Antizyklisch leben

Als ich so ungefähr 15 war, hatte ich ziemlich konkrete Pläne dafür, wie das Leben mit Anfang/Mitte 30 aussehen würde. Ich war mir ziemlich sicher, dass dann der Spaß vorbei sein würde, ich aber einen Mann und mindestens zwei Kinder haben würde (was man sich halt hormongeschüttelt zu zusammendenkt). Einen Job würde ich natürlich auch haben, und vermutlich ein Heim mit Garten. So die Theorie.

Praxis, sprich aktuelle Situation: Ich werde im Sommer 34, sitze gerade auf einer Luftmatratze in einem WG-Zimmer, habe so etwas ähnliches wie einen Job, keinen Mann, nicht mal ansatzweise ein Kind, 800 Euro Miese auf dem Konto, eine kleine Flasche Astra neben mir stehen – und extrem gute Laune.

Aber das wundert mich nicht – bei mir liefen, was das Timing angeht, die Dinge schon immer anders als bei anderen. Zum Glück. Zuerst ging ja alles glatt: Abi, Studium, Hiwi-Job bis zum Beginn des Volontariats, Volontariat, und dann – nichts. An dem Punkt, an dem andere karrieremäßig durchstarten, hab ich erstmal ne Bruchlandung hingelegt. Arbeitslos, und das viel länger, als ich je gedacht hätte. Was in viereinhalb Jahren ohne festen Job (netto dreieinhalb) so in einem vorgeht, muss ich hier nicht mehr erwähnen. Darüber hab ich mich zu gegebener Zeit lang und breit ausgelassen. Und in dem Moment, in dem ich mich endgültig damit abgefunden hatte, eine verkrachte Existenz zu sein und im Badezimmer schon auf der Suche nach den Rasierklingen war, ging es auf einmal aufwärts: Neue Aufgabe, „neue“ Stadt, neue Chancen, neues Leben.

Und in einem Alter, in dem andere ein Haus kaufen, zum Partner in der Firma aufsteigen, eine Kreuzfahrt machen, das dritte Kind kriegen oder die Dauerkarte wieder verkaufen, fange ich noch mal an, wie zu Studentenzeiten zu leben und beruflich was (fast) ganz Neues zu machen. Und auch, wenn mir meine Wohnung und meine Familie natürlich grad etwas fehlen, gehts mir hier richtig gut. Trotz Luftmatratze, Chaos und einem für drei Leute viel zu kleinen Badezimmer.

Fazit: Nichts ist so, wie ich das mal haben wollte. Und verdammte Scheiße, was bin ich froh drüber. :-)


15 responses to “Antizyklisch leben

  • Narana

    „Und erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“
    In dieses Liedchen könnte ich mit einstimmen, wenn ich wollte (nee, ich will nicht *g*) – und ich finde es prima, dass Du nicht nur den Ast hinaufkletterst, sondern auch noch Deinen Humor nicht verlierst und auch der momentan wohl etwas schrägen Situation das Gute abverlangen kannst. Weiter so! :) Natürlich mit den besten Wünschen in Richtung (äh) Nordnordwest.

  • Frau ... äh ... Mutti

    Mit anderen Worten:genau das Leben, das sich eine gut etablierte (aka spießige) dreifach Mutter, ordentlich verheiratet mit Haus und Garten, ungefähr viermal am Tag wünscht.
    1. Morgens: wenn der Morgenmuffel nicht ausgelebt werden kann, weil Kinder nicht morgenmuffelig sind.
    2. Mittags: wenn liebevoll zubereitetes Essen verschmäht und als nicht genießbar definiert wird. (überhaupt mittags kochen zu müssen!)
    3. Nachmittags, wenn nach dem Hausaufgabenstress der Freizeitstress kommt, eingeleitet von: „Was könnten wir denn mal machen, uns ist langweilig!“
    4. Abends, wenn die wirklich freien Menschen mal eben irgendwo bei anregenden Gesprächen versacken, während Mutti allenfalls mit dem besten Vater ihrer Kinder über Entwicklungsschübe des jüngsten Kindes diskutiert.

    Och. Ich beneide Sie. Aber nur ein bißchen ;-)
    (und das dritte Kind hatte ich schon mit 29)

  • Jonny

    Das hört sich alles so vertraut an. Abitur, ja. Studium, sicher. Marburg, klar. HiWi – Job, schön. Und ich harre der Dinge die da kommen. :-)

  • Kirsten

    @Narana: Das ist auch das Gute am „Alter“: Ich rege mich viel weniger auf und kann Dinge besser so nehmen, wie sie kommen. Ändern kann ich ja eh nichts, also rege ich mich auch nur ein bisschen auf. ;-) Danke für die guten Wünsche!

    @Frau … äh … Mutti: Ist das so? Am 18. April bekomme ich ein richtiges Bett in mein Zimmerchen und hätte dann eine Luftmatratze übrig, um Sie zu beherbergen. Bringen Sie einfach eine dieser schönen Taschen mit, dann geht das schon klar. ;-) Aber Achtung: Ich bin auch morgenmuffelig, und das Bad ist wirklich sehr klein…
    Ansonsten: Wer weiß, wie es bei mir aussehen würde, wenn ich statt so vieler falscher Männer mal einen richtigen getroffen hätte. Dann hätte ich vielleicht auch schon Kinder, Haus und Garten. Und wäre wohl meistens auch zufrieden damit. Nehm ich mal an. ;-)

    Im Übrigen werden Sie sich doch nicht wirklich als spießig bezeichnen? ;-)

    @Jonny: Ich drück die Daumen, dass das bei Dir mit weniger Stolperfallen verläuft als bei mir. :-)

  • Daniela

    Hey, das kommt mir doch bekannt vor …

    Abi – klar. Nebenbei gemacht. Und dann? An den ganz großen Rädern der Welt drehen, ganz klar.
    Studium? Hm. Kein Plan.Papi will BWL. Ich bekomme Magenprobleme.
    Also Studienwechsel und Praktikum beim Radio und dann Freie beim Radio.
    Wozu auch studieren? Das ist was für Anfänger. „Ist eigentlich genauso wie ein Volo ..“ Leider ists beim Radio auf die Dauer langweilig und wie ein Volo wird meine Zeit da auch nicht angesehen. Also Welt angeguckt, herumgejobbt, und jetzt mal endlich den Ernst der Lage begriffen und wieder durchgestartet.

    Das Leben ist nicht dann, wenn alles fertig ist. Das Leben ist jetzt!

  • Lonari

    Und es wäre ja auch langweilig, wenn alles immer nach Plan verlaufen würde. Wenn ich jetzt da stünde, wo ich mit sechzehn dachte, dass ich mit knapp 28 stehen würde, hätte ich jetzt ein Haus samt Garten, zwei Kinder die „Robin“ und „Sheila“ hießen (denn die Namen fand ich damals soowas von cool) und einen Mann mit schlechter Frisur und anrüchiger Vergangenheit (so wie Cruz aus California Clan, falls den noch jemand kennt). Und mindestens drei Bestseller geschrieben. Bis auf die Bestseller und die Kinder kann mir das jetzt alles gestohlen bleiben *g* – prost (ich stoße mit Kamillentee an, wie gern hätte ich jetzt ein Astra! – Bier nä Wo Donnerstag?)

  • Pleitegeiger

    Hach, schön, daß es Dir gut geht!!!
    Chaos hab ich auch genug, nur irgendwie wußte ich schon als Kind, daß ich das mit Mann und Kindern auslassen werde ;-)

    Mail mir doch mal Deine neue Festnetznummer, dann quatschen wir mal wieder…

  • Kirsten

    @Daniela: Das mit der Welt angucken hätt ich auch mal machen sollen… Aber das kommt noch. Wenn andere im Altersheim sitzen, werd ich mit lila gefärbten Haaren eine Weltreise machen.

    @Lonari: Cruz? Der mit Kelly zusammen war! Klar kenn ich den noch! Donnerstag ist super! Ich maile!

    @Pleitegeiger: Das mit dem Kinderwunsch war dann auch mit 20 oder rasch vorbei… ;-) Nummer folgt!

  • wieze

    Aber du hast aus Verzweiflung nicht im Bad nach den Rasierklingen gesucht, oder?

    Und man kann auch mit (mehr oder weniger) „normalem“ Berufsstart dann mit 31 in einer Bude hocken – mit viel zu kleinem Badezimmer für einen Menschen und eine Katze, ohne Mann, ohne Kind, ohne Haus. Allerdings mit Bett.

    Meine Laune wäre allerdings besser, wenn mir nicht ständig Leute erzählen würden, dass es für mich Zeit wäre, einen Mann zu finden, zu heiraten und Kinder zu kriegen. DAS nervt vielleicht.

  • Kirsten

    @Wieze: Naja, sagen wir, es ging mir wirklich so richtig rundherum beschissen. Alle Lebensbereich waren irgendwie zusammengebrochen, „Freunde“ mussten auch noch draufschlagen – das volle Programm eben…

    Das stimmt allerdings, dass man das auch mit einem normalen Berufsstart haben kann. Zum Glück aber nerven mich die Leute nicht mit sowas. Das kann einen aber echt fertig machen – ich meine, was soll das? Ich maul die Leute mit Kindern ja auch nicht an, weil sie nicht jeden Abend rausgehen und saufen können. Soll eben jeder so leben, wie er möchte, wenn es ihn glücklich macht. Aber vielleicht ist den Leuten, die Dich nerven, auch nur suspekt, dass es Dir gut geht. Es geht Dir doch gut? ;-)

  • Frau ... äh ... Mutti

    na ja, so ein bißchen spießig. Meine Lebensplanung war anders, aber ob sie besser gewesen wäre? Egal, ist gut so, wie es ist. Und Vorsicht – ich neige dazu Einladungen anzunehmen.
    (Meine liebste, beste Freundin ist auch Single und, nach eigener Aussage, endlich aus dem Alter heraus, wo jeder dieses komische „naaaa?“ fragt und dabei auf Bauch und rechten Ringfinger schielt. Bei ihr hole ich mir meine Portion Freiheit. Und sie sich im Gegenzug die Familiendosis.)

  • Kirsten

    @Frau … äh … Mutti: Also, ich finde Sie nun so gar nicht spießig – zumindest nach dem, was ich im Blog so lese.

    Kein Problem – ich spreche selten Einladungen aus, die ich nicht so meine. :-)

    Und bei mir ist es umgekehrt: Meine beiden liebsten und besten Freundinnen sind Mütter und haben zauberhafte Söhne. Zauberhaft für einen Nachmittag und ein Wochenende, aber auch schön, wenn man wieder allein nach Hause kann. ;-) Die beiden genießen es, mit mir abzustürzen und ich genieße es, die gute Tante zu sein. Ist doch perfekt so!

  • Inge aus HH

    Hallo Kirsten,

    zwar bin ich schon ein altes Haus und habe keine Kinder, aber wenn ich es mir recht überlege, so eine Göre wie Dich hätte ich sicherlich gern. Nicht auf den Mund gefallen, selbstständig und „irgendwie“ nett, einfach und ok. Verändere Dich nur nicht und motz mich ruhig mal wieder an, weil ich so gar nicht wie Du denke…

    Schönes Wochenende und – mach was draus.

  • Kirsten

    Wenn ich motze, hört sich das aber anders an. ;-)

  • creezy

    Schön geschrieben, so in etwa war es bei mir auch, erstens kommt es anders zweites als man … bla bla. Und ich bin froh, dass Planung Planung geblieben ist, ich will kein anderes Leben haben – wenn ich mir so manche Freunde, Ex-Kollegenmit 40 angucke, beschleicht mich ein Gefühl von, die sind durch mit ihrem Leben, dass durch die Hypothek diktiert ist …

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