1000 Meisterwerke

Wir hörten soeben aus der Reihe „Kunstwerke des Alltags auf St. Pauli“ das Stück „Die Studenten-WG-Party“, ein Gesamtkunstwerk von komplexer Struktur, das es wert ist, einmal näher betrachtet zu werden. Alles in allem war die Aufführung der Nacht von unglaublich aggressiver Vitalität und Intensität.

Über den Autor des Stückes ist zunächst einmal nichts bekannt, in geradezu Shakespeare’scher Manier aber hat er oder sie es verstanden, ein Werk zu schreiben, das sich mühelos durch Zeit und Raum transportieren lässt. Für die Qualität des Stückes ist es fast unerheblich, über welche Begabung die Darsteller verfügen – es ist an jedem Ort der Welt aufführbar, ohne, dass es an seiner verstörenden Kraft einbüßt.

Die Aufführung war zunächst einmal von beachtlicher Länge, es dauerte aber relativ lange, bis sie ihre volle Schönheit entfaltete. War der Beginn des Stückes für 20.30 Uhr angesetzt, passierte es gestern, dass die Zuhörer zunächst einmal überhaupt nichts hörten und sich teilweise sogar dem Schlaf hingaben. Um 1.30 Uhr aber nahm das Stück die Zuhörer so gefangen, dass bis etwa 5 Uhr an Schlaf nicht zu denken war.

Die Kakophonie der „Studenten-WG-Party“ setzte sich am gestrigen Abend und in der Nacht zusammen aus lautem Stimmengewirr, dem regelmäßig wiederkehrenden Geräusch von mit Schwung auf dem Balkon abgestellten Bierkisten und – einem besonderen Kunstgriff des Regisseurs – zwei gegeneinander konkurrierende Musikrichtungen. So kam von der einen Ecke der Bühne Musik aus der Gegenwart, erkennbar an dumpfen Basslinien, konterkariert von Musik der Vergangenheit vom entgegengesetzten Punkt der Bühne. Höhepunkte waren hier sicherlich die Stücke „Oh Boy“ (Buddy Holly), „Lollipop“ (The Chordettes) und „Tequila!“ (The Champs). Letzteres sollte sicherlich gesellschaftskritisch auf den zunehmenden Alkoholkonsum junger Menschen hinweisen.

Ein gelungener Schachzug des Regisseurs war es auch, beide Musikrichtungen gleichzeitig laufen zu lassen – ein wunderbares Symbol einerseits für den Generationen-Konflikt, der uns im täglichen Leben doch so oft begegnet und andererseits für die Orientierungslosigkeit junger Menschen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind, aus Scham aber mangelnde Persönlichkeitsbildung mit lauten Imponiergehabe wettzumachen versuchen.

In die oben beschriebene Geräuschkulisse mischte sich in unregelmäßiger Folge lautes Türenknallen und Gepolter. Die Ursache des letzteren war nicht auszumachen, die Absicht des ganzen bedauerlicherweise nicht zu verstehen. So erschien es aufgrund der sonstigen Qualität der Aufführung unnötig, noch weitere Lärm-Nuancen hinzuzufügen. Weniger wäre hier sicherlich mehr gewesen.

Leider waren auch die Darsteller der „Studenten-WG-Party“ bei der gestrigen Aufführung schlecht zu verstehen. Viele der männlichen Aufführenden beschränkten sich bei ihrer Rollenauslegung auf martialisches Gebrüll und sinnlose Textbausteine wie „Ey, Aldä“ oder „Mensch, Digga!“, was auf Dauer etwas ermüdend war. Die weiblichen Protagonisten fielen durch kreischendes Lachen und für das Ohr unangenehme Frequenzen negativ auf. Bis auf eine der Darstellerinnen, die durch ihr deutliches „Andreaaaaaaaaas! Hör auf!!!“ gegen 3.45 Uhr aus der Menge heraus stach, misslang es den weiblichen Darstellern durchgehend, sich von ihrer Rolle als dumme, kichernde Weibchen zu lösen. Vielleicht aber wollte der Regisseur aber damit auch auf die Sprachlosigkeit unserer Zeit und die Schwierigkeiten, aus von der Gesellschaft festgelegten Rollenmustern zu entfliehen, hinweisen.

Allzu deutlich traten Hinweise auf die rücksichtslose Vergnügungssucht der heutigen Jugend hervor – schon die Lautstärke der Aufführung machte dies deutlich. Fast unmöglich zu verstehen waren die Verwünschungsformeln einer einzelnen Frau, die am Rande der Bühne stand und in ihrem verzweifelten Wunsch, zu ihrer verdienten Nachtruhe zu kommen, ein bemitleidenswertes Bild abgab. Ihre mantra-artig gemurmelten Worte „nunistesabermalgutmitdemlärmihrkleinenscheißer“ und „ichwünscheeuchdiepestandenarsch“ sowie „gebtendlichruheichhabsonntagsdienst“ waren aber fast nicht zu verstehen. In diesem Zusammenhang fiel auch auf, dass der gestrigen Aufführung leider die Komponente „Auftritt der Ordnungshüter“ fehlte.

Da das Stück zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Rezension (4 bis 4.38 Uhr) noch nicht beendet war, können wir an dieser Stelle noch nicht auf die eventuelle Fortsetzung des Stücks eingehen. Möglicherweise kommt es in den Morgenstunden, vielleicht gegen 8 Uhr, noch zu einem Klingelstreich. Die von der Frau am Rande der Bühne gemurmelten Worte „wartetnurbisichmorgenfrühjoggengehedannistbeieuchauchschlussmitpennen“ lassen zumindest darauf hoffen.


17 responses to “1000 Meisterwerke

  • creezy

    Schöne Party, is‘ als wäre man dabei gewesen! ;-)

  • Kirsten

    *gähn* – Ich fühl mich auch, als hätte ich mitgefeiert…

  • Ultimonativ

    Vielleicht hast du ja das Beste noch verpasst. ;-)

  • Kirsten

    GLaub mir, ich hab alles gehört. ALLES. ;-(

  • SuperAndros

    Irgendwoher kenne ich das Stück, allerdings mit türkisch-arabisch-stämmiger Besetzung der Protagonisten und auch der Musikverantwortliche gehörte einem jener Volksstämme an. (Lief den wenigstens auch mal Blur oder sowas?)

  • westernworld

    ich empfehle in solche hartnäckigen fällen ja schlicht entweder hauptsicherung oder bullerei oder tonarmbruch wenn vinyltraditionalisten am werk sind.

    auch nächtliches ausschütteln eines der gastgeber über der balkonbrüstung zeigt oft den gewünschten effekt.

    gewaltfreies erbeertee trinken und angstfreies töpfern hingegen sind regelmäßig nicht von erfolg gekrönt.

    p.s.:man könnte glauben du schreibst von berufswegen.

    *duck und weg bevor sie mit der nach mir stößt* ;)

  • kutabu

    Ich bewundere einmal mehr an Dir, dass so eine Nacht Dir nicht nur nicht die Laune verdirbt, sondern Dich offensichtlich noch zu literarischen und kreativen Höchstleistungen bringt! Ich habe in solchen Nächten nur eine riesige Wut im Bauch. Welche Konsequenzen ich aus ähnlichen Party- aber auch anderen Schanzen-Erlebnissen gezogen habe, weißt Du ja. Irgendwann konnte ich die Schanze dann nicht mehr so rückhaltlos lieben.
    Gut Nacht! Ich gehe jetzt ins Bett (und weiß, dass Störungen nur in Form von Schnarchern von Mann mit Schuhgröße 50 oder Tritten von Mann mit Schuhgröße 33 stammen würden – wenn überhaupt…) ;-)

  • Kirsten

    @SuperAndros: Nö, sowas Nettes wie Blur haben die nicht gespielt…

    @Westernworld: Wegen sowas muss man aufm Kiez die Trachtengruppe kaum bemühen, fürchte ich. ;-)

    @Kutabu: Ich war so unglaublich wütend, das kann sich niemand vorstellen. Hier im Haus ist ja ewig Terror (siehe auch Kommentar von Bettina). Das war reiner Selbsterhaltungstrieb, das so zu schreiben. Ich musste nachts irgendwas machen, sonst wär ich irre geworden.

    Besonders schön war dann heute früh die Kotze im Hausflur…

  • Stadtneurotiker

    Deine Wutbeiträge (Tauben oder Nachbarn) lassen sich wirklich herrlich lesen! Aber ich trau mich nicht „Bitte mehr davon!“ zu sagen… ;-)

  • Kirsten

    @Stadtneurotiker: Das freut mich aber! Und ich fürchte, „mehr davon“ wird sich eh von ganz allein ergeben. ;-)

  • DaShan

    Da Capo, Da Capo…. ach nee. ist ja eher doof…

    Glaub mir. Ich wohnte bis vor kurzem auch noch in einem (Schauspiel)Haus, in dem dieses Stück in allen möglichen Variationen mit ähnlicher Zeiteinteilung aufgeführt wurde.

    Schön ist in diesem Zusammenhang, wenn der Regisseur in der Requisite kramt und einen handelsüblichen Fernseher sowie Tanzmatten für seine Spielkonsole findet. Das ist wirklich ein lustiger Spass für alle die drunter wohnen.

  • Christoph

    Käffchen? Schwarz und Stark?

  • Kirsten

    @DaShan: Ürks. Tanzmatten? Ach du Scheiße…

    @Christoph: Lieber nicht, das macht mein Magen nicht mit…

  • Lonari

    Mein Beileid! Aber großartig geschrieben, trotz aller widriger Umstände, vielen Dank für das Verursachen des ersten Lachers meines heutigen Tages :-) Chapeau!

  • westernworld

    @kirsten ich hab mal kurzfristig in einem uniwohnheim direkt über dem partyraum gewohnt.

    donnerstage hatten ihren namen verdient.

    daher mein reicher erfahrungsschatz im auflösen lautstarker kundgebungen nach 2 a.m. .

    wütend ist gar kein ausdruck, das gesicht zur faust geballt, kann ich voll nachfühlen.

  • DaShan

    @Kirsten

    Ja das war ein heidenspass. Also für die über uns. Für mich hielt sich der Spass in Grenzen und ich durfte mir nach solchen veranstaltungen meist mindestens einen neuen Halogen Strahler für meine Deckenlampe kaufen.

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