55 Minuten verschwendete Lebenszeit

Heute Morgen auf der Agenda: Bei der Krankenkasse beschweren, warum ich noch keine neue Versichertenkarte habe. Bei einem Auftraggeber fragen, warum das Geld noch nicht da ist und mein Konto deshalb satte 1.600 Euro im Minus (Dispo: 1.500 Euro…). Beim Telefonanbieter meines Vertrauens fragen, warum ich seit gestern nicht mehr ins Netz kann. Die Tatsache, dass ich bei mir dachte, ruf mal rasch eben erst da an und mach dann den anderen Kram, zeugt meines Erachtens von meiner grenzenlosen Naivität, die manche Menschen bezaubernd finden, mich aber heute fast eine Stunde Lebenszeit und Lebensfreude gekostet hat.

10.03 Uhr: Die Stimme von Manfred Lehmann fragt mich bei dieser Hotline (12 Cent pro Minute übrigens) zunächst mal nach meinem Begehr. Die Option „Mein Internet ist kaputt“ gibts nicht, also tippe ich mich irgendwie durch zu „Internetstörung, neu“. Herr Lehmann verspricht mir, mich ganz schnell zum zuständigen Mitarbeiter zu verbinden. Bis dahin hör ich mir R’n’B-Gejaule an. Ich stehe dieser Musikrichtung eher kritisch gegenüber.

10.05 Uhr: R’n’B-Gejaule bis

10.07 Uhr, dann freundliche Dame am Telefon, hörbar aus dem östlichen Teil der Republik. Die freundliche Dame erklärt mir, mein Modem sei da. Ja, das weiß ich. Ich habe auch eine bestehende drahtlose Netzwerkverbindung hevorragender Qualität, erkläre ich ihr. Ich kann bloß auf keine Website zugreifen. Und am Rechner antwortet der Remotecomputer nicht. „Ach, Sie haben W-Lan?“, fragte die Dame. „Ja, seit gestern, aber ich kann eben nicht auf eine Website zugreifen. Und gestern konnte ich mich auch den ganzen Tag überhaupt nicht einwählen.“ Die nette Dame verbindet mich mit irgendwelchen Experten. Sagt sie. Es dauert geschlagene 25 Minuten R’n’B-Gejaule, bis sich endlich wieder jemand meldet. Netter junger Mann diesmal, hörbar aus dem östlichen Teil der Republik.

10.33 Uhr: Ich erkläre mein Anliegen und bin auch nur mäßig irritiert vom dauernden Widerhall meiner eigenen Stimme in der Leitung. „Oh, da sind Sie aber hier falsch, wenn es um W-Lan geht. Sie sind hier bei der Internethotline.“ (Meine Versuche zu eklären, dass ja auch der Rechner übers DSL-Kabel nicht online gehen kann, verhallen.) Der nette junge Mann verspricht, mich weiterzustellen an die zuständigen Kollegen, ich müsse dann auch nicht so lange warten wie eben gerade. „Das wäre schön…“ grummele ich un ergebe mich dem nun folgenden R’n’B-Gejaule.

10.42 Uhr: Wenn die jetzt noch einmal singt „I fight myself from falling down“ oder „I’m reachiiiiiiiiiiiiiiing“, laufe ich Amok. Durch die Telefonleitung. Ich schwör.

10.51 Uhr: Endlich wieder einen Mitarbeiter am Rohr. Der mir erstaunlicherweise nicht sagt, dass ich hier falsch bin, sondern „Wir mal schauen, was da nicht stimmt.“ Ich schöpfe Hoffnung. Was ich denn für einen Router hätte. Ich nenne die Marke. „Oh, dann haben wir den Fehler schon. Da brauchen Sie gar kein DSL-Modem dazwischen.“ (Und warum habt Ihr Spacken mir das dann geschickt?!) Er erklärt mir also, wie ich das ganze nun anzuschließen habe. Ich verstehe kein Wort, vollbringe aber während des Gesprächs auch die akrobatische Meisterleistung, mit lädiertem Knie auf dem Boden rumzurutschen, mit dem Ellbogen das Modem festzuhalten, mit der einen Hand das Kabel rauszurupfen und mit der anderen das Telefon festzuhalten. Dummerweise steht der Sessel aber vor der Box, an die ich ran muss, um die Kabel umzustöpseln. Also mit dem kaputten Knie wieder auf die Beine (Flüche und Schmerzensschreie heldinnenhaft unterdrückend), an den Sessel ran, diesen nach vorne ziehen. Ein ungewöhnliches Geräusch in der Telefonleitung hören und feststellen, dass diese tot ist: Ich hab mit dem Sessel auch das Stromkabel in der Position verrückt.

10.54 Uhr: Sehr viel fluchen und rumschreien.

10.56 Uhr: Kabel auf eigene Gefahr umstöpseln.

10.57 Uhr: Mich fragen, warum ich erstens diese Box bekommen habe und zusätzlich einen Splitter, wenn die Box bereits einen Splitter enthält. Mich fragen, warum mir der Telefonanbieter ein DSL-Modem schickt und mir gleichzeitig für teuer Geld einen W-Lan-Router verkauft, der bereits ein solches enthält. Macht das alles Sinn? Und warum bin ich überhaupt hier?

10.58 Uhr: Feststellen, dass das W-Lan funktioniert. Halbwegs glücklich sein.

10.59 Uhr: Feststellen, dass der Rechner über das DSL-Kabel nach wie vor keine Antwort vom Remote-Computer erhält.

11.00 Uhr: Den Gedanken, nochmal die Hotline anzurufen, auch nicht ansatzweise in Erwägung ziehen.

11.01 Uhr: Bloggen.


12 responses to “55 Minuten verschwendete Lebenszeit

  • Pleitegeiger

    Ach Du Schande… Süße, samma, welchen Anbieter hast Du jetzt eigentlich? Steht mir das Dilemma etwa auch bevor? Gnarf.

  • Marc

    Ich warte bei DSL immer noch ab. Denn ich habe keine Lust zu erfahren, dass keiner schuld ist, wenn es nicht funktioniert. Nee, das liegt an Windows sagt der Anbieter, Windows sagt es wäre das Modem, der Modemhersteller schiebt es auf den Provider etc. und der User ist der Depp, dem fleißig das bestellte DSL abgebucht wird, weil ja der Anbieter keine Schuld hat.

  • Kirsten

    @Pleitegeiger: Der, der mit „V“ anfängt und mit „ersatel“ aufhört. ;-) Aber keine Panik, bislang ging das alles problemlos. Und W-Lan geht ja jetzt auch. Und meine Ma ist schon länger bei denen und hatte noch nie Probleme, auch nicht mit der Hotline.

    @Marc: Ich kann da nicht abwarten, ich brauch das Netz beruflich. Und hab keinen Bock, mir per Modem einen Wolf zu zahlen. Und seit Mitte November, seit ich das beantragt hab, läuft das ganz auch problemlos. Und man hat mir ja auch geholfen heute. Was ätzend war, war, dass ich eben fast 50 Minuten in der Warteschleife war. Und wer weiß, wenn ich nicht das Kabel aus der Wand gerupft hätte, hätten wir das mit dem Rechner vielleicht auch noch hinbekommen…

  • Lars

    Öhm, Kirsten, aber das hatte ich Dir doch ausgiebig erklärt.

    Ich erinnere mich, mir sogar die Betriebsanleitung für Deinen W-LAN-DSL-Router heruntergeladen zu haben…

    @Marc: Worauf willst Du denn da warten?

  • Kirsten

    Hab ich irgendwo unterschrieben, dass ich das dann selber machen musste? Ich habs eben nicht hingekriegt, sorry, bin eben blöd.

  • Marc

    Ich habe eine ISDN-Flatrate. Im Moment liegen die Kosten für meinen Anschluss und einem DSL-Anschluss gleichauf. Das tausche ich jedenfalls jetzt nicht gegen unnötigen Ärger mit DSL-Problemen. Und da ich mehr Zeit als Geld habe, warte ich noch etwas ab.

  • Kirsten

    Das ist natürlich was anderes. Aber ich hatte vorher nur ein popeliges Modem, und das hat mich waaaaaaahnsinnig gemacht. ;-)

  • Lars

    Menno, dabei habe ich das damals extra in wundervoll einfache Worte gekleidet. Peter Lustig wäre vor Neid erblasst.

    Und das ist jetzt der Dank… ;-)

  • Jens

    @Marc:
    Es gibt ja inzwischen reine DSL-Zugänge – da könnte man das testen und hätte dann ggf. maximal einen Monat Überschneidung mit dem ISDN-Anschluß.

  • Daniela

    Ähm .. das erinnert mich an ein unfähiges Kerlchen bei der AOL-Hotline, der mir nach einigen Minuten Gespräch darüber, dass mein Internet nicht funktioniert und ich stocksauer sei, noch schnell „AOL Phone“ verkaufen wollte.

    Ich habe ihn freundlich darauf hingewiesen, dass ich zwar verstehe, dass er das sagen müsse, und wahrscheinlich auch einen Mithörenden in der Leitung habe, aber ein wenig gesunder Menschenverstand bei dem Job nicht dumm sei.

    Ansonsten sind die Hotlineleute immer ganz nett – wenn ich mich beschwere, dass ich „mal wieder“ anrufen müsse, werden mir gleich 5 – 10 Eur aufs Kundenkonto geschrieben … ;-)

  • Alex

    Bei mir war es die T-Kom – brauchte einen Anschluss in meiner Wohnung und da ich berufstätig war bat ich um einen Handwerker vor 9 Uhr. Dies wurde mir von der Hotline auch zugesagt aber der T-Kom Mann kam irgendwann gegen 12. Ein weiterer Anruf bei der Hotline klärte uns auf, dass man die T-Kom-Männer nicht auf Termin bestellen könnte… statt dessen wurde uns zugesagt, dass am Freitag meine Wohnung die letzte Station vor Feierabend sei (also irgendwann nach 16 Uhr). Freitag Morgen um 8 (!!!) klingelte es und der T-Kom-Mann stand vor der Tür mit der Erklärung, wir hätten ihn doch für vor 9 bestellt… *grummel*

  • leonope

    …und da soll man nicht zum Trinken anfangen? :)

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