Enthüllungen

“Das ist ja alles schön und gut, was du da machst, aber du müsstest dich doch mal woanders hin orientieren. So Enthüllungsjournalismus, die ganz großen Geschichten aufdecken und so. Leuten auf die Füße treten, damit die mit Infos rauskommen, weißte?!”

Nee, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich meinen Job, den ich ziemlich gut mache und der sinnvoll ist, auf einmal scheiße finden sollte, nur weil auf einer Party einer meint, was ich mache, sei langweilig.

Denn mal abgesehen davon, dass es nicht langweilig ist – Dinge wie “Enthüllungsjournalismus”, “die ganz großen Geschichten”, “Leuten auf die Füße treten” sind einfach nicht mein Ding. Ich kann das nicht, und ich will das nicht. Manche finden das sicher geil, mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, den Tag über etwa zehn Leuten auf die Füße getreten und Statements aus ihnen herausgepresst zu haben. Ich finde das nicht geil, ich kriege davon Magenschmerzen. Ich schreibe ja heute kaum noch beruflich, aber als das noch der Fall war, kam gern mit den Leuten, über die ich schrieb, gut aus und ging auch gern ein wenig auf deren Wünsche ein. Dann standen mir diese Leute nämlich vielleicht mehr als einmal für eine Geschichte zur Verfügung. Das ist für mich keine Arschkriecherei, das ist eine Art von Professionalität, für die ich mich nicht zu rechtfertigen gedenke.

In meinen Zeiten als Lokaljounalistin gab es manchmal ziemlich krude formulierte Polizeimeldungen. Bei Nachfragen bei der Polizei empfahl es sich, immer freundlich nachzuhaken, vielleicht mal einen kleinen Scherz zu machen – und schon bekam man (wenn auch mit dem Zusatz “Aber das haben Sie nicht von mir”) die fehlende Info nachgeliefert. Bei einem Termin mit der Feuerwehr habe ich es mal geschafft, dass der Einsatzleiter seine Jungs extra das Wasser noch mal anstellen ließ, weil ich erst an der Brandstelle eintraf, als das Feuer schon gelöscht war. “Und sonst sieht das Foto ja nach nichts aus; wir machen Ihnen da mal ein bisschen Action!” Und wenn ich den Jungs das Bild anschließend als Ausdruck noch mal zukommen ließ, wurde ich beim nächsten Treffen mit “Ach, Frau Konradi ist wieder da, wie schön. Brauchen Sie noch Infos? Hier ist eigentlich abgesperrt, aber kommen Sie man durch!” So hab ich gearbeitet, und so hab ich gerne gearbeitet.

Klar hab ich auch mal über kontroverse Geschichten geschrieben, mit denen nicht immer alle Seiten zufrieden waren. Da gab es böse Anrufe und Briefe – aber in keinem der Fälle war mir vorzuwerfen, dass ich unsauber recherchiert hätte oder jemandem auf die Füße getreten sei. Einmal beschwerte sich eine Frau nach einem Artikel darüber, dass ich auch die Gegenseite zu Wort hatte kommen lassen. Das passte ihr nicht, war aber nun mal nicht zu ändern. So was lass ich mir dann gern vorwerfen, weil ich damit nur Leute ärgere, die eh einen Knall haben und mit denen ich mich nicht weiter befassen muss.

Klar waren Geschichten über Hühnerzüchter damals nicht die ganz große Nummer. Aber sie haben mir Spaß gemacht. Und wenn man sich mal auf die kleinen Geschichten einlässt, merkt man, dass die auch ganz schön spannend sein können.

Ich bewundere es durchaus, wenn jemand die ganz großen Sachen macht, Klüngeleien aufdeckt und auch mal den richtigen Leuten auf die Füße tritt. Das ist wichtig. Aber es ist nicht mein Ding. Das sollen die Leute machen, die das gut können. Ich kann andere Sachen gut, und das ist weder langweilig noch weniger wert.


Ein großer Fußballabend

Champions League, Viertelfinale

Borussia Dortmund – Real Madrid 2:0, der BVB nach der 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel damit ausgeschieden.

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Die Kollegen von “11 Freunde” haben eine schöne Einzelkritik der Spieler geschrieben, die Kollegen von der “Zeit” haben sowohl den Abend als auch meine Gefühlslage perfekt auf den Punkt gebracht.

Ich gebe zu, dass mich die laufende Saison müde gemacht hat. Nicht, weil der BVB nicht mehr dauernd gewonnen hat, auch wenn mir das natürlich immer weh tut. Aber ich war müde und mürbe – immer noch ein Verletzter, immer noch ein Rückschlag, immer wieder die Notwendigkeit, die Mannschaft umzubauen, ein weiteres schlechtes Spiel, das all diesen Umständen geschuldet war – im März wollte ich eigentlich nur noch, dass die Saison schnell vorbeigeht, sich alle erholen und in der kommenden Spielzeit wieder so angreifen können, wie sie es eigentlich können.

Die Niederlage in Madrid verfolgte ich auf dem Sofa liegend mit geschlossenen Augen, weil mich pünktlich um 20 Uhr eine Kopfschmerzattacke niedergestreckt hatte. Ich wurde tatsächlich erst ein bisschen wacher, als ZDF-Mann Jochen Breyer Jürgen Klopp die mittlerweile berühmte Frage stellte, ob das Ding ja nun wohl durch sei. Die Schmerzen und das Augenflimmern wurden kurzzeitig überlagert von dem Gedanken: “Na, das wollen wir doch mal sehen!”

Denn so bekloppt war ich doch immer noch, dass ich dachte: Wir sind erst raus, wenn das zweite Spiel abgepfiffen ist. Keine verdammte Sekunde vorher.

Und so fuhr ich gestern frohgemut nach der Arbeit Richtung Stadion und war gleichermaßen entspannt und doch hibbelig wie selten. Ich wollte eigentlich nur, dass wir uns mit Anstand verabschieden und uns nach Möglichkeit nicht sechs Buden einfangen. Und dass die Jungs das hinkriegen, da war ich mir ganz sicher.

Ich wollte also nur einen netten Fußballabend – und ich bekam so viel mehr. Einen ebenso unberechtigten wie gehaltenen Elfer, die Hoffnung, dass hier doch noch was geht, eines der grandiosesten Spiele, die ich je live sehen durfte, eine Mannschaft, die rackerte bis zum Umfallen, Spieler, die über sich hinauswuchsen, ein Stadion, in dem sogar die Wände brüllten, einen Sieg, der nur den einen winzigen Makel hatte, nicht hoch genug ausgefallen zu sein, einen Trainer, der der Süd applaudierte und sie dann aufforderte, seinen Jungs noch ein bisschen mehr Trost zu spenden, der sich anschließend mit dem Rücken zur Süd stellte und seiner Mannschaft von da aus applaudierte. Es war ein großer Fußballabend mit elf Helden auf dem Rasen.

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Natürlich wäre ein Sieg grandios gewesen. Aber ich bin fast überhaupt nicht traurig, dass es letztendlich doch nicht für ein Weiterkommen gereicht hat, denn dieser Abend hatte so viel anderes, so viel Schönes, dass es fast egal war. Sportsgeist, bedingungsloser Support von den Rängen, den Willen, nicht aufzugeben und an das Wunder zu glauben, Fußball mit Herzblut zu spielen, alles zu geben, ein Team zu sein. Das ist das, was diesen Verein ausmacht.

Ich bin stolz, dass ich Teil dieser schwarz-gelben Familie sein darf. Es ist nicht so ein lauter Stolz, den man ständig in die Welt hinausbrüllen muss. Ich empfinde mehr so einen feinen leisen Stolz und stille Freude darüber, dass ausgerechnet dieser wunderbare BVB sich mich als Fans ausgesucht hat.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Champions-League-Saison, wenn unsere Reise weitergeht. Denn dieser Verein hat bewiesen, dass es immer weitergeht. Natürlich war das Erreichen des Finales vergangenes Jahr ein Höhepunkt, ein Moment, der scheinbar nicht zu toppen war. Aber das gestern Abend – das war auch ganz groß, Jungs.


20 Dinge über mich

Dieser Fragebogen kursiert schon eine Weile im Netz, aber der erste, den ich wirklich gelesen hab, ist der von Frau Neverevertown. Die verlinke ich hier auch als einzige, weil sie toll ist und einen Tick zu weit weg. Was nicht heißt, dass ich ihr Köln nicht gönne, ganz im Gegenteil sogar, aber … na ja. Sie weiß schon, wie ich das meine. ♥

Also: 20 Dinge, die die geneigte Leserschaft bislang nicht über mich weiß.

1. Beim Kofferpacken und beim Möbelaufbauen muss ich immer Bier trinken, weil dabei die Luft immer so staubig wird. Das hat mir mein Papa so beigebracht. Und wer wäre ich, dass ich dem Papa widersprechen würde?

2. Ich habe früher abgelehnt, als Feministin bezeichnet zu werden. Heute sage ich tatsächlich, dass ich eine bin.

3. Ich steh bei Männern (unter anderem) auf schöne Unterarme.

4. Ich konnte jahrelang keinen Kaffee trinken, ohne davon rappelig zu werden – bis hin zum Sternchensehen und der festen Überzeugung, mich gleich übergeben zu müssen. Inzwischen geht es wieder, aber zu viel darf ich trotzdem nicht trinken, sonst geht das wieder los. Ich trinke morgens Caro-Kaffee, und Gäste, die sich darüber lustig machen, fliegen noch vor dem Frühstück raus.

5. Wenn sich zwei Leute küssen, möchte ich gern den Handfurz von Robin Scherbatsky machen. Immer.

6. Ich habe so gut wie keinen Orientierungssinn. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Richtungen hab, wähle ich garantiert die falsche. Mit traumwandlerischer Sicherheit sozusagen. Erschwerend kommt dazu, dass auch mein räumliches Vorstellungsvermögen nichtexistent ist. Ich gehöre zu den Leuten, die eine Landkarte drehen müssen, um den Weg finden zu können.

7. Sieben ist meine Glückszahl.

8. Ich mag klassische Musik und hasse Opern. Wenn da einer anfängt, rumzujaulen (vorzugsweise im Sopran), möchte ich schreiend rausrennen. Klassische Musik höre ich beim Schreiben, Operngesang würde nur dazu taugen, mich in einen Blutrausch zu versetzen.

9. Wenn ich einen Film mit den Muppets gucke, begrüße ich jede einzelne Figur mit Namen. Ich glaube, das geht anderen Leuten nach einer Weile ziemlich auf den Pinsel.

10. Trotz all meiner Flucherei und meiner deutlichen Ausdrucksweise finde ich es erstrebenswert, wenn die Menschen nett zueinander sind. Wenn mir aber einer dumm kommt, bin ich im Bruchteil einer Sekunde auf 180. Das tut mir hinterher oft leid, zugeben würde ich das aber nie.

11. Ich konnte mal auf Spanisch sagen “Du hast zwei Eier wie Melonen”. Leider kann ich das inzwischen nicht mehr. Mich dünkt, das könnte auf Reisen doch ein nützlicher Satz sein.

12. Ich bin ein Deppen-Magnet. Ich stehe unbeteiligt irgendwo rum, schon kommt der Dorftrottel auf mich zu und nervt.

13. Wenn ein Muttersprachler falsches Deutsch spricht, korrigiere ich in Gedanken seine Grammatik. Manchmal leider nicht nur in Gedanken.

14. Ich habe einen Taschen-Tick. aber nicht in dem Sinne, dass ich mir bei jeder Tour in die Stadt eine Tasche kaufen möchte, sondern dass ich mir ständig neue Taschen nähen möchte. Passend zu jedem Outfit eine quasi. Am Ende kommt es natürlich auf das gleich raus, denn ein Schrank voller Taschen ist ein Schrank voller Taschen. Aber selbstgemacht ist ja ein Ausdruck von Kreativität und insofern wieder erlaubt. Zumindest rede ich mir das immer wieder erfolgreich ein.

15. Ich muss mich zusammenreißen, in einem Gespräch nicht die sprachlichen Eigenarten meines Gegenüber anzunehmen. Das gilt sowohl für auf Englisch als auch für auf Deutsch geführte Unterhaltungen. Ich mag Dialekte, kann einige sprechen und verwende nach längerem Aufenthalt im Hessischen gern mal die Vokabeln “net” und “gelle”. Blöderweise fühlen sich manche Leute dann nachgeäfft, was aber nicht meine Absicht ist.

16. Wenn ich auf einer Kirmes bin, muss ich immer eine Tüte gebrannte Mandeln kaufen. Das habe ich schon immer so gemacht.

17. Ich hänge meine Wäsche symmetrisch auf und räume meinen Einkaufskorb so ein, dass er an jeder Ecke gleich schwer ist.

18. Ich kann viele alte englische und amerikanische Schlager mitsingen, aber es wäre mir ziemlich peinlich, wenn das jemand wüsste.

 

 

Ups.

19. Auf ein anständiges Leberwurstbütterchen mach ich immer einen Schlach Sempf [sic!].

20. Ich kann mich heute noch über Unbill aufregen, das mir im Kindergarten widerfahren ist – und zwar mit der gleichen Wucht wie damals.

21. Ich halte mich ungern an Vorgaben.


Weit, weit weg

Im Urlaub am Yukon und in Alaska hat mich ein Buch bzw. eine Geschichte sehr beschäftigt. Die Geschichte von Christopher McCandless alias Alexander Supertramp hat mich bis heute nicht losgelassen, und ich denke heute immer noch häufig daran. Vor der Reise hatte mir ein lieber Freund den Soundtrack zum Film über McCandless geschenkt, weil das die perfekte Musik für einen Trip in den Norden sei. Und ich kann nur sagen: Das stimmt.

Ich habe die Musik während der langen Fahrten durch die schönste Landschaft, die man sich vorstellen kann, rauf und runter gehört. Nichts hätte besser gepasst.

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In einem winzigen Ort namens Nenana machten wir einen Zwischenstopp, und im Laden neben dem Eisenbahnmuseum fand ich Jon Krakauers Buch “Into the Wild”, das die Geschichte von McCandless erzählt. Bis zum Ende des Urlaubs hatte ich das Buch durch und war bewegt wie selten. Wieder zu Hause, besorgte ich mir den Film dazu und heulte noch mal Rotz und Wasser. Zumal mir klar wurde, dass ich im Denali National Park gar nicht so weit weg von dem berühmten grünen Bus gewesen war, in dem McCandless sowohl die wohl beste Zeit seines Lebens verbracht als auch den Tod gefunden hatte.

Es soll hier gar nicht darum gehen, wie verantwortungslos und leichtsinnig McCandless war, als er zu seiner großen Reise aufbrach. Es geht mir um das Grundgefühl, das ihn in die Wildnis trieb. Denn das kann ich nur allzu gut verstehen. Wenn einen die Arbeit auffrisst, die Menschen einem auf jeden einzelnen Nerv gehen, den man im Körper hat, wenn man so müde vom Alltag ist, dass man nicht dazu kommt, mal was Schönes nur für sich zu tun, wenn alle an einem rumzerren, wenn man abends im Bett liegt, die Gedanken aber noch immer draußen herumschwirren und nicht zur Ruhe kommen wollen – wie oft hab ich nach so einem Tag abends auf dem Nachhauseweg schon gedacht, ich pack das Nötigste zusammen und hau einfach ab. Ich will nicht mehr erwachsen und vernünftig sein, keine Steuererklärung machen, an die Winterreifen denken, Leute anrufen und von meinen Nachbarn mit Musik und Laubsaugern terrorisiert werden. Ich möchte nur irgendwo sitzen und alleine aufs Meer gucken dürfen. Mindestens für ein halbes Jahr. So lange würde ich wohl ungefähr brauchen, um wieder zu wissen, wer ich bin. Man verliert sich so oft im Alltag. Und ich möchte nicht irgendwann denken, ich hätte mehr malen, schreiben lesen und träumen sollen. Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, dass es noch ein anderes Leben mit mehr Leben drin da draußen gegeben hätte, das ich hätte haben können, wenn ich mich nur ein wenig mehr angestrengt hätte.

McCandless suchte vermutlich genau das: mehr Leben, ein anderes Leben. Und er hat es wohl auch gefunden da draußen in der Wildnis Alaskas. Irgendwo zwischen Wölfen und Bären, Elchen, Erdhörnchen, rauschenden Flüssen und Bergen wie Festungen war das, was er gesucht hat. Und ich bin überzeugt, dass es viel weniger das Abenteuer an sich war, sondern vielmehr eine Art innere Ruhe und Selbstbestimmtheit. Er hatte wohl das Gefühl, an dem ganzen Ballast zu ersticken, den wir so mit uns herumtragen. Zum einen der wortwörtliche Ballast in Form von Besitztümern, zum anderen der Ballast, den solche Besitztümer im Kopf entstehen lassen können, die ihn träge machen. Also verschenkte McCandless fast alles, was er besaß und ging einfach los.

Doch er ließ nicht nur seinen Besitz hinter sich, sondern auch die Menschen. Auch das kann ich zu einem großen Teil verstehen. Man muss viel allein sein, damit man herausfindet, wer man ist. Denn viel zu oft sind Leute um einen herum, die einen auf die eine oder die andere Art davon abhalten, man selbst zu sein. Wenn das zu lange so geht, hat man igendwann vergessen, wer man ist. Zumindest geht es mir so, und deswegen werde ich, wenn ich zu wenig Zeit für mich habe, unentspannt und undleidlich.

Mein Mut reicht lange nicht so weit, wirklich auszusteigen.Ich steige eher im Kopf als im richtigen Leben aus. Ich nehme mir Auszeiten, gucke mir Fotos an und reise noch mal an all die schönen Orte, an denen ich schon mal war. Und male mir aus, ich lebte da. Das reicht mir und tut mir gut, und das ist ja eigentlich die Hauptsache. Ich hätte niemals den Mut, wirklich auszusteigen. Ich bewundere McCandless unendlich dafür, dass er ihn hatte.

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Blaues Band und so

Ich mag den Frühling. Ich mag ihn nicht mehr oder weniger als den Sommer, ich mag ihn anders.

Frühling ist ein Versprechen. Ein Versprechen, dass der Winter nicht alles war, auch wenn der Wind vielleicht noch ein wenig nach Kälte und Schnee riecht. Im Wind sagt der Winter: “Ich könnte noch mal zurückkommen, also genieß die ersten warmen Tage.” Er kommt wahrscheinlich erst mal nicht zurück, aber ein bisschen drohen soll ihm gestattet sein.

Im Frühling ist es abends noch kühl, und eigentlich sollte man nicht mehr draußen sein, aber es ist doch noch hell, ein halbes Stündchen wird doch wohl noch gehen. Im Frühling ist man wie ein kleines Kind, das den Eltern noch eine Stunde mehr Aufbleiben abtrotzt, und man bleibt noch ein bisschen länger draußen, obwohl es im Gesicht und an den Händen schon ziemlich kalt wird. Aber das würde man nie zugeben.

Frühling ist ein Versprechen, dass es noch ein anderes Tempo gibt als das des sich schlurfend und über Eis schlitternd zu bewegen. Man erinnert sich wieder daran, dass man mal barfuß über Blumenwiesen springen konnte und weiß, dass man das bald wieder wird tun können. Frühling ist das Versprechen, dass der Sommer bald kommt.

In dieses Versprechen interpretiert man alles, was man so glauben möchte, dass der Sommer ganz toll wird, dass er warm, aber nie zu heiß wird, man möchte gerne glauben, dass man nie wieder schwitzend nachts auf dem Bett liegen und die verdammte Wärme verfluchen wird. Man denkt, der ganze Sommer wird ein einziges Abendsdraußensitzenweißweintrinkenfest. Dem Frühling glaubt man alles und darf man auch alles glauben. Er kann ja nichts dafür, dass der Sommer sich nicht immer dran hält. Die Wahrheit wissen wir erst im Herbst, und bis dahin ist es noch so furchtbar lange hin, dass man noch gar nicht dran denken mag.

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Ich will nicht nachtreten, aber …

Vor zwei Monaten hab ich etwas getan, was ich nicht mehr für möglich gehalten hätte: Ich habe einen festen Arbeitsvertrag unterschrieben. Wenn ich nicht gerade goldene Löffel klaue oder dem Intendanten auf dem Flur Beinchen stelle, muss ich in diesem Leben nie wieder eine Bewerbung schreiben. Das fühlt sich alles sehr richtig an. Ich mache meinen Job gut, ich mache ihn gern, was ich tue, ist sinnvoll, und ich habe noch dazu furchtbar nette Kollegen. Manche Tage sind aufregend, weil es, wenn man mit Live-Fernsehen zu tun hat, eben manchmal aufregend ist. Manche Tage sind langweilig, da kann man sich dann von den aufregenden Zeiten erholen und sich frisch machen für den nächsten aufregenden Tag, der sicher kommen wird. Ich sage es noch mal und werde auch nicht müde, es zu betonen: Das fühlt sich alles sehr richtig an, und ich bin (abgesehen von der 380-Kilometer-Entfernung zum Dortmunder Stadion) genau da, wo ich sein will.

Man hat mir vor sieben Jahren vorgeworfen, ich hätte mich für den falschen von zwei angebotenen Jobs entschieden. Das hat mich damals schon gewundert, weil ich schon damals gesagt hatte, dass ich mit der neuen Aufgabe glücklich bin, aber sei’s drum. Und was den anderen Kritiker angeht: Ja, man muss durchaus Redakteurin sein für das, was ich tue.

Jetzt, da die Chancen noch einmal um ein Vielfaches gesunken sind, dass ich jemals wieder für die Zeitung in meiner Heimatstadt schreiben muss, juckt es mich in den Fingern, ein paar Sachen rauszuhauen, die sich damals dort abgespielt haben. Aber es wäre ja schlechter Stil zu erzählen, dass drei oder vier Jobs an mir vorbeivergeben wurden, obwohl ich mir nach dem Volontariat noch als Freie für einen Hungerlohn den Arsch aufgerissen habe und sofort hätte anfangen können. Dass ich die Jugendseite auf Vordermann bringen sollte und mir dann, als es soweit war, dass ich das Ding zweimal in der Woche hätte erscheinen lassen können, sagte, ach nein, das sei aber nun doch nicht gewünscht. Dass diese Jugendseite dann eingestellt wurde, ohne dass sich der Chef jemals dazu herabgelassen hätte, mir das persönlich anstatt über die Volontäre mitzuteilen. Dass hinter meinem Rücken über mich geredet wurde, weil ich als eigentlich Arbeitslose ja den ganzen Tag nur in der Redaktion herumhing und den Arbeitsplatz blockierte (was sicherlich richtig war – aber ich konnte nicht zu Hause rumhängen und mir die Decke auf den Kopf fallen lassen, wenn ich wusste, dass es einen Ort gibt, an dem ich unter Menschen sein und mich zumindest ansatzweise produktiv fühlen konnte). Das alles könnte ich schreiben, wenn es in meiner Natur läge, nachzutreten. (Kleiner Scherz. Habt Ihr gemerkt, ne?)

Vielleicht sollte ich nur noch eins sagen: Das oben Beschriebene fehlt mir. Kein Stück.

(Was mir fehlt, sind die drei, vier netten Kollegen, zu denen ich aber auch immer noch auf die eine oder andere Weise Kontakt habe und mit denen ich gerne ein paar Takte rede, wenn wir uns zufällig wo treffen. Das will ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Es war ja früher auch nicht alles schlecht.)


Sprache ist ein Anfang

Geneigte Leser, ich habe da mal was fremdgebloggt. Über Sprache, Fluchen und so.

Hier entlang, bitte.

In dem verlinkten Blog sind außer meinem noch ganz viele weitere tolle Beiträge zu finden. Stöbern und durchklicken lohnen sich!


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