Taktgefühl wird ja auch überschätzt

Worauf ich ja schon immer stand, war die zartfühlende Art mancher Mitmenschen, auf mein (damaliges) Schicksal als Arbeitslose einzugehen. Einer ehemaligen Kollegin ist es mal auf einer Familienfeier passiert, dass sie quer übers Büffett angebölkt wurde, ob sie denn noch immer arbeitslos sei. Über den weiteren Verlauf der Feier ist mir nichts mehr bekannt, aber schön war er sicher nicht.

Mir passierte grad Ähnliches: Gleich nach der Begrüßung durch einen entfernten Bekannten schmetterte mir dieser ein fröhliches „Und? Haste Arbeit?!“ entgegen, so laut, dass es alle Umstehenden hören konnten. Mal abgesehen davon, dass es ja schön ist, dass sich Leute um mich Gedanken machen – auf diese Art und direkt nach dem Hallo hab ich das nicht so gerne, auch, wenn ich in diesem Fall auf die Frage ja mal ausnahmsweise mit „ja“ antworten konnte. Aber was soll denn das? Sowas kann ich nachher in Ruhe beim Bier fragen, aber nicht laut durch die Gegend schreien. Das nächste Mal frag ich mein Gegenüber zurück, wie es denn den Hämorrhoiden geht. Das ist eine ähnlich intime und sich mit einem gelegentlich schmerzhaften Lebensbereich befassende Frage.

(Schön dann aber auch noch, wenn derjenige sauer wird, weil man auf die Nachfrage: „Aber die Frage hätte dich jetzt auch nicht deprimiert, wenn du keinen Job hättest, oder?“ ehrlich antwortet: „Doch, hätte sie.“)


9 responses to “Taktgefühl wird ja auch überschätzt

  • Ultimonativ

    Kann ich nachvollziehen. Halte ich für ein sensibles Thema und würde eher den Gesprächspartner auf mich zukommen lassen, als aktiv danach zu fragen, zumindest nicht so direkt und schon gar nicht vor anderen Unbekannten.

    By the way: Sportives Trikotfoto! :-)

  • Kirsten

    Und vor allem nicht direkt nach dem hallo… Manche können sich echt nicht vorstellen, wie scheiße das ist – und dann die mitleidigen Blicke hinterher, wenn man sagt, nein, es hat sich noch nichts ergeben. Hmpf.

    Hihi. Danke. Morgen kommt das nächste. ;-)

  • Inge aus HH

    Verstehen kann ich das ja alles. Aber ich denke, es ist doch keine Schande, wenn man keine Arbeit hat. Dafür muss sich doch niemand schämen. Die heutige Zeit ist eben so beschissen. Allerdings finde ich das schon verdammt ungehobelt, wenn Menschen „mitfühlend“ rumgrölen: „Haste Arbeit?“ Das ist dann nämlich nicht mehr mifühlend, sondern abwertend.

  • Kirsten

    Um das nochmal klarzustellen: Ich hab mich nie geschämt, arbeitslos zu sein, darum ging es hier überhaupt nicht. Aber ich hab mich scheiße gefühlt. Und wenn einem dann einer so kommt, ist es wirklich abwertend – zumal man das Gefühl bekommt, der Job sei das wichtigste und erste, was abgefragt werden muss.

  • Inge aus HH

    So ähnlich hab ich das aber auch verstanden. So ähnlich, verstehste? Kannst du eigentlich auch mal so ab und zu ein paar nette Worte annehmen und nicht immer so schrecklich abweisend sein? Ich empfinde es so. Irgendwie bin ich auch eine Handvoll empfindlich. Du knallst mir immer eine rein, volle Ladung.

  • Kirsten

    Genau das habe ich getan. Ich habe klargestellt, dass ich mich nie für die Arbeitslosigkeit geschämt habe, weil mir das eben wichtig war. Das muss wohl erlaubt sein, dass ich hier in meinem Blog Missverständnisse klar stelle.

    Und was den zweiten Teil des Kommentars angeht, stimme ich Dir doch durchaus zu, ich greife ja zum Beispiel den Aspekt des „abwertend handeln“ auf.

    Ich bin nicht immer „schrecklich abweisend“ – das ist nur das Bild, das Du von mir im Kopf hast und das Du offenbar immer bestätigt sehen willst, ganz egal, was ich sage.

  • Cecie

    oh ja, ich kanns dir nachfühlen. zum beispiel aus diesem grund weiss ein teil meiner sensiblen familie auch nix, dass ich jetz (zum glück nur ein paar monate) auf der suche war. der anteil, den arbeitslosigkeit im leben einnimmt, wenn sie denn da ist, ist gross genug. wenn ich dann rausgeh um mit jemandem nen kaffee zu trinken, isses durchaus ok, davon mal ne weile abzuschalten. haha. mir ist arbeit nämlich wichtig, und umso deprimierender war es zwischendurch, nix sinnvolles zu tun. das muss man dann nicht (schadenfroh) unter die nase gerieben bekommen.

    freut mich zu hören, dass diese zeit (auch) für dich vorbei ist. was bleibt ist die frage: wieso kontaktest du solche leute noch? die sind in anderen dingen ja sicher nicht sensibler…

    viele grüsse, silke

  • Kirsten

    @Cecie: Naja, es war nicht wirklich schadenfroh gemeint, wohl im Gegenteil. Es war jemand, der durchaus um mich besorgt ist, sich das aber eben manchmal sehr eigenartig äußert. Und das ganze war auf einer Fete von gemeinsamen Bekannten. Also ist derjenige jemand, den ich bei solchen Gelegenheiten immer treffe, der aber nicht wirklich zu meinem Freundeskreis gehört und den ich sonst nicht sehe. Zum Glück. ;-)

  • Meudalherr

    Hallo,

    „nicht mehr mifühlend, sondern abwertend“ – ganz genauso ist es. Arbeitslosigkeit wird aufgrund der systematischen Hetze in den Massenmedien von vielen Untertanen als Makel wahrgenommen. Aber keine Sorge – es ist heutezutage regelmässig nicht die individuelle Schuld, wenn jemand arbeitslos ist. Trotzdem kann man damit Leute ganz schön fertig machen, wenn so eine Frage vor anderen gestellt wird. Ein bisschen Taktgefühl sollte man schon mitbringen. Also so eine Frage “Und? Haste Arbeit?!” kann man meiner Meinung nach nur stellen, wenn man jemanden gezielt verletzen oder vor anderen abwerten will.

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