„Erinnern Sie sich noch an die Zeit, in der Sie sich um nichts Sorgen machen mussten?“ – So oder ähnlich fragt der Sprecher in einer Fernsehwerbung, von der ich immer wieder vergesse, wofür sie eigentlich wirbt. Eine Versicherung, glaub ich. Auf jeden Fall antworte ich auf die gestellte Frage immer gleich: „Nein, du Penner, an die Zeit kann ich mich nicht erinnern.“
Ich hab mir nämlich schon immer Sorgen gemacht, auch, wenn ich mich daran nicht immer erinnern kann. Ich vermute, dass ich mir schon als Baby Sorgen um irgendwas gemacht hab. Und sei es nur, wie die volle Windel weg und wo der nächste Imbiss herkommt.
Als Kleinkind hab ich mir Sorgen gemacht, wie lange wohl mein heißgeliebter Papa Schlumpf durchhält (eine unbegründete Sorge, wie sich erwiesen hat. Der Gute lebt immer noch und riecht ganz zauberhaft). Mich sorgte, dass die blöden Jungs im Kindergarten mich nie mit den Autos haben spielen lassen und dass die Kindergartentante sauer war, als ich dem einen Jungen eine gefenstert hab. Ich hatte Angst davor, dass meine Oma mich beim nächsten Besuch sicher wieder küssen wollen würde. Ich war besorgt, ob der Zahn nachwachsen würde, den ich mir bei einem Sturz auf die Heizung ausgeschlagen hatte.
In der Grundschule hab ich mir schon Sorgen wegen des sauren Regens und Tierversuchen gemacht. Und wegen der RAF, die über gruselige Fahndungsplakate in mein Leben trat. Ich hatte gar keine Ahnung, wer diese Leute waren, ich wusste nur, dass sie böse waren und hatte Angst, sie würden mich klauen. Dazu kamen weitere Sorgen: Warum Patrick, den ich damals so süß fand, in der Parallelklasse war. Warum ich zu doof war, das mit den römischen Zahlen zu kapieren. Ich hatte Angst vor meiner Musiklehrerin und vor den spanischen Jungs, die mich auf dem Schulhof und dem Heimweg mal vermöbelt haben. Mein Blockflötenspiel hat mir immer Sorgen gemacht, ebenso meine Fähigkeiten, formschöne Topflappen zu häkeln. Ich machte mir Sorgen, dass Tommi Ohrner eine Freundin haben könnte. Ich hatte Angst vorm nächsten Besuch bei meinem Kieferorthopäden, der fachlich eine Koryphäe, menschlich aber – mit Verlaub – ein Arschloch war.
Später hatte ich Sorge, dass ich wegen Mathe sitzenbleiben würde. Oder wegen Chemie oder wegen Physik. Ich machte mir Sorgen darüber, ob ich mal nen Mann kriegen würde. Und Kinder. Ich machte mir Sorgen, ob ich bei diesen blöden Lateinklausuren versagen würde und wegen der vier blöden Ziegen, die meine zwei Freundinnen und mich von der 9. bis zu 11. Klasse gemobbt haben. Eine meiner schlimmsten Sorgen war, dass a-ha sich auflösen könnten. Oder Jordan von New Kids on the Block eine Freundin haben könnte.
Ich hatte nach der Schule Sorgen um meinen Studienplatz, am Studienort eine Wohnung zu finden, neue Freunde zu finden. Angst davor, dass mein Mitbewohner mich in Unterwäsche sehen könnte.
Später hatte ich Sorge, die Arbeitslosigkeit könnte nie aufhören, der BVB absteigen, Metze zu einem anderen Verein wechseln, meine Pflanzen eingehen, meine Wohnung in Flammen aufgehen. Prinzipiell hatte und habe ich immer Sorge, dass den Menschen, die mir nahestehen, was passieren könnte. Das wird immer schlimmer, je älter ich werde. Dazu kommen Sorgen, die sich um Wohnungssuche, gesundheitliche Probleme, Autounfälle, Diebstahl und das Abwehrproblem beim BVB drehen.
Sprich: Es ist nicht einfach, ich zu sein.
Wo soll das noch enden? Und schon wieder ne Sorge mehr. ;-)
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Achja: Ich hab im Kindergarten auch einem Jungen eine geschallert. Der hatte dann ein Veilchen. Und ich ne Menge Ärger, der war nämlich kleiner UND jünger als ich… ;-)
Kommentar von Pleitegeiger 7. November 2007 @ 12:37@Pleitegeiger: Pah, wenn die Jungs das brauchen, müssen sie eben mal eine geschallert kriegen. Und Mädchen auch. :-)
Kommentar von Kirsten 7. November 2007 @ 12:46Ich hingegen mache mir nun Sorgen, weil Du Dir Sorgen gemacht hast wegen Thommi Ohrner …
Kommentar von creezy 7. November 2007 @ 1:02Ich nicht. Weil ich mir auch Sorgen gemacht habe um Thommi Ohrner. Allerdings hat sich das später zum Glück gelegt. Man wird sich ja wohl mal irren dürfen.
Kommentar von Lonari 7. November 2007 @ 2:09@Pleite: Geschallert ist gar kein Ausdruck. Wenn es ein Kindergefängnis gäbe, wäre ich im Alter von 4 wegen schwerer Körperverletzung drin gelandet, weil ich mit meiner Eisenschippe auf einen unbescholtenen, auch viel kleineren und jüngeren Sandkastennachbarn losgegangen bin, was ein ziemlich blutiges Ende nahm. Es ist aber auch sehr unvernünftig von Eltern, dem Kind in Ermangelung einer Plastikschippe eine Friedhofseisenschippe in die Hand zu drücken.
Ich mochte Thommi Ohrner nicht. Und machte mir Sorgen, warum ich als einzige den nicht gut fand im Reigen der ganzen Fans 8)
Ach ja, diese Sorgen kenne ich alle nur zu gut…
Kommentar von wortteufel 8. November 2007 @ 3:11Sorgen machte ich mir auch, aber es waren ganz andere. Meine Sorge war immer mein Muttchen, sie wurde so schlecht von meinem Vater behandelt und trotzdem schützte sie ihn. Wenn ich ihr Essen kochte und brachte, kippte er es weg oder er verdrosch sie und sie schwindelte um ihr blaues Auge und nahm den alten Herrn noch in Schutz. Was da sonst noch alles passierte, verschwieg sie viel zu oft. Das waren meine Sorgen früher. Meine heutigen Sorgen sind sind anders, es sind „moderne“ Sorgen: Computer, Politik, Umwelt, Menschen, Tierquälereien, Verarmung, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und vieles mehr.
Kommentar von Inge aus HH 9. November 2007 @ 2:20