Gespeichert unter: Alltagswahnsinn, Hamburg | Schlagworte: Prekariat, Proll, U-Bahn
U-Bahn-fahren wird allmählich zu einem unerschöpflichen Quell für Geschichten.
Jüngstes Kapitel: der Vollproll und sein Kumpel, der Vollpfosten. Letzterer redet nicht viel, Ersterer dafür umso mehr. Allerdings sagt er dabei nicht wirklich irgendwas, was man sich merken müsste. Er hat eine super Frisur, von der ich gar nicht gedacht hätte, dass es noch Friseure gibt, deren ihre Berufsehre so wenig wert ist, dass sie sich für sowas hergeben: im Nacken ratzekurz rasiert, dafür oben auf dem Kopf eine Matte, die hinten zum Zopf gebunden ist. Dazu eine Gesichtsbehaarung, die man – ich bitte zartbesaitete Leser um Verzeihung – nicht anders als Fotzenbärtchen nennen kann. Huah.
Der Vollproll setzt sich also breitbeinig auf den Sitz, nachdem er seine Vollproll-Schlittschuhe auf den Sitz geschleudert hat. Zur Begrüßung der anderen Fahrgäste rülpst er laut, wünscht sich selbst „Gesundheit!“ und sieht sich beifallheischend um. Applaus gibt es aber keinen, von mir schon mal gar nicht. (Unter uns: Ich kann viel lauter rülpsen…) Anschließend das unvermeidliche Wühlen im Schritt, um zu sehen, ob die Kronjuwelen (in diesem Fall wahrscheinlich eher Strass-Steinchen) noch da und in der richtigen Stellung sind. Rumfläzen auf der Sitzbank. Exzessives Knackenlassen der Fingerknöchel. (Übelste Tötungsfantasien meinerseits.) Noch ein Griff in den Schritt. Nicht, dass da in den vergangenen zwei Sekunden unbemerkt was rausgefallen ist.
Nächster Teil der Performance: Lautes Unterhalten des ganzes Abteils. „Ey, Aldäää, weiße, was jetzt gut wär?“ Vollpfosten antwortet nicht, es reicht, dass er dumm guckt. Vollproll: „Nen Schnaps, ey.“ Gucken, ob alle anderen auch schockiert gucken. Schließlich war es erst halb drei am Nachmittag. Keiner reagiert, also noch einen drauf setzen: „Nen Schnaps und nen Bier, ey.“ (Ich denke: Gern, für mich auch ein Herrengedeck! Hilft vielleicht, das Gelaber zu ertragen. Und mit der Bierflasche kann man dem Typen nachher sicher sauber eins überziehen.)
Weiter geht es mit der Umweltbelästigung: MP3-Player anschalten, aufdrehen, mit den Armen im Sitzen Tanzbewegungen andeuten und mit dem Hintern rumruckeln. Dem Vollpfosten den eigenen Musikgeschmack nahebringen: „Ey, Aldäää, hörma hier rein, da steh ich voll drauf. Ey, hörste an der Stelle die Double Bass? Ey, geil, odä? Und hier, hey, jetzt die Stelle, vor dem Gekreische, ey, da steh ich voll drauf… Da fallen bei meiner Schwester die Gläser ausm Regal.“ Dabei reicht er einen der Ohrstöpsel an den Vollpfosten weiter. Beide stecken aufgrund des eher kurzen Kabels die Köpfe zusammen. (Ich widerstehe der Versuchung, die beiden kräftig mit den Schädeln zusammenzuschlagen, mit eiserner Selbstbeherrschung.) Vollpfosten murmelt irgendwas Unverständliches, Vollproll antwortet: „Echt jetzt? Ey, solche Entspannungsmusik hör ich morgens in der Bahn zum Zeitungslesen.“ Ich muss wider Willen grinsen, aber nicht, weil das, was aus dem MP3-Player zu mir rüberschallt, mit Entspannungsmusik so gar nichts zu tun hat. Sondern weil der Vollproll ernsthaft behauptet, lesen zu können.
Letzte Stufe der Abteilunterhaltung: Zukunftspläne machen. „Ey, Aldäää, weiße, ich muss mich echt mal wieder so richtig zerstören. Ich muss ma wieder auf Konzert, ey. So Headbangen und so. Ey, weiße, letztes Ma hatte ich voll so Nackenschmerzen, ey, drei Tage lang, echt. Ey, voll die Schmerzen, ey, im Nacken und im Kopf. Aber ich muss mich echt mal wieder zerstören. Destroy your neck, weiße. Das muss mal wieder sein.“
An diesem Punkt war die Bahn zum Glück da angekommen, wo ich aussteigen wollte. Dummerweise stiegen Vollproll und Vollpfosten auch mit aus. So hörte ich auf der Flucht noch etwa dreimal „destroy your neck“, bevor ich endlich außer Hörweite eilen konnte.
Im Nachhinein war ich fast froh, dass die Batterien meines MP3-Players kurz zuvor den Geist aufgegeben hatten. Hätte ich selber Musik gehört, hätte ich diese Perlen deutscher Benehmens- und Konversationskunst ja glatt verpasst. Und jetzt brauch ich nen Bier und nen Schnaps.
16 Kommentare bis jetzt
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Warum regt Frau sich über so etwas auch noch auf?
Es gibt Fauen, die mehr!!! als PEINLICH sind … und MÄNNER … so what _?!?
Kommentar von martin 18. November 2007 @ 8:15faszinierend.
Kommentar von me. 19. November 2007 @ 6:18deiner selbstbeherrschung gebuehrt respekt ;-)
Ich geh mich mal kurz stellvertretend für den Großteil der Metaller die nicht so sind in Grund und Boden schämen…
Kommentar von Aoife 19. November 2007 @ 7:59Deine Milieustudien sind einmalig. *Herrengedeck rüberreich*
Kommentar von Narana 19. November 2007 @ 8:31Weitermachen! ;-)
narana *nick* ich liiiiiiiebe diese posts. schon selber 1000x erlebt, aber nie könnte ich so einen post darüber schreiben, der so lesenswert und amüsant und mit diesem wiedererkennungsfaktor is ;o)
ich wünsch dir eine schöne woche!
Kommentar von Cecie 19. November 2007 @ 8:55@Martin: Kommentare solcher Art, sprich den ersten Satz kannste Dir in Zukunft sparen. Und deswegen hab ich ihn auch gelöscht. Im Übrigen hab ich mich nicht wirklich über den Typen aufgeregt, sondern mich amüsiert. Und dass Frauen auch peinlich sein können, steht zum Beispiel im vorangegangenen Post. Falls Du soweit überhaupt gelesen hast.
@me.: Ach, ich musste ja auch dringend zur Arbeit.
@Aoife: Das glaub ich Dir aufs Wort. Ich kenn auch viele – und die sind alle anders!
@Narana: Danke und prost!
@Cecie: Ebenfalls danke! Und Dir auch ne schöne Woche!
Kommentar von Kirsten 19. November 2007 @ 10:10Korrekturwunsch: „Vollproll“ (kommt ja immerhin von „Proletariat“) müsste – dem Zeitgeist gemäß – nun „Vollpräk“ heißen (weil das heißt ja jetzt „Präkariat“), um den körperlich schwer arbeitenden und wenig Kohle dafür einstreichenden Teil unserer Bevölkerung auch in gebührendem Maße politisch korrekt mit Vorurteilen zu behaften.
*zwinker*
Aber die Geschichte ist mal wieder erste Sahne, ein echter „Kikandrun“! Schappoh!
Kommentar von Andreas 19. November 2007 @ 10:17Hallo Kirsten, das ist ja der reinste Werner-Humor von dir: http://www.trickfilmwelt.de/wernerkesseln.htm
Kommentar von Inge aus HH 19. November 2007 @ 11:25Aber Deine Beschreibung passt wie die Faust aufs Auge. Ist es bei dir zuhause auch alles so ähnlich oder nur hier so in HH? ;-)
:-)) Da ziehen die eigenen Erlebnisse in der Bahn an einem Vorbei. Klasse Bericht!! Bin auf mehr gespannt, wenn ich es Dir auch nicht wünschen möchte.
Kommentar von Magistus 19. November 2007 @ 11:59So macht Bahnfahren doch Spaß, man kann diverse Subkulturen in freier Wildbahn erleben ;)
Kommentar von ziegelator2 19. November 2007 @ 1:14Da sind die Hamburger U-Bahn-Prolls doch um einiges amüsanter als die Berliner! Vielleicht liegts aber auch daran, wie du’s erzählt hast ;-)
Kommentar von Nick 19. November 2007 @ 5:23@Andreas: Stimmt, mein Fehler. :-) Ansonsten: danke!
@Inge: Es fängt in Lippstadt schon damit an, dass wir keine U-Bahn haben – ich hab da also nie die Gelegenheit, längere Zeit mit solchen Leuten zu verbringen. :-)
@Magistus: Ach, nur her damit, das Blog muss ja voll werden. Und im Übrigen fand ich es wirklich eher amüsant, wie die kleine Wurst versucht hat, sich wichtig zu machen.
@Ziegelator: Stimmt!
@Nick: Ich bin in Berlin noch nie U-Bahn gefahren – ich hab also keine Vergleichsmöglichkeiten. ;-)
Kommentar von Kirsten 19. November 2007 @ 6:24Uh man, ey yo!
hihi, herrlich, ich lach mich immer scheckig, wenn ich solche Vollspaten in der Bahn sehe, hier in Bremen gibts die auch oft genug.
Kommentar von Volker Schepker 19. November 2007 @ 8:34Naja, zum Glück fahr ich viel Fahrrad, da krieg ich davon nicht wirklich viel mit ;)
Ich will auch in Hamburg wohnen!
Hier in Frankfurt muss man schon ganz doof wohnen, damit man so was geboten bekommt. Und da ich auch so gut wie gar nicht Bahnfahre…
Kommentar von Berit 20. November 2007 @ 10:02hallo kirsten,
Kommentar von m...t 20. November 2007 @ 11:15beim lesen deines eintrags sah ich unmittelbar
einen schönen kleinen film im kopfkino.
sehr schön geschrieben…
viele güsse
meerluft
Moah! Super Geschichte :) Kennste die Busszene aus StarTrek IV wo Spock den Punker ruhigstellt? Sowas wünsche ich mir dann :)
Grüße aus „Nochnördlicher“
Kommentar von Christoph 21. November 2007 @ 8:02Christoph