Ich weiß, mit wem Du gestern Abend telefoniert hast

In unserem schnuckligen Stadtteil in unserer schnuckligen Straße stehen die Häuser sehr dicht zusammen. Das sieht schön aus, bringt aber mit sich, dass man mit den Nachbarn sehr eng zusammenlebt. Sehr eng. Nicht nur in Hörweite, wie hier schon öfter beschrieben, sondern auch in Sichtweite, was doch einige Umstellungen der täglichen Gewohnheiten mit sich bringt. So kann ich hier nicht mehr in Unterwäsche vor dem Kleiderschrank rumhüpfen, ohne vorher die Vorhänge zugezogen zu haben (das heißt, ich könnte schon, aber ich müsste mir drüber im Klaren sein, dass dann mehr Menschen meine Unterwäsche sehen, als mein schüchternes Gemüt das möchte). Die Leute, die im Nachbarhaus schräg über mir wohnen, können zudem von ihrem Balkon genau in mein Bett gucken. Ist jetzt nicht so tragisch, denn außer schlafen, essen, lesen und bloggen mach ich da ja nichts. Könnte allerdings lustig aussehen, wenn ich mit den Elchen rede, aber was soll’s.

Ich finde es auch ganz interessant zu sehen, was die Nachbarn so tun. Das Mädel unten gegenüber trinkt zum Beispiel seinen Milchkaffee aus großen grünen Tassen, wenn es am Rechner sitzt. Ich kenne im Detail die Unterwäsche der alten Dame links von unserer WG (wobei das allerdings Wissen ist, auf das ich auch verzichten könnte) und weiß, was der Typ über uns so wegsäuft. Das Leergut steht nämlich auf dem Balkon, und den seh ich auch von meinem Fenster aus.

Weniger schön ist es, über sämtliche musikalischen Vorlieben der Hausgemeinschaft Bescheid zu wissen. Das beschränkt sich nicht nur auf Christina Aguilera (deren Lied, glaub ich, anders heißt als in dem verlinkten Beitrag beschrieben, aber auch egal), sondern auf die gesamte Bandbreite musikalischen Schaffens. Und leider immer laut. Seit ich eben vom Joggen wiedergekommen bin, beschallt mich irgendwer mit Deathspeedshit-Metal, oder wie auch immer man dieses atonale Geschrei und Geschrammel nennt. Es klingt aber sehr schön zusammen mit dem Reggae von der anderen Ecke des Hinterhofs.

Gestern Abend hab ich dann eine anderen Unart meiner Nachbarn von oben links entdeckt: Sie telefonieren meistens auf dem Balkon. Bei ihm beschränken sich Telefonate eher auf die Textbausteine „Ey, Alllldäääääär“ und … äh … also auf den Textbaustein „Ey, Alllldäääääär“. Sie ist da schon weitaus mitteilsamer, wie ich ihrem gestrigen Telefonat mit „Määääääänsch, Sabiiiiiiiiiiinääääääääääää*!“ entnehmen konnte. Ich weiß nun nämlich, dass meine Nachbarin von links oben nun ihren Doktor macht (ich glaub, in Jura), heute im Zuge irgendeiner Marktbefragung Hamburgs Straßen unsicher macht, dafür 150 Euro bekommt, Sabine gern mal ihre Bücher leihen möchte, dazu neigt, zuviel und zu albern zu kichern, keine Witze erzählen kann, sich in Vorlesungen langweilt, sich von [unverständliches Gemurmel] total allein gelassen fühlt und alles allein machen muss. Und noch viel, viel mehr. Ich weiß gar nicht, wie ich mich dafür revanchieren soll. Ich sollte vielleicht doch ein bisschen bei offenen Vorhängen in Unterwäsche im Zimmer rumhüpfen, damit die Leute im Gegenzug auch mal was von mir erfahren.

*Name geändert


10 responses to “Ich weiß, mit wem Du gestern Abend telefoniert hast

  • Ultimonativ

    Balkon-Telefonierer sind doch Egoisten, oder? :-)

  • bosch

    Herr Schäuble weiß das sicher auch alles längst.

  • Aoife

    Unseren Nachbarn hör ich dankenswerterweise nicht beim telefonieren, aber ich kenne seinen Musikgeschmack sehr gur :( er bevorzugt HipHop, was meine an Metal gewöhnten Ohren überhaupt nicht passt, ich wehre mich dann gern mit lauter Musik meinerseits (bevorzugt Titel wie Highway to Hell, Die, Die my darling oder auch den schönen Subway to Sally-Text ‚Hoch vom Galgen klingt es, Hoch vom Galgen klingt es Raub und Mord und Überfall sind gut‘ ;) ).
    Telefoniere doch auch mal (oder sprich mit deinen Elchen).

    (Der Beschreibung nach klingt die Musik übrigens nach Trash Metal -> Geschrei, dass weder klaren Text noch irgendetwas, das im entferntesten an eine Melodie erinnert, erkennen lässt)

  • SuperAndros

    In Altbauwohnungenn ist das das gleiche Problem, aber wir wohnen ja gott sei Dank nicht in guten Wohnlagen :-)

    Meine Nachbarn über mir haben 2 Kinder, wobei anscheinend 4/5 der Wohnung als Kinderspielzimmerdings reserviert ist, jedenfalls bummst es von überall von oben.

    Der Hausflur ist ähnlich hörbar, ich müsste mir mal die Mühe machen und Abends durch den Spion schauen, wann wer kommt und geht und notieren… ob ich dafür auch 150 Euro bekomme zwecks Marktforschung? ;-)

  • SuperAndros

    @Aoife Schonmal mit Schneekönigin versucht? ;-)

  • Aoife

    Ne, aber würde sich sicher auch gut machen *g*

  • Markus

    Sonst schreib doch einfach deine Blog-Url ans Fenster. Ist ja fast wie nackt auf dem Balkon telfonieren und dabei laut Musik hören ;)

  • Daniela

    Okay, okay. Ich nehme alles zurück, sooo schlimm ist es bei uns dann doch nicht.
    Und dabei hatte ich mich gerade am Sonntag sooo schön darüber ereifert, dass irgendwelche Leute von Sa auf So von 2-7 Uhr morgens durch gegröhlt und geschnattert haben. *nerv*
    Dabei ist die – geräuschvolle – Kieler Woche doch erst ab Freitag …

  • freischwimmer

    Die Nachbarin einer Freundin hört regelmäßig in tiefster Nacht „Liebe ohne Leiden“ von Udo Jürgens. Bevorzugt mit zitterndem Daumen auf der „Repeat“-Taste und gern mehrere Stunden am Stück.

    „Und die Moral von der Geschicht‘, Balkontelefonierer sind so schlimm nicht.“

  • Kirsten

    @Freischwimmer: Über die Musik in unserem Wohnkomplex schreib ich demnächst auch noch mal was… ;-)

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