:
Ich gebe zu, ich habe als erstes ganz tourimäßig eine Stadtrundfahrt gemacht. Ich erwähnte ja, dass ich gern planen lasse – und bequem durch die Gegend gefahren zu werden, während einem jemand erklärt, auf was man zu achten hat, ist für mich genau die richtige Art zu reisen. Etwas lästig war nur der wohl vermeidliche Problemrentner, der im Bus hinter mir saß und den Stadtführer bestätigte (selten), korrigierte (meistens) oder ergänzte (immer).

Ich gestehe, ich habe in einem nicht vorhersehbaren Fotografierflash sogar den Reichstag auf Film gebannt, den ich doch eigentlich boykottieren wollte. Und sonst auch noch tausend Sachen. Welche genau, weiß ich nicht mehr, weil ich analog fotografiert hab und die Filme noch nicht habe entwickeln lassen. Das mag alles rückständig sein, aber wenn ich all die anderen Hobby-Knipser sehe, die das Brandenburger Tor erst mit 100 Meter Abstand ganz aufs Bild kriegen, finde ich mein Mörderweitwinkelobjektiv an meiner guten alten Nikon doch wieder ziemlich sexy. Auch wenn mir vom Herumtragen der Kamera noch immer die Schulter weh tut.

Besichtigt habe ich dann noch das Holocaust-Mahnmal (beeindruckend), die Gedenkhalle in der Gedächtniskirche (zu voll), das KaDeWe (aber nur die Spielzeugabteilung), das Verteidigungsministerium samt Ehrenhof und Kantine (mh, Männer in Uniform), die Museumsinsel (von außen) und den Apfelstrudel im Café des Literaturhauses. Wenn man dort die Bedienungen nicht mit allzuvielen Bestellungen beim In-der-Ecke-rumstehen belästigt, ist es ganz nett da.

Die Leute:
Der Berliner soll ja komisch und stur sein, sagt man. Happich als gebütige Westfälin getz ersma nix von gemerkt. Bis auf diesen blöden Busfahrer, der mich kurzzeitig verwirrt hat, weil er mich in die falsche Richtung schicken wollte, fand ich den Berliner an sich ganz prima. Über Frau Creezy hab ich mich ja schon ausführlich lobend geäußert. Und auch all die anderen Berliner, die ich getroffen hab, waren toll. Obwohl sie aus Ulm, Hamburg, Hamm und Dortmund kamen. Noch eine Frage an die Herren Exit und Sabbeljan: Über was haben wir uns eigentlich den ganzen Abend lang unterhalten? Ich habe nur noch eine vage Erinnerung an viel Gelächter, irgendwelche geigekratzenden Folklore-Figuren und Bier. Sollte das schon alles gewesen sein? ;-)

Das Fazit:
Schön war’s!

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Die abschließende Warnung:
Ich komme wieder.


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