Schulden

Im Netz kursiert derzeit ein Mem, in dem es heißt “Ich bin nach 1945 geboren, ich schulde der Welt einen Scheiß” – meistens geteilt im Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der Text geht mir nicht aus dem Kopf, weil ich diese Aussage mehr als problematisch finde. Ach, was soll ich mich feiner ausdrücken als nötig – ich finde das Ding scheiße. Aber mal so richtig.

Denn jeder Mensch schuldet der Welt etwas. Und zwar, sie ein Stückchen besser zu machen. Wir alle schulden den Welt, dass wir keine Arschlöcher sind. Niemand kann sich da ausnehmen, wann auch immer er geboren ist.

Jedes Land hat seine Geschichte, seine Tragödien, seine Helden, seine dunklen Kapitel. Und es ist die verdammte Pflicht jedes Menschen, sich – wenn er dazu die Möglichkeiten hat – damit zu beschäftigen und Lehren daraus zu ziehen. In unserem, dem deutschen Fall ist es ein besonders dunkles Kapitel, mit dem wir umzugehen haben und aus dem wir Lehren ziehen müssen. Ich bin weit nach dem Krieg geboren, ich bin nicht verantwortlich für das, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist. Ich kann mich dafür natürlich nicht schuldig fühlen oder verantwortlich gemacht werden, und die, die sagen, wir Deutschen müssten bis in alle Ewigkeit aufgrund unserer Geschichte mit gesenktem Kopf herumlaufen, sind genauso bescheuert und vernagelt wie die, die der Meinung sind, sie schuldeten der Welt nichts, weil sie nach 1945 geboren sind. Es macht das Menschsein aus, dass wir aus Fehlern unserer Vorfahren lernen und sie nicht wiederholen. Ich bin nicht für die Vergangenheit vor 70 Jahren verantwortlich. Für die Zukunft aber schon.

Aber auch, wenn ich nicht schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten bin, tut es mir unendlich leid, was Menschen damals in unserem Land und in Europa angetan wurde (so wie es mir zum Beispiel auch leid tut, was den Ureinwohnern in Nordamerika bis heute angetan wird – und dafür bin ich noch viel weniger verantwortlich, weil ich auf einem anderen Kontinent lebe).

Aber es geht ja nicht nur um “die Welt”, um Israel und Palästina, es geht auch um Dinge, die sich direkt vor unserer Haustür abspielen. Wenn ich die Neonazi-Aufmärsche in Deutschland sehe, kommt es mir hoch – und ich sehe es als meine Pflicht, mich damit zu beschäftigen und gegen Rassismus und Diskriminierung mit den Mitteln anzugehen, die mir zur Verfügung stehen. Das mögen in meinem Fall nur Worte sein, aber ein klares NEIN zur rechten Zeit kann auch schon viel bewirken. Und gerade weil es sich in Deutschland um einige besonders dunkle Kapitel handelt, müssen wir wissen, wie es dazu kommen konnte, damit wir die Anzeichen erkennen, wenn es wieder losgehen sollte. Ich kann mich nicht zurücklehnen und sagen, das gehe mich alles nichts an. Ich habe in meinem Leben dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht, egal, wann ich geboren wurde. So funktioniert die Sache mit dem Menschsein und dem zivilisierten Miteinandern nun einmal. Es mag unbequemer sein, als sich zurückzulehnen und zu sagen: “Ich schulde der Welt einen Scheiß.” Aber aus dieser Nummer kommen wir nicht raus. Keiner von uns.


Er hat es nicht anders gewollt

Borussia kaputt

“Sehr geehrter” Postbote,

ich habe es im Guten versucht, an Ihr Verständnis und Ihre Berufsehre appelliert, versucht zu verstehen, dass es auch Anhänger anderer Vereine gibt. Dass Sie vielleicht ein Anhänger von Schalke 04 sind oder vom HSV oder eine verirrte Seele, die dem FC Bayern zugetan ist. Und dass Sie deswegen schlimmen Ausschlag an den Händen bekommen vom Austragen des Mitgliedermagazins des schönsten, besten und coolsten Vereins der Welt, der Borussia aus Dortmund. Deswegen wollen Sie das besagte Magazin natürlich so schnell wie möglich wieder loswerden und stopfen es deswegen mit brachialer Gewalt in meinem Briefkasten. Mit solcher Gewalt, dass die Herren auf dem Cover die entsetzlichsten Schrammen und Schürfwunden im Gesicht davontragen. Bei allem Verständnis finde ich das ein wenig unschön.

Gegen Frauenzeitschriften und Bausparer-Magazine dagegen scheinen Sie nichts zu haben, denn die bekommen Sie unfallfrei in meinen Briefkasten. Ich habe eine Saison lang versucht, die Sache mit Humor zu sehen – schließlich zeige auch ich dem HSV-Stadion regelmäßig den Stinkefinger, wenn ich auf meiner morgendlichen Joggingrunde daran vorbei komme. Hihi. Ein bisschen Spaß muss sein, nicht wahr? Aber im Gegensatz zu Ihnen mache ich dabei nicht wirklich was kaputt, was jemand anderem gehört und was dieser aufbewahrt, um in 20 Jahren noch in (unzerkratzten) Erinnerungen schwelgen zu können.

Ich habe mich vor etwa einem Jahr mit einem durchaus humorvoll angehauchten Schreiben bereits an Ihren Arbeitgeber gewandt und daraufhin erfreut zur Kenntnis genommen, dass immerhin die nächsten zwei Magazine heil bei mir ankamen. Allein – des Menschen Gedächtnis hat die Aufmerksamheitsspanne einer Stechmücke. Und sehr schnell gewann wieder die unerfreuliche Seite des Hasses die Oberhand, und der nette Herr Schmelzer, den ich sogar noch ein bisschen lieber mag als die anderen großartigen schwarzgelben Jungs, trug eine entstellende, fast schädelspaltende Narbe davon.

Ich nahm das noch eine Weile hin und hoffte auf eine neue Saison und damit ein neues Glück. Leider hoffte ich wie so oft im Leben vergebens. Und nun reicht es. Sie haben mich sehr wütend gemacht. Und Sie werden es nicht mögen, wenn ich wütend bin.

Mit “freundlichen” Grüßen,

Kirsten “Schluss mit lustig getz” Konradi


Ich bin dann mal gut zu mir

Mir gehen ja generell immer viel zu viele Gedanken im Kopf herum – gute, schlechte, meistens wirre, für andere nicht nachvollziehbare, oft hochphilosophische. (Die drei letztgenannten sind übrigens dieselben – je nach dem, wen man so fragt.)

Besonders schlimm ist es immer nach einem Geburtstag. Oder nach Krisen. Beides fiel in diesem Jahr zusammen, und mir explodiert quasi gerade der Schädel. Fragen nach dem Sinn, dem Warum, dem “Und jetzt?” ohne Ende. Gespräche mit lieben Menschen, die mir Ratschläge gaben, die alle gut gemeint sind, aber nicht immer gut. Am Ende muss ich ja doch wieder selbst wissen, was ich tue, wer ich bin und wer ich sein will.

Ich war während des Studiums mit einem Mann zusammen, der mir einmal sagte, was ihm besonders an mir gefalle, sei, dass ich sowieso immer machte, was ich wolle. Zweieinhalb Jahre später verließ er mich wegen eines devoten kleinen Mäuschens, das immer tat, was er wollte.

Ich hatte bei der Zeitung einen Chef, der mir genau wegen dieser Eigenschaft keinen Job gab. Er gab mir Anweisungen, die ich für Unsinn hielt, ich nickte, lächelte und machte es dann entweder gar nicht oder eben so, wie ich es für richtig hielt. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr fest angestellt, er konnte mich nicht wirklich packen, es muss ihn wahnsinnig gemacht haben. Das Einzige, womit er mich bestrafen konnte, war, alle freien Jobs denjenigen zu geben, die sich seiner Meinung nach besser lenken ließen. (In meinem Job heute ist es dagegen ganz gut, wenn man gut improvisieren kann und Dinge im letzten Moment umschmeißt, neu ordnet, nach anderem Schema erledigt. Hauptsache, am Ende ist die Sendung fertig.)

Vielleicht sollte ich mich mehr auf diese Qualität verlassen, auch wenn es mir vielleicht nicht immer Vorteile gebracht hat. Aber ich kann die Dinge nicht anders machen, als ich sie mache oder machen sollte. Das wurde mir dann irgendwann in der vergangenen Woche klar. Ratschläge sind gut, Tipps und Hinweise auch, aber am Ende doch wieder nutzlos. Zumal ich innerlich anfange zu kochen, wenn mir jemand mit diesem “Du musst”, “Du bist doch sonst auch so …” oder “Was hast du denn überhaupt für ein Problem” oder auch “Du hast doch nichts zu verlieren” kommt. Ich muss gar nichts. Und wenn ich mit einer Sache Probleme habe, sie nicht gerne mache und deswegen vielleicht auch gleich bleiben lasse, dann ist das eben so. Ich bin mittlerweile 41 und ich werde in diesem Leben nicht mehr abenteuerlustiger oder abgebrühter, als ich bin. Ich werde nie Bungee springen, tanzen lernen oder in ein Land fahren, in dem ich die Sprache nicht kann. Das mögen andere bescheuert finden, für mich ist es richtig. Und nur, weil ich meinen Alltag und meinen Job hinkriege und da gut funktioniere, heißt das noch lange nicht, dass ich in emotionaler Hinsicht genauso abgebrüht bin. Wenn mich ein Mitarbeiter nicht mag – geschenkt. Wenn jemand, den ich ganz wunderbar finde, mir nicht dasselbe Ausmaß an Zuneigung entgegenbringt, geht es mir schlecht damit. Da bin ich wieder ein pickliger Teenager, der sich fragt, was zur Hölle denn nicht stimmt mit ihm. Obwohl die erwachsene Frau genau weiß, dass sie super ist und man Sympathie eben nicht erzwingen kann.

Und was das Verlieren angeht – zu verlieren hat man immer etwas – sei es “nur” die eigene geistige Gesundheit oder das Wohlbefinden. Auch wenn man es nur für eine kleine Weile verliert, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas falsch gelaufen ist.

Dabei gibt es natürlich auch immer Menschen, die genau das Richtige sagen, die einen genau verstehen, weil sie ähnlich ticken oder zumindest akzeptieren, dass ich anders ticke. Die beiden besten Ratschläge, die ich in den vergangenen Wochen erhalten habe, waren: “Sei gut zu dir” und “Sei nicht so böse zu dir”.

Genau das mache ich jetzt. Ich nicke und lächle und mache sowieso wieder alles so, wie ich es für richtig halte. Es mag mir dabei der eine oder andere Fehler passieren, den andere und vielleicht auch ich selbst so haben kommen sehen. Aber ich muss ihn trotzdem machen, um ganz sicher zu sein. Und um mir nachher nicht sagen zu müssen: “Ach, damals. Hätteste mal …” Und ich werde ich dabei so fühlen, wie ich mich eben fühle. Das muss außer mir niemand verstehen können.


Da stimmt doch was nicht!

Geneigte Leser, ich habe da mal wieder was fremdgebloggt. Diesmal geht es die Frage, ob und wie man es als Frau schafft, mit sich im Reinen zu sein.

Hier entlang, bitte.

In dem verlinkten Blog sind außer meinem noch ganz viele weitere tolle Beiträge zu finden. Stöbern und durchklicken lohnen sich!


Sich mal ordentlich einen zwitschern

Bevor es ein ganzes Jahr her ist, dass die liebe Claudia mir ein Stöckchen zuwarf, werde ich es vielleicht endlich mal beantworten.

Wer bist Du auf Twitter? Seit wann bist Du auf Twitter? Nutzt Du Twitter vorwiegend privat oder beruflich?

Ich bin seit Frühjahr 2013 als @KirstenKonradi bei Twitter – nachdem ich ein paar Jahre zuvor schon mal einen Versuch gewagt hatte und das alles total doof fand. Diesmal machte ich ernst und blieb dabei. Lustigerweise hatte ich mir diesen aktuellen Account zugelegt, weil ich ein paar Leuten folgen wollte, die ich zum Beispiel von ihrem Blog her kannte. Heute folge ich keinem von denen mehr, dafür aber vielen anderen tollen Leuten, die im Gegensatz zu anderen auch mal antworteten und tatsächlich an einem Austausch intereressiert waren. Ich war relativ schnell infiziert und kann mir nicht vorstellen, mal nicht mehr zu twittern. Ich nutze Twitter eigentlich nur privat, auch wenn sich hier und da mal Tweets einschleichen, die von meinem Arbeitsalltag inspiriert werden.

Zu welchen Themen veröffentlichst Du Deine Tweets?

Das ist mit einem Wortzu beantworten: alles. Alles, was mir so durch die Kopf schießt, muss da schnellstmöglich wieder raus. Und wenn grad kein Kollege/Freund in der Nähe ist, den ich damit vollnölen kann, twittere ich es (oder schreibe es auf Facebook oder beides). Meistens nöle ich aber erst Kollegen und Freunde damit voll und twittere es trotzdem. Themen sind mein Alltag und dann vor allem BVB-Fußball. Wenn ich mal was Besonderes mache (wie Segeln auf der Alster gestern – nein, ich bin noch nicht durch mit Angeben!), nutze ich Twitter zum Posen. Ich muss da vieles aus meiner Teenager-Zeit aufarbeiten, als ich langweilig war, keine Freunde hatte und niemand mir zuhören wollte. Heute gibt es Gott sei Dank das Internet.

Wie viel Zeit pro Woche nimmst Du Dir für Twitter?

Kann ich nicht sagen. Ich lese immer mal wieder rein, wenn ich Leerlauf habe und schreibe unregelmäßig – manchmal zwei Tweets am Tag, manchmal 20. Manchmal poste ich auch gar nichts selbst, sondern kommentiere nur bei anderen.

Auf welchen Social Media-Kanälen bist Du aktiv?

Auf Twitter und Facebook täglich, auf Xing sehr selten, hier im Blog wieder öfte als früher, was zumindest ich super finde. einige Leser vielleicht auch. ;-) Auf Google+ hab ich auch einen Account, nutze den aber so gut wie nie.

Welche Position nimmt Twitter für Deine Kommunikation in all Deinen Social Media-Kanälen ein?

Es war nach Facebook lange meine Nummer 2, inzwischen ist es aber an die erste Stelle vorgerückt. Auf Facebook kommuniziere ich “nur” mit Freunden, auf Twitter auch mit Leuten, die ich (noch) nicht kenne. Ich habe da eine größere Reichweite (ja, manchmal bin ich so eine Klickhure, dass ich das toll finde).

Organisierst Du Tweet-ups bzw. nimmst Du daran teil?

Ich muss bei der Arbeit genug organisieren, da will ich mich in der Freizeit nur irgendwohin setzen und trinken. ;-) Ich war bislang “nur” mal beim #tkhh – aber immerhin.

Wofür verwendest Du Twitter vorwiegend?

Ganz ehrlich? Vor allem für den Spaß.

Welche Gesamtnote von 1 – 6 würdest Du Twitter geben und wieso?

Wäre ich eine Lehrerin, gäbe es bei mir wohl nie Einsen (meine Mitarbeiter können da ein Lied von singen, hähähä), aber 2+ wäre schon drin. Wieso? Ach, das steht doch eigentlich da oben schon, oder?

Welche Tools nutzt Du mit welcher Hardware für Deine Aktivitäten auf Twitter?

Ist jetzt bestimmt voll uncool und seniorenmäßig, aber ich nutze auf dem PC oder Laptop twitter.com und auf dem Smartphone die Twitter-App. Diesen ganzen anderen neumodischen Kram, von dem Ihr immer alle redet, kenne ich nicht.

Die Nächsten, bitte! Ich tagge hier mal keinen, weil ich selber schon 30 Jahre gebraucht habe, um das Stöckchen zu beantworten, da hat sich jeder schon zu geschrieben, der das machen wollte.


Fünf Bücher

NaLos Mehrblick hat mich beworfen. Mit gleich fünf Büchern. Also eigentlich nur mit einem Stöckchen. In dem es aber um Bücher geht. Das ist mir gleichermaßen Vergnügen wie Ehre.

Die Aufgabenstellung lautet wie folgt: „Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.”

Ich weiß nicht, ob ich das richtig mache, wenn ich Bücher nehme, die zwar keine Fortsetzung von irgendwas sind, aber teilweise von Autoren geschrieben wurde, die ich seit Jahren sehr schätze. Aber ich mach einfach mal:

Tina Fey: Bossypants

Ich weiß gar nicht so viel über das Buch, aber ich mag Tina Fey, Liz Lemon und den Typ Frau, den beide verkörpern, den “Femnerd”, wie ich gelernt hab. Der Spiegel schrieb, Bossypants sei “ganz selbstverständlich und ganz unverkrampft ein politisches und ein feministisches Buch” – das klingt nach was, das ich unbedingt lesen will und muss. Ich habe das Gefühl, wir brauchen mehr solcher Bücher und solcher Frauen sowieso. Und außerdem soll das Buch saulustig sein. Das ist nie verkehrt.

Siri Hustvedt: The Blazing World

Eine ganz wunderbare, kluge Autorin, von der ich bereits mehrere Bücher gelesen hab. Sie schreibt schlau, feministisch, geheimnisvoll und witzig. Ich glaube, Hustvedt ist eine der klügsten Schriftstellerinnen, die es gibt. Sie schreibt aus männlicher Perspektive, aus weiblicher – egal. The Blazing World ist ihr neuestes Werk, ich habe aber noch The Enchantment of Lily Dahl ungelesen vor dem Bett liegen.

Irgendwas/alles von Alice Munro

Weil ich auch am liebsten Kurzgeschichten schreibe, mir aber alle immer sagen, wenn ich noch keinen richtigen Roman geschrieben hätte, sei ich keine richtige Schriftstellerin. Dann verweise ich auf Alice Munro, die den Literatur-Nobelpreis bekam und sagte, die Kurzgeschichte sei das, was sie am liebsten und besten schreibe. Ich weiß nicht, wie Munro so lange an mir vorbeigehen konnte.

Mehr von Colum MacCann

Ich habe von diesem wunderbaren irischen Erzähler bereits Die große Welt gelesen, die ich in einer Grabbelkiste gefunden hatte. Ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig vertan hatte, weil ich Carson McCullers im Kopf hatte. Die hatte mir mal jemand empfohlen, und ich will sie auch schon lange lesen. So was passiert mir normalerweise nicht, dass ich die Namen von Schriftstellern durcheinanderbringe. Aber es sollte in diesem Fall wohl so sein, denn Die große Welt ist so ein wunderschönes Buch, dass ich zwischendurch flennen musste. Im Grunde ist es eine Sammlung von Geschichten, die alle miteinander verwoben sind und so den gesamten Roman bilden. Die Komposition ist so klug ausgedacht und mit so wunderschönen, sorgsam gewählten Worten erzählt, dass ich mehr von diesem Autor lesen muss. Dann vielleicht auch im englischen Original.

Paul Auster und J.M. Coetzee: Here and now

Es war klar, dass ich, wenn es ums Lesen geht, nicht ohne eine Erwähnung Paul Austers auskomme. Ich habe es versucht, aber es geht nicht anders. Ich liebe seine Bücher seit der Uni, seine Art, Geschichten zu konstruieren, seine Sprache und die traumartigen Elemente, die einem am Ende gelegentlich ratlos darüber zurücklassen, was man gerade gelesen hat – eine Detektivgeschichte, ein Märchen, eine fantastische Erzählung? Ich würde ihn gerne noch mal bei einer Lesung treffen, um mir erneut was signieren zu lassen. Bei dem Buch, das ich gerne lesen würde, handelt es sich um einen Briefwechsel zwischen Auster und Coetzee – von Letzterem habe ich bisher noch nichts gelesen. Ich verspreche mir Eindrücke vom Privatmann Auster, was aber eigentlich Unsinn ist. Ein Schriftsteller bleibt ein Schriftsteller, auch wenn er einem Freund Briefe schreibt. Vielleicht sollte ich sagen, ich freue mich auf den privaten Erzähler. Aber so oder so, ich freue mich sehr auf das Buch. Praktischerweise liegt es schon vor meinem Bett.

Und jetzt soll ich auch noch acht weitere Blogger taggen. Dann nehme ich mal Mademoiselle Scholli, Frau Neverevertown, Sybbel vom Dreimädelhaus, Madame Books und ähm … tja, da hört es auf. Vielleicht noch Frau Torszenen, wobei die ja meist Filme im Programm hat. Es kann sich aber auch jeder bedienen, der möchte.


Warum das Internet nicht böse ist

Das Internet ist unpersönlich, böse und voller Idioten.

Das glaubt Ihr mal alle schön weiter, die Ihr nicht täglich im Netz zu tun habt. Ich dagegen habe übers Internet so unglaublich viele tolle Menschen kennengelernt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, die alle zu beschreiben. Einige dieser Menschen kenne ich inzwischen persönlich, andere (noch) nicht, mit vielen kann ich nur übers Internet Kontakt halten, weil sie nicht mehr in meiner Nähe wohnen.

Ohne das böse, böse Internet und diesen großartigen und arschcoolen Text hätte ich zum Beispiel Mademoiselle Scholli nie kennengelernt. Und dann wären so viele Dinge anders gekommen und die Welt wäre ein schlechterer Ort, weil jemand anders und nicht wir dann in wenigen Jahren die Weltherrschaft innehätten. Das würden wir natürlich nicht wissen, wenn es anders gekommen wäre, aber es ist trotzdem keine schöne Vorstellung.

Ohne das böse Internet hätte ich auch nie die Damen Torszenen oder Neverevertown kennengelernt, ich hätte nie von NaLos Mehrblick von der zauberhaften Anastasia von AnderStark gehört, die ich hoffentlich bald auf mindestens einen Kaffee treffen werde und für die ich hoffentlich noch ganz viele Gastbeiträge schreiben darf.

Neulich abends ging es mir nicht so gut, die Gründe sind doof und egal, aber es war eben so. Ich hatte was erfahren, was an meinem Selbstbewusstsein gekratzt hatte, obwohl es das nicht hätte tun müssen. Rational gesehen wusste ich das, aber das Herzchen hatte trotzdem ein wenig gemuckt. Befeuert von zwei Bierchen, twitterte ich daraufhin: “Kann mir mal grad einer sagen, dass ich toll bin? Ist relativ dringend.”

Ich weiß: billiges Betteln um Zuneigungsbekundungen. Ich hätte auch wen anrufen können, aber da ich weder erklären wollte, was los war noch es überhaupt so richtig hätte in Worte fassen können, hab ich es eben getwittert. Nur so halt, weil es raus musste. Und innerhalb von wenigen Minuten hatte ich (auf total coole und männliche Art natürlich) Tränen der Rührung in den Augen, weil mir Menschen, die ich teilweise nicht einmal persönlich kenne, schrieben, ich sei “megasupitotaltoll”, “kurz vor dem Status einer Tollität”, “toll! #Servicetweetvomherzenkommend”, “Du bist super toll! Lass Dir nix anderes einreden”, “super”, “Du bist übertoll. Und du solltest das nie, nie, nie auch nur im geringsten anzweifeln”. Das tat gut, und es war genau für den Moment das Richtige. Das böse, unpersönliche Internet und zweiunddrölfzig Bierchen ließen mir innerhalb weniger Minuten wieder die Sonne aus dem Arsch scheinen. Das kann ja so verkehrt nicht sein, oder?

Und wer hatte früher nicht Brieffreunde, mit denen er oder sie jahrelang schrieb, ohne sie auch nur einmal zu treffen? War das so viel anders? Und wenn man heute jemanden kennenlernt, ist es so viel einfacher, über Communitys, Mail, Blogs etc. in Kontakt zu bleiben als über Briefe. Die beste Zeltmitbewohnerin der Welt, die ich in Kanada kennenlernte, lebt in Australien. Wenn es nur über Briefe ginge, wären wir sicher nicht mehr in Kontakt.

Oder auch ganz profan: Neulich suchte ich aus beruflichen Gründen die chinesische Übersetzung von “kleiner Hase”, und dank Twitter hatte ich sie innerhalb von wenigen Minuten. Es brauchte zwei Retweets und eine Nachfrage, schon hatte ich die Antwort. Und ohne Internet könnte ich nicht ehrenamtlich für die Fanabteilung des BVB Texte korrigieren und schreiben. Das wäre blöd. Finde ich.

Edit: Ohne Internet hätte ich auch niemals meine zwischenzeitliche Mitbewohnerin kennengelernt. (Wobei ich natürlich ihre Mitbewohnerin war.) Ich hätte somit ohne Netz sehr viele spaßige Abende auf dem Kiez verpasst und viel öfter nüchtern zur Arbeit gehen müssen als nötig. Aber vor allem hätte ich zu Beginn meiner Zeit in Hamburg kein Dach über dem Kopf gehabt. Und jetzt kommt ihr!

Natürlich ist das Internet voller Trolle, Stalker und Idioten. So wie das echte Leben halt auch. Die Kunst hier wie da ist, diese Spacken zu vermeiden, auch wenn sie im Internet aufgrund der Anonymität meistens noch dreister sind als in echt. Man muss halt sehen, die Idioten zu umkurven, genauso wie man im echten Leben versuchen sollte, nicht in jeden Hundehaufen zu latschen. Und selbst wenn man mal voll in die Scheiße rauscht – die vielen schönen Blümchen am Wegesrand reißen es wieder raus.


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