Böse Blusen und hinterhältige Hosen

Ich bin so eine Art Fashion Victim. Sprich, ich bin ein Opfer meiner Klamotten. Der Gedanke kam mir heute, als ich in der U-Bahn eine Frau gesehen hab, die eine Jeans, eine weiße Bluse, einfache braune Schuhe und einen Pulli um die Schultern trug. Ich besitze all diese Kleidungsstücke auch, aber ich würde damit nie so perfekt und gleichzeitig so lässig aussehen wie besagte Frau. Die Bluse sähe wahrscheinlich nach zwei Minuten aus wie einer Kuh aus dem Maul gezogen, die Hose würde rutschen und ich würde so aussehen wie meistens – wie gewollt und nicht gekonnt.

Ich bin meiner Kleidung wehrlos ausgeliefert. Die macht sich einen Spaß daraus, im Laufe des Tages immer anders auszusehen als morgens vor dem Spiegel. Zumal ich nicht unbedingt die Figur habe, die die Designer sich offenbar so vorstellen, wenn sie Kleidungstücke entwerfen. Sprich, ich habe so eine Art Figur und zwar eine normale. (Finde ich.) Und damit fangen die Probleme an.

Gestern hatte ich eine Schlaghose an, die ich recht selten anziehe. (Und nun nie wieder, wie ich beschlossen hab.) Morgens vor dem Spiegel saß sie noch perfekt – kaum war ich aus dem Haus, war das blöde Ding plötzlich eine halbe Handbreit zu kurz. T-Shirts werden bei mir im Laufe des Tages plötzlich kürzer oder enger – Hauptsache, sie sehen nachher unvorteilhafter aus als vorher. Die scharfe knallrote Hose, die ich mir neulich gekauft hab, sieht inzwischen nicht mehr scharf aus, sondern wie eine Hose, die ältere Damen sich kaufen, wenn sie einen letzten Versuch für was auch immer starten wollen. Die Hose mit den Löchern, für die ich in New York viel Geld ausgegeben hab, lässt mich plötzlich aussehen wie den letzten Heckenpenner. Die Kette mit den lustigen bunten Perlen erinnert an die Teile, die man aus Kaugummi-Automaten ziehen kann, sobald ich sie umlege. Blusen zerknittern bei mir, sobald ich sie vom Bügelbrett hochnehme, eben noch vorteilhafte Farben lassen mich plötzlich die Gesichtsfarbe annehmen, die ich vermutlich hätte, würde ich den späten Marlon Brando nackt sehen. Oder sonst irgendeinen hässlichen, dicken, unattraktiven Mann.

Es gibt nur sehr wenige Kleidungstücke in meinem Schrank, die bisher immer gut zu mir waren. Aber die kann ich ja auch nicht dauernd anziehen. Die bewahre ich mir für die schlechten Tage auf, an denen ich mich schon morgens so mies fühle, dass ich nicht auch noch das Risiko sich gegen mich wendender Klamotten auf mich nehmen könnte.

Die einzigen Kleidungsstücke, bei dem ich schon immer ein halbwegs glückliches Händchen hatte, sind Sportklamotten und Jacken. Am besten geh ich demnächst also nur noch mit Trikot aus dem Haus, lass aber vorsichtshalber den ganzen Tag die Jacke an.


8 responses to “Böse Blusen und hinterhältige Hosen

  • Christoph

    Hmm ein Bild zur Illustrierung wäre vielleicht mehr erklärend gewesen … so kann ich mir das nicht vorstellen …

  • Palominostar

    Ich schon. Es gibt solche Tage…

  • Stadtneurotiker

    Ja, immer diese verfluchte Eigenwahrnehmung. Wahrscheinlich ging es der von Dir beschrieben Frau in der U-Bahn genauso wie Dir. Das hilft Dir zwar nicht weiter, weil das zerknitterte Gefühl (das ich genauso kenne) bleibt…

  • Inge aus HH

    Hallo Kirsten, hab ich vielleicht über dich gelacht!!! Nix Jammer. Herrlich haste das erzählt. Ja und? Musste perfekt gestylt sein? Nur duuuuuu selbst sollst dich in deinen Klamotten wohl fühlen. Die anderen sind dir doch eh wurscht. Komm, lass mich weiter lachen, das war heute echt toll erzählt und beschrieben. Weißte was, geht mir auch manchmal so… Bleib blos so!

  • Kirsten

    @Christoph: Das oben beschriebene Phänomen ist der Grund dafür, warum es wenige Fotos von mir gibt…

    @Palominostar: Danke. Ich bin nicht allein. :-)

    @Stadtneurotiker: Im Grunde weiß ich ja, dass man mich nicht so wahrnimmt. Und meistens stört mich das ganze ja auch nicht. Nur an manchen Tagen eben – wir wir Frauen ja wissen. ;-)

    @Inge: Es geht nicht drum, perfekt gestylt zu sein, sondern eben darum, mich wohlzufühlen. Und das tu ich in dem Moment eben nicht mehr. ;-)

  • Ultimonativ

    Gibt’s hier irgendwo ein Trikot-Foto? :-)

  • Rainer, Senior

    Hallo Kirsten,
    zunächst mal, du hast diesen Zustand, wenn er denn so auf dich zutriff, toll beschrieben – großes Kompliment und absolut volle Sympathie von mir.
    Da ich eher aus der Ecke der Fashion Fetischisten komme, habe ich natürlich mehr Freude daran, wenn es den Frauen Spass macht, sich „gut angezogen“ zu präsentieren. Neben dieser Lust darauf, schick, feminin gekleidet aussehen zu wollen, muß man sich einschließlich eventueller Problemzonen, sich nicht nur akzeptieren, sondern auch sich selbst so lieben können, wie man ist. Nur daraus kann sich dann eine positive Ausstrahlung entwickeln.
    Auch wenn Dir die damenhafte Linie wahrscheinlich nicht so liegt, kannst du auch im sportlicheren Stil, begehrenswert schön und feminin aussehen und Dich dabei wohl fühlen.
    Du musst allerdings auch bereit sein, dir etwas „Wert zu sein.“

    Ich bin früher so erzogen worden, dass man so gut man kann, sich der Situation entsprechend, angemessen kleidet. Dieses sollte man nicht nur im Zusammenhang einer gewissen, gewollten Ordnung und Disziplin sehen, sondern auch im Sinne, einer gegenseitigen Wertschätzung, von der, so sehe ich als Senior es jedenfalls, nicht mehr viel von zu spüren ist.
    Auf vieles von dem, was wir früher über die Erziehung, in allen Ebenen erlernt haben, wird heute verzichtet. Das ist schade, weil es zur Entwicklung einer Gesellschaft und zur Erhaltung einer angemessenen Ordnung dazu gehört.
    Lieben Gruß
    Rainer, Senior

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: